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Europa

Londoner Polizei muss sich den Fragen stellen

Trotz der Kritik an der irrtümlichen Erschießung eines Brasilianers in London will die britische Polizei an ihrer Praxis festhalten, Terrorverdächtige im Zweifelsfall per Kopfschuss zu töten.

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Jean-Charles de Menezes (2. v. r.) mit seiner Familie

Dazu gebe es keine Alternative, sagte Scotland-Yard-Chef Ian Blair am Sonntag (24.7.2005). Wenn der Verdacht bestehe, dass jemand einen Sprengstoffgürtel trage, sei es unmöglich, ihm in die Brust zu schießen, weil sich dort der Sprengsatz befinden könnte. Auch auf andere Körperteile zu zielen habe keinen Sinn, weil der Attentäter dann die Bombe noch zünden könnte.

Tiefes Bedauern


Für den Tod des brasilianischen Elektrikers Jean-Charles de Menezes übernahm der Polizeichef die volle Verantwortung. "Das ist eine Tragödie", sagte Blair. Der Familie des Opfers könne er nur sein tiefes Bedauern aussprechen. Die britische Polizei tue alles, um sich korrekt zu verhalten. Entscheidungen dieser Art würden jedoch in "furchtbaren Zusammenhängen" getroffen. Blair sagte weiter, er könne auch nicht ausschließen, dass weitere Menschen bei der Fahndung nach den verhinderten Selbstmordattentätern vom letzten Donnerstag erschossen werden könnten. Die Polizei wollte am Montag mit einer internen Untersuchung des Vorfalls beginnen.

Nähe Londoner Stockwell Station, wo der Brasilianer Jean Charles de Menezes erschossen wurde

In der Nähe der U-Bahnstation Stockwell, wo die tödlichen Schüsse fielen

Terrorfahnder in Zivil hatten am Freitag (22.7.) den 27-jährigen Brasilianer in einem Londoner U-Bahnhof aus nächster Nähe mit fünf Kopfschüssen getötet. Sie hatten ihn irrtümlich für einen Terrorverdächtigen gehalten. Neue Anti-Terror-Gesetze erlauben diese Praxis.

Brasilien will wissen, was geschehen ist

Die brasilianische Regierung forderte Aufklärung. In Brasilien löste der Tod von Menezes Empörung aus. "Wir sind schockiert und perplex", sagte Außenminister Celso Amorim. Seine Regierung warte auf die Erklärungen der britischen Behörden "zu den Umständen, die zu dieser Tragödie geführt haben". Die Zeitung "O Globo" schrieb am Sonntag von einer "Hinrichtung". Amorim besprach den Zwischenfall am Rande einer internationalen Konferenz mit seinem britischen Amtskollegen Jack Straw.

Am Samstagabend hatte Scotland Yard mitgeteilt, der Brasilianer habe nichts mit den Attentatsversuchen vom Donnerstag zu tun. Polizeichef Blair hatte zuvor gesagt, es gebe eine "direkte Verbindung" zwischen dem Mann und den versuchten Anschlägen auf drei U-Bahnen und einen Bus. Menezes war in einem weiten Mantel aus einem Haus gekommen, das im Zuge der Terrorermittlungen beobachtet wurde. Polizisten beschatteten ihn auf dem Weg zur U-Bahn. Dort wurde er von den Polizisten aufgefordert, stehen zu bleiben. Der Mann lief jedoch in Richtung einer U-Bahn. Dort erschossen ihn die Polizisten.

Keine unschuldigen Toten durch Übereifer

Die Menschenrechtsorganisation Liberty verlangte eine umfassende Untersuchung. Iqbal Sacranie, Generalsekretär des Muslimischen Rates in Großbritannien, sagte, er könne den Druck, der auf der Polizei laste, verstehen, aber es müsse "größte Sorge getragen werden, dass unschuldige Menschen nicht auf Grund von Übereifer getötet werden".

Drei Verdächtige festgenommen

Unterdessen lief die Fahndung nach den Verantwortlichen der fehlgeschlagenen Bombenanschläge in London vom Donnerstag (7.7.) weiter auf Hochtouren. Die Polizei setzte eine der größten Fahndungsaktionen in der Geschichte des Landes fort. Dabei wurde eine Bombe gefunden. Drei Verdächtige befinden sich im Gewahrsam der Polizei. Kriminaltechniker untersuchten außerdem weiter die nicht gezündeten Bomben. Es gab Spekulationen, dass der verwendete Sprengstoff aus derselben Quelle wie die Bomben vom 7. Juli stammen könnte. Bei jenen Selbstmordanschlägen, ebenfalls in drei U-Bahnen und einem Bus, waren 56 Menschen getötet und weitere 700 verletzt worden. (kap)

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