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Europa

London ein Jahr nach den Anschlägen

Ein Jahr nach den Anschlägen auf London sind viele Fragen noch immer offen. Überlebende warten auf eine öffentliche Untersuchung. Sicherheitsexperten werfen der britischen Regierung schwere Versäumnisse vor.

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Gedenken und Trauer ein Jahr danach

Rachel North fuhr mit der Londoner U-Bahn von Kings Cross nach Russell Square, als am 7. Juli 2005 eine Bombe explodierte. Dieser Moment habe ihr Leben verändert, sagt sie heute. "Ich wünschte, ich könnte aufhören daran zu denken, könnte zur Arbeit gehen, zum Frisör gehen, in Urlaub fahren - eben all die Dinge tun, die ich normalerweise tue, ohne das Erlebnis im Hinterkopf zu haben", sagte sie in einem Telefoninterview. "Aber es ist eine Tatsache, dass Menschen gleich neben mir zerfetzt wurden."

Rachel North (Name geändert) eröffnete ein Blog für Überlebende, half, die Selbsthilfegruppe "Kings Cross United" zu gründen und veranlasste eine Online-Petition, um die Regierung zu einer öffentlichen Untersuchung zu zwingen. "Es geht mir nicht um Schuldzuweisungen oder Politik", sagt sie. "Die großen Fragen unserer Zeit wie Freiheit, Angst und Sicherheit müssen in der Öffentlichkeit debattiert werden. Selbst wenn die Regierung die Fragen nicht mag - wir sind es, die die Kosten tragen - wir tragen die Risiken in den Zügen, Bussen und Straßen, jeden Tag. Wir wollen wissen, was passiert ist und warum."

Ein Kommunikations-Disaster

Antworten auf diese Fragen zu bekommen ist, so hat sich gezeigt, schwierig. Die britische Regierung sagt, dass eine solche Untersuchung zu kostspielig und eine Ablenkung im Krieg gegen den Terrorismus sein würde. Aber herauszufinden, was genau an jenem geschäftigen Nachmittag vor einem Jahr in London geschah, als vier Selbstmordattentäter sich in drei U-Bahnen und einem Doppeldeckerbus in die Luft sprengten und dabei 52 Menschen töteten und Hunderte verletzten, ist noch nicht alles, was die Opfer wollen.

London Gedenktag Bombenanschläge

Blumen zur Erinnerung

Die Erfahrung, dass die Kommunikationssysteme der Stadt zusammen brachen und das allgemeine Chaos in den Stunden nach dem Anschlag so noch verstärkt wurde, trägt zum Gefühl der Hilflosigkeit unter Überlebenden und Sicherheitsexperten bei. "Vor 14 Jahren wurde festgestellt, dass die Kommunikationswege nicht richtig funktionieren, aber es wurde kein Geld investiert, um sie zu verbessern," sagt Robert Ayers, ein Sicherheitsexperte im Königlichen Institut für Außenpolitik. "Die ersten Reaktionen der unteren Ebenen waren großartig, aber die Führungsebenen haben versagt."

Monatelange Jagd

Nach dem Anschlag begannen die Entscheidungsträger mit einer monatelangen Jagd auf andere Verschwörer. Sie ließen Verdächtige verhaften und erließen Gesetze, welche die Sicherheit erhöhen und den Ermittlern dabei helfen sollten, mögliche Terroristen aufzuspüren. Aber Sicherheitsexperten halten die Maßnahmen der Regierung für unangemessen. Die britische Regierung habe Polizei und Geheimdienste vor allem angewiesen, die Aufmerksamkeit stärker auf internationale Bedrohungen zu richten, sagt Ayers. Diese hätten daraufhin versucht, mehr Muslime und mehr Asienspezialisten zu rekrutieren.

Nach zweiten Bombenanschlag in London Zeitungsleser

Auch heute noch beschäftigen offene Fragen die Überlebenden

Aber im Gegensatz zu den Amerikanern, die sich nach dem 11. September 2001 bemühten, die Terrorismusbekämpfung und die Rettungsdienste besser zu koordineren und stärker zu zentralisieren, hätten die britischen Behörden auf die gleiche Art und Weise weitergearbeitet wie zuvor, so Ayers.

"Es gibt zwar einen Ansatz zu mehr Zusammenarbeit, aber keine Organisation mit oberster Befehlsgewalt, einem zentralen Budget oder Hauptverantwortung", sagt er. "Und sie sind auch nicht besser koordiniert. Man kann von verschiedenen Institutionen, die unterschiedlich und mit unterschiedlicher Denkweise arbeiten, nicht erwarten, dass sie im Moment des Chaos' effektiv reagieren."

Sorgen um Bürgerrechte

In den Monaten nach den Anschlägen verabschiedete die britische Regierung weitere Gesetze zur Bekämpfung des Terrorismus. So kann die Polizei Personen jetzt einfacher anhalten und befragen und Verdächtige bis zu 28 Tage ohne Anklage festhalten. Die "Glorifizierung" von Terrorismus wurde unter Strafe gestellt und Verdächtige können gezwungen werden, 18 Stunden täglich zu Hause zu verbringen, ohne Handys oder das Internet zu benutzen.

Kritiker meinen, die Maßnahmen seien gefährlich und schränkten die Bürgerrechte ein. Ein Richter urteilte vergangene Woche, dass solche Kontrollen gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen. Selbst Regierungsmitarbeiter stellen das Vorgehen in Frage.

London Terroranschläge auf U-Bahn und Bussystem in London zerstörter Bus

Die Frontsicht auf den Bus, der bei den Anschlägen zerstört wurde

"Auf Terrorismus bezogene Maßnahmen sollten für Zwecke genutzt werden, die den Terrorismus betreffen, ansonsten ist ihre Glaubwürdigkeit schwer beschädigt", schrieb Lord Carlile, der britische Terrorismusberater der Regierung in seinem jährlichen Bericht, der im Juni veröffentlicht wurde. "In einer facettenreichen Gesellschaft schadet der fehlerhafte Gebrauch von Befugnissen gegenüber Personen, die keine Terroristen sind, den gemeinschaftlichen Beziehungen."

"Kollektive Bestrafung"

Hunderte von Festnahmen und dutzende von Hausdurchsuchungen in Häusern von Muslimen im vergangenen Jahr haben nur zu wenigen Verurteilungen geführt, aber die Spannungen innerhalb der Gesellschaft erhöht, glauben viele Beobachter. Das sei "nichts weniger als eine Politik der kollektiven Bestrafung im israelischen Stil, bei der die muslimische Gemeinschaft geopfert wird und in der ständigen Angst leben soll, angehalten oder von der Polizei besucht zu werden", hieß es in einem Leitartikel der "Muslim News", einer Monatszeitung für Muslime, die in Großbritannien leben.

Jetzt fordern die Muslime zusammen mit den Überlebenden und der Öffentlichkeit immer lauter eine öffentlichen Untersuchung - statt der vagen Berichte, die die Regierung bisher angeboten hat. Der Terror-Experte Ayers glaubt, dass eine öffentliche Untersuchung wie die in den USA nach dem 11. September notwendig ist, um reinen Tisch zu machen - und es den Opfern zu gestatten, das Kapitel zu schließen. "Es gibt ein immanentes Misstrauen in der Öffentlichkeit in Bezug auf das, was tatsächlich geschehen ist und auf das, was die Regierung sagt, was geschehen sei", sagt er. "Eine Untersuchung könnte Klagen, Gegenklagen und Verschwörungstheorien ein für alle Mal beenden. Und es könnte leidenden Überlebenden helfen und ihnen endlich Gewissheit verschaffen."

Aber Überlebende verlangen keinen einfachen Abschluss der Sache. "Es ist wirklich hart für uns – es wäre so viel einfacher, es einfach abzutun," sagt North über die Bemühungen der Überlebenden, eine öffentliche Untersuchung durchzusetzen. "Aber wir glauben, dass eine Untersuchung Lehren erteilen kann, von denen wir glauben, dass sie in der Zukunft Leben retten."

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