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Welt

Loures: "Wir müssen wieder über Patente reden"

HIV-Infizierten fehlt in vielen Regionen der Zugang zu antiretroviralen Medikamenten, sagt Luiz Loures, stellvertretender Leiter des UN-Aids-Programms. Zum Welt-Aids-Tag spricht er über den Kampf gegen die Epidemie.

DW: Die Zahl der Neuinfizierungen mit HIV sinkt weltweit, nur männliche Jugendliche scheinen eine Ausnahme zu bilden. Warum?

Luiz Loures: Es handelt sich um eine globale Tendenz. In Asien, Europa und den USA steigt die Zahl der Infizierten unter jungen homosexuellen Männern. Diese schützen sich nicht mehr so wie die vorherige Generation. Die einzige wirklich globale Epidemie heute ist die Verbreitung von HIV unter jungen homosexuellen Männern. Dies bereitet Unaids große Sorgen.

Wird sich diese Tendenz in künftigen Aufklärungskampagnen niederschlagen?

Auf jeden Fall. Wir müssen uns auf diese Gruppe konzentrieren und dort für HIV-Tests werben. Denn Diagnostik ist extrem wichtig. Wer sich früh auf HIV testen lässt, hat bessere Behandlungschancen. Es gibt weltweit etwa 20 Millionen Menschen, die mit HIV infiziert sind und dies nicht wissen, weil sie sich nicht testen lassen. Dies ist mehr als die Hälfte aller mit HIV-infizierten Menschen weltweit.

Verläuft der Kampf gegen Aids im Norden und Süden mit unterschiedlichem Erfolg?

Der afrikanische Kontinent ist am stärksten von der Epidemie betroffen, doch dort lassen sich auch sehr gute Resultate beobachten. In Südafrika werden weltweit die meisten Menschen mit HIV und Aids behandelt, es gibt dort innovative Behandlungsformen und politische Strategien.

Und Brasilien: Ist das Land immer noch eine weltweite Referenz für den Kampf gegen Aids?

Dr. Luiz Loures (Foto Michael Kovac/Getty Images)

Dr. Luiz Loures, stellvertretender Leiter von UNAIDS

Ohne Zweifel. Brasilien spielt eine historische Rolle, und in Zukunft wird diese Rolle immer wichtiger. In der südlichen Hemisphäre ist Brasilien das erste Land, das bei der Behandlung von Aids die neue Strategie "90-90-90" umgesetzt hat. Dies bedeutet, dass 90 Prozent aller HIV-Infizierten getestet und 90 Prozent aller getesteten Infizierten behandelt werden, und dass bei 90 Prozent aller ärztlich behandelten Patienten die Viruslast so gering ist, dass keine Ansteckungsgefahr mehr besteht.

Fehlt es nicht gerade in vielen ärmeren Ländern an Geld, um allen Menschen wirklich Zugang zu Medikamenten und Behandlung zu verschaffen?

Natürlich brauchen die Länder mit niedrigem Einkommen mehr internationale Unterstützung. Der politische Wille, die Epidemie zu bekämpfen, ist in den meisten betroffenen Staaten vorhanden, aber wir beobachten mit Sorge, dass die finanzielle Hilfe der Industrieländer für diese ärmeren Staaten zurückgeht. Diese Solidarität darf nicht aufgekündigt werden. Das ist eine ethische Verpflichtung.

Wie viel Geld fehlt denn?

Zurzeit gibt die Weltgemeinschaft, arme und reiche Länder zusammen, rund 19 Milliarden US-Dollar für den Kampf gegen Aids aus. Bis jetzt sind diese Ausgaben immer gestiegen. Vorgesehen ist, dass sie bis zum Jahr 2020 auf 38 Milliarden Dollar ansteigen. Doch wir beobachten genau das Gegenteil. Tatsache ist, dass diese Summe stagniert oder sogar sinkt. Das darf auf keinen Fall passieren.

Brasilien hat vor der Welthandelsorganisation WTO erfolgreich für die Aussetzung der Patentrechte auf antiretrovirale Medikamente gestritten und dadurch dazu beigetragen, dass durch Generika eine billigere Behandlung ermöglicht wurde. Wird es in Zukunft neue Kämpfe um Patentrechte geben?

Die Frage der Patentrechte ist weiterhin wichtig, denn es werden neue Medikamente zugelassen, die effizienter sind und weltweit große Hoffnungen auslösen, aber sehr teuer sind. Ärmere Länder können sich diese lebensrettenden Cocktails nicht leisten. Die Lösung besteht deshalb in einer erneuten Diskussion über Patentrechte.

Ist der Widerstand gegen den Bruch von Patentrechten in Industrieländern immer noch so groß wie in den 80er und 90er Jahren?

Die Diskussion ist heute wesentlich konstruktiver als vor 30 Jahren, auch bei den Pharmafirmen. Wir haben voneinander gelernt. Zweifellos existiert heutzutage in der Pharmaindustrie die Bereitschaft, am Kampf gegen Aids mitzuwirken. Aber wir müssen unsere Differenzen offen austragen und Lösungen finden. Der Preis von Medikamenten darf nicht verhindern, dass immer mehr Aidskranke Zugang zur lebensnotwendigen Behandlung bekommen.

Ist das nicht unrealistisch?

Die Position von Unaids ist klar: Alle, die es brauchen, müssen Zugang zu medizinischer Behandlung und Medikamenten bekommen. Es gibt heute eine Reihe von internationalen Abkommen, auch innerhalb des "Übereinkommens über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums" (TRIPS), die Preissenkungen und die Produktion von Generika erlauben. Die Aufgabe von Unaids ist es, dafür zu sorgen, dass noch mehr Menschen behandelt werden. Wir hatten uns vorgenommen, 15 Millionen Menschen bis 2015 Zugang zu Medikamenten zu verschaffen, und dieses Ziel haben wir schon fast erreicht. Um die Aids-Epidemie zu beenden, müssen allerdings mehr als doppelt so viele Menschen wie heute behandelt werden. Und dafür müssen auch die neuen antiretroviralen Medikamente erschwinglich sein.

Wann wird es einen Impfstoff gegen Aids geben?

Das ist noch nicht absehbar, es wird zu wenig in die entsprechenden Forschungen investiert. Wesentlich positiver sind die Aussichten, was die Behandlung angeht, denn da geht die Forschung weltweit voran. Ich hoffe, dass wir in fünf Jahren soweit sind.

Der brasilianische Arzt Luiz Loures arbeitet seit 1996 beim UN-Programm für Aids. Seit 2013 ist er stellvertretender Leiter von Unaids. Zuvor hatte Loures im brasilianischen Gesundheitsministerium die nationale Aids-Strategie entwickelt, die weltweit als Referenz im Kampf die Immunschwäche gilt. Er war verantwortlich für den uneingeschränkten Zugang zu antiretroviralen Medikamenten von HIV-Infizierten in Brasilien.

Das Interview führte Fernando Caulyt.

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