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Wallfahrt

Lourdes: Feiern und beten in Uniform

Soldaten, die beten - auf der Internationalen Soldatenwallfahrt in Lourdes ein normales Bild. Neben dem bunten Spektakel gab es auch ernste Momente, samt Kritik an der deutschen Verteidigungsministerin.

"Für mich ist es ein Stück weit wie Ankommen, wie Auftanken." Yvonne Polling steht in Lourdes, dem Marienwallfahrtsort in den französischen Pyrenäen. Sie ist Stabsunteroffizierin der Bundeswehr. Und bereits zum vierten Mal nimmt die Sanitäterin eines Logistikbataillons aus Walldürn in Baden-Württemberg an der Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes Teil.  Die fünf Tage brächten ihr "jede Menge religiöse Impulse" und Freundschaften. 

Frankreich - 59. Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes (DW/C. Strack)

Stabsunteroffizierin Yvonne Polling

Soldatenwallfahrt nach Lourdes - das ist ein Event, fromm und farbenfroh, laut und still, ernst und gesellig zugleich. Der Ort ist weltbekannt, seitdem 1858 ein junges Mädchen Marien-Erscheinungen berichtete und die Kirche sie bald als glaubhaft anerkannte. Bei der diesjährigen 59. Internationalen Soldatenwallfahrt eroberten rund 12.000 Soldatinnen und Soldaten aus 48 Ländern das fromm vermarktete Städtchen, seine Bars und den "heiligen Bezirk" der Wallfahrt im Sturm.

Pauken, Trompeten, Dudelsack 

Militärkapellen spielen auf, von morgens um sechs bis tief in die Nacht ziehen Soldatengruppen singend und oft im Gleichschritt durch die Straßen. Mit Pauken und Trompeten, Alphörnern und Dudelsack. Am meisten fotografiert wird jedoch das Dutzend Schweizergardisten, das aus dem Vatikan anreiste. Ihr Chef hat ein Grußwort geschickt. Die Berufung von Soldaten sei es, "Diener des Friedens zu sein", schreibt Papst Franziskus da. 

Frankreich - 59. Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes (DW/C. Strack)

Prozession an der Grotte beim deutschsprachigen Gottesdienst in Lourdes

Bei aller Folklore - im 59. Jahr ihres Bestehens ist die Soldatenwallfahrt  auch etwas sehr Ernsthaftes. Am Rande des Wallfahrtsbereichs stehen französische Soldaten im Kampfanzug, den Finger am Abzug ihrer Maschinenpistolen. Wuchtige Betonklötze dienen als Fahr-Sperren - Frankreichs Angst vor neuem Terror. Und der Ernst dieser Tage zeigt sich auch bei der kleinen Gruppe jener, die einen Familienangehörigen bei einem Auslandseinsatz der Bundeswehr verloren haben und nun, individuell betreut von einem Seelsorger, der Einladung nach Lourdes folgten. Wie jene Mutter, die das Bild ihres gefallenen Sohnes auf dem T-Shirt trägt.

"Mehr spirituelle Tiefe"

Die Wallfahrt, sagt der französische Militärbischof Luc Ravel der Deutschen Welle, habe heute "mehr spirituelle Tiefe" als vor fünf Jahren. Nun kämen mehr junge Militärangehörige, weniger Veteranen oder Pensionäre. Und Ravel, der letztmals als Gastgeber fungiert und künftig Erzbischof von Straßburg ist, verweist auch auf eine andere Wahrnehmung in der französischen Gesellschaft. "Vor einigen Jahren fragten viele hier im Land: Warum brauchen wir überhaupt noch Militär? Das ist angesichts des Terrors heute anders." Seit einigen Jahren gehört zur Wallfahrt ein Totengedenken auf einem Platz im Zentrum von Lourdes, fern vom frommen Bezirk der Stadt. Irgendwann hebt da die Militärmusik an, die "Marseillaise" zu spielen. Zuerst singen französische Soldaten mit, dann die zahlreichen Kräfte der Gendarmerie, dann stimmen alle ein.  

Frankreich - 59. Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes (DW/C. Strack)

Traditionspflege: Soldaten aus Österreich posieren im Stahlhelm - für deutsche Soldaten ist das Thema heikel

Soldatenwallfahrt - das ist auch ein Schaulaufen der Traditionspflege, manche Uniform aus Mitteleuropa erinnert ans 19. Jahrhundert, Österreicher ziehen munter mit dem Stahlhelm umher. Für deutsche Soldaten ein heikles Thema. Von ihnen gibt es hier keinen spektakulären Marschschritt und keinen lauten Gesang. Und statt der üblichen Bundeswehr-Fahrzeuge sieht man im deutschen Zeltlager nur zivile Kennzeichen an neutralen Wägen. 

Die Wehrmachts-Debatte 

Und dann die Wehrmachts-Debatte. "Fürchterlich", sagt da jemand  zu den Berichten über die Vorfälle. Andere zeigen sich irritiert, wie nervös plötzlich am heimischen Standort nach Verdächtigem gesucht wurde.  Oder klagen über generelle Unterstellungen.  Unzufriedenheit ist spürbar. Besonders, als sich der deutsche Militärbischof Franz-Josef Overbeck, in diesen Tagen oft mit Soldaten im Gespräch, im Camp einer Talkrunde stellt. Die erste Frage aus dem Publikum beschäftigt sich mit dem Streit um die Wehrmacht. Da holt Overbeck aus, warnt vor einer "hysterischen Gesellschaft", spricht von einer "symbolhaften Ausradierung von Geschichte". Und die Runde applaudiert.  Den Namen von der Leyen spricht der Bischof kein einziges Mal aus. Aber alle hier, auch die eigens aus Berlin angereisten Bundestagsabgeordneten, wissen, dass der Beifall auch gegen die Verteidigungsministerin geht.  Sie riskieren viel für ihr Land und erwarten Rückendeckung. 

Frankreich - 59. Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes (DW/C. Strack)

Emotionaler Höhepunkt für viele Soldaten: die Lichter-Prozession in Lourdes.

Johannes Witsch, Oberstleutnant, war 2010 in Kabul, als beim Karfreitagsgefecht in Kundus drei deutsche Soldaten fielen. Lourdes, sagt er, biete die Chance, " einfach abzuschalten, zur Ruhe zu kommen, nachzudenken. Ihn beeindrucke außerdem die Begegnung mit Vertretern anderer Nationen. Das schildert auch Yvonne Polling, die Sanitäterin. Vom ersten Tag ihrer ersten Wallfahrt an habe sie Freundschaften geschlossen, mit Österreichern, Franzosen, Engländern. Facebook sei dank treffe man sich dann in Lourdes wieder. Zum lauten Feiern und stillen Pilgern.

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