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Europa

Londons Bankenviertel brummt wieder

Die Banken in London verdienen wieder Geld. Sie schütten Bonus-Zahlungen an ihre Spitzen-Broker aus, obwohl sie die Staatshilfen noch nicht zurückgezahlt haben. Ist die Krise vorbei und alles wieder wie vorher?

Eine Frau geht einem Schaufenster vorbei, das den Abwärtskurs der Londoner Börse zeigt (AP Foto/Kirsty Wiglgesworth)

Britische Banken wurden nach Börsencrash teilweise verstaatlicht

Vor weniger als einem Jahr standen einige der größten britischen Banken vor dem Bankrott. Sie bettelten um die Unterstützung durch die Steuerzahler und die Bankiers entschuldigten sich reihenweise vor einem Ausschuss des Parlaments. Banker wurden entlassen, Kneipen, Restaurants und Geschäfte in der City, dem Londoner Finanzviertel, mussten dicht machen.

Sechs Monate später sieht die Welt wieder ganz anders aus. In exklusiven Dachterrassenrestaurants hoch über dem Londoner Bankenviertel spürt man keine Anzeichen von Zerknirschung. Es wird wieder auf Firmenkosten getafelt. Die Restaurants sind gut gefüllt. John Purcelll, einer von Londons gefragtesten Head-Huntern, trifft beim noblen Lunch seine Kunden. Er glaubt, dass die guten Zeiten jetzt wieder richtig anfangen, besonders für die Börsenmakler, die als Verkaufsasse gelten, die so genannten "Regenmacher". Jahresgehälter von 45 Millionen Euro könnten diese Regenmacher inzwischen wieder einstreichen. "Da wird richtig großes Geld verdient", weiß Head-Hunter John Purcell.

Die Boni fließen wieder

AP Tom Hevezi Filiale der Barclays Bank in London

Die Barclays Bank zahlt wieder Prämien

Die Barclays Bank zahlt in diesem Jahr 700 Millionen Euro Bonus an ihre 400 besten Angestellten. Das sind pro Kopf im Durchschnitt 1,75 Millionen Euro. Die Bonus-Ausschüttung an die britischen Top-Mitarbeiter der US-amerikanischen Bank Goldmann Sachs ist sogar noch größer: rund vier Milliarden Euro.

Diese Praxis stößt aber auch auf Kritik. Jack Dromey ist der stellvertretende Vorsitzende der Unite-Gewerkschaft. Er warnt, dass es genau diese extravaganten Belohnungen waren, die zu riskanten Finanzgeschäften verleitet hätten, die wiederum die Ursache der Finanzkrise seien. Die Beweise liegen klar für Jack Dromey klar auf der Hand: "Es gibt einige, die haben überhaupt nichts aus dem Debakel gelernt", schmipft er. "Ein Debakel, das die Arbeitsplätze von Hunderttausenden unserer Gewerkschaftsmitglieder bedroht. Ich zweifle ihre Moral an. Was ist das für eine Gesellschaft, in der ein Investment Banker in einem Jahr ein Gehalt bekommt, von dem 100 durchschnittliche Haushalte leben könnten."

Kann man auf die Gewinne vertrauen?

AP Lews Whyld Pressekonferenz Premier Brown Finanzminister Darling Großbritannien zum Rettungspaket gegen die Finanzkrise. Beide Männer stehen hinter hohen braunen Rednerpulten.

Premier Brown (links) und sein Finanzminister Darling verkündeten im Januar das große Rettungspaket

Selbst in Anhängern des Freien Marktes gären Zweifel, zum Beispiel in Rose Altman. Sie war früher Investment Bankerin in London. Die derzeitigen Gewinne der Banken, die die neuen Bonuszahlungen auslösen, könnten eine Illusion sein, warnt sie. Natürlich sei es gut, dass die Banken im Moment Gewinne machten. Aber vor der Krise hätten die Banken auch behauptet, alles sei solide. Rose Altman: "Man muss da wirklich nach der Substanz dieser Gewinne fragen. Sind das nur Ausnahmen, weil wir jetzt Geld verdienen wegen der sehr niedrigen Kosten und weil es keine Konkurrenz gibt? Oder gibt es eine wirkliche Erholung?"

Wie in den Vereinigten Staaten von Amerika haben viele Banken in Europa unglaubliche Summen zur Stützung von den Steuerzahlern erhalten, besonders viel in Großbritannien: insgesamt rund 1,4 Billionen Euro. Währenddessen hat die Bank von England, die britische Notenbank, die Zinsraten unnatürlich niedrig gehalten. Das erlaubt den Banken billig Geld aufzunehmen und höhere Gewinne für ihre Kredite einzustreichen, auf Staatskosten sozusagen. Vor sechs Monaten hatte Premierminister Gordon Brown noch gefordert, die kurzfristig angelegte Bonuskultur der Banken müsse ein Ende haben.

Die Qual der Wahl: Boni zahlen oder Top-Leute verlieren

Pfundnoten (Foto: Bilderbox)

In Großbritannien wird das Bonus-System eher nicht abgeschafft

Davon ist nun nicht mehr die Rede, denn das Bonus-System tatsächlich abzuschaffen scheint unmöglich zu sein. Die Banken selbst hätten kaum eine Wahl, glaubt die Journalistin Jillian Tett von der Financial Times. Sie müssten Top-Leute mit Geld ködern, weil sie sich untereinander eine sehr starke Konkurrenz machten: "Sie fürchten, dass sie ihre guten Leute und ihre wichtigen Schlüsselfiguren verlieren, die sie für den Weg aus Krise brauchen, wenn sie nicht üppig zahlen."

Die britische Regierung hat ein großes Interesse daran, dass die Banken schnell wieder gute Geschäfte machen, denn schließlich stecken in den wichtigsten britischen Banken Milliarden an Steuergeldern und Staatshilfen. Die Finanzindustrie ist eine überlebenswichtige Quelle für Steuereinnahmen. Ohne sie läuft nichts, deshalb ist ein massives Vorgehen gegen das Bonussystem wahrscheinlich gar nicht möglich, vermutet Jillian Tett von der Financial Times: "Wenn Großbritannien alleine versuchen würde, die Banker in die Zange zu nehmen, wenn Großbritannien dies nicht im internationalen Verbund versucht, dann gibt es die große Gefahr, dass die Finanzindustrie einfach aus Großbritannien flieht." Bis jetzt habe sich auf tragische Weise erwiesen, dass die Krise sich so schnell entwickele, dass gar keine Zeit bleibe, sich international großartig zu koordinieren. Jedes Land ergreife seine eigenen Maßnahmen ohne Koordination.

Autor: Stehen Beard/Bernd Riegert
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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