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Deutschland

Lorenz: "Abschaffung des § 175 war Befreiung"

Gefängnis für Sex. Das drohte Homosexuellen lange auch in Deutschland. Erst vor zwanzig Jahren wurde der "Schwulenparagraf" 175 endgültig abgeschafft. Auch Gottfried Lorenz wurde damals zum Opfer.

Der Paragraf 175 wurde nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 eingeführt. Damals belegte er "widernatürliche Unzucht" zwischen Männern mit bis zu sechs Monaten Gefängnis. In der Nazi-Zeit wurde der Paragraf verschärft. Zehntausende Homosexuelle landeten in Konzentrationslagern. Tausende wurden ermordet. Die Bundesrepublik behielt die NS-Fassung des Paragrafen weitgehend bei. Erst 1969 wurde Homosexualität unter Erwachsenen legalisiert. Bis 1994 galten aber andere Schutzaltersgrenzen für Schwule als für Heterosexuelle: Eine homosexuelle Beziehung zwischen volljährigen und minderjährigen Männern war bis dahin illegal.

Deutsche Welle: Herr Lorenz, wie ist denn die Situation für Homosexuelle in Deutschland heute, 20 Jahre nach der endgültigen Abschaffung des Paragrafen 175?

Gottfried Lorenz: Man muss zwischen der rechtlichen und der gesellschaftlichen Situation unterscheiden. Die rechtliche Situation ist seit 1994 bereinigt, die Verfolgung und das Sonderstrafrecht gegen Homosexuelle beendet.

Auf der anderen Seite ist die gesellschaftliche Perspektive. Da sieht es nicht ganz so günstig aus. Denn nach wie vor gibt es Vorurteile gegenüber Homosexuellen. Viele junge Leute haben zum Beispiel nach wie vor große Schwierigkeiten, sich selber einzugestehen, dass sie schwul sind und es dann auch ihren Eltern beizubringen. Da hat sich nicht viel geändert gegenüber der Zeit als ich jung war.

Warum war die Abschaffung des Paragrafen 175 so wichtig für die Gleichberechtigung?

Weil sie rechtlich ein Sonderstrafrecht beseitigte. Der Homosexuellen-Paragraf war ja einer der ganz wenigen, bei denen es nicht um Schädigung eines Menschen ging, was das Strafrecht sonst immer im Fokus hat. Hier war ja niemand, der geschädigt wurde. Und dass dieses Sonderrecht aufgehoben wurde, war ein Riesenerfolg.

Was bedeutet die Abschaffung des Paragrafen 175 für sie persönlich?

Eine Befreiung, wie für alle Menschen meiner Veranlagung und meines Alters, die die Verfolgungssituation noch ganz massiv miterlebt haben.

Was haben sie damals erlebt - Sie sind ja erpresst worden?

Das war jemand, der aufgrund eines sexuellen Kontaktes von mir Geld gefordert hat. Ich war damals Student, stand kurz vor meiner Doktorprüfung. Das wäre ein massiver Karriereeinbruch gewesen.

Ich bin dann sofort zur Polizei gegangen. Es gab die Regel, dass Erpressungsopfer, wenn sie zur Polizei gehen, in der Regel vor Strafverfolgung sicher sind. Aber es waren harte Monate.

Wie hat sich der Paragraf 175 auf das tägliche Leben von Homosexuellen ausgewirkt?

Traumatisierend - die Menschen hatten immer das Gefühl, dass das, was sie tun, rechtliche Folgen haben könnte.

Wie erklären Sie sich, dass die Bundesrepublik über Jahrzehnte einen Paragrafen aus der Nazizeit weitgehend beibehielt?

Weil das gesellschaftliche Umfeld es zum großen Teil akzeptierte. Das war ein weitgehender gesellschaftlicher Konsens von rechts bis links, dass Homosexuelle Verbrecher sind. Der Paragraf 175 war in der Kaiserzeit, der Weimarer Republik, in der Nazi-Zeit und auch nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend akzeptiert. Es gibt Menschen, die sagen in Umfragen, dass sie tolerant gegenüber Homosexuellen sind. Wenn es aber dann darum geht, ob sie es akzeptieren würden, dass ihr eigener Sohn schwul oder ihre Tochter lesbisch ist, sacken die Zustimmungszahlen massiv nach unten.

In der Bundesrepublik wurden mehrere zehntausend Menschen wegen Verstößen gegen den Paragrafen 175 verurteilt - was ist mit denen geschehen?

Die Männer, die verurteilt worden sind, hatten immer im Strafregister einen Eintrag. Das war für ihre Karriere ein massiver Einbruch. Als Beamte verloren sie ihre Position, in der freien Wirtschaft waren sie auch nicht gerne gesehen. Es änderte sich ihr gesamtes Lebensumfeld.

Neben den Urteilen gab es Hunderttausende, gegen die ermittelt wurde. So ein Ermittlungsverfahren konnte über zwei Jahre dauern und diese Menschen haben natürlich auch enorme Einbrüche gehabt. Das Problem ist neben den Urteilen vor allem die Verfolgungssituation, ständig Angst haben zu müssen. Das war das Entscheidende. Und das traf Hunderttausende. Die Kriminalisierung von Hunderttausenden Menschen.

Sollten diese Menschen rehabilitiert werden?

Das wäre eine ganz wichtige Sache. Das ist eine politische Frage und das muss in der Politik entschieden werden.

Sehen sie da Handlungsbedarf?

Aber selbstverständlich.

Gottfried Lorenz (geb. 1940) ist Historiker. Er hat unter anderem verschiedene Bücher zur Geschichte der Hamburger Homosexuellen-Bewegung veröffentlicht.

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