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Sport

London calling: Wie die Briten das Siegen lernten

DW-Reporter Titus Chalk berichtet seit zwei Wochen für uns von den Olympischen Spielen in London. Als gebürtiger Brite ist er überwältigt von den ungewohnten Medaillenerfolgen seiner Landsleute.

Titus Chalk in London (Foto: DW)

Titus Chalk in London

Langsam aber sicher wird der Olympia Park leerer. Die Haupt-Verkehrsadern sind nicht mehr so verstopft, jetzt, wo die letzen Wettkämpfe stattfinden und das Ganze auf die Zielgerade zur Abschlussfeier einbiegt. Die Stimmung ist schon fast ein bisschen melancholisch. Aber was bleiben wird, ist die Stätte, an der sich in Großbritannien eine grundlegende Wandlung vollzog.

Sicherlich, das ganze Land ist in den vergangenen zwei Wochen aus dem Dauerlächeln nicht mehr herausgekommen, doch es war ein 37-Minuten -Zeitfenster, in dem sich die Psyche der Briten nachhaltig veränderte. Im Olympia Stadion waren es die britischen Leichtathleten Jessica Ennis, Greg Rutherford und Mo Farah, die im Siebenkampf, Weitsprung und im 10.000-Meter-Lauf Erfolge erzielten, wie sie in diesem Land bislang unerhört waren. Der Jubel und die Emotionen, die das freisetzte waren in ganz London spürbar – und ich war wohl nicht der Einzige, dem das die Tränen in die Augen trieb.

Man muss wissen, dass wir zur Selbst-Erniedrigung neigen. Das ist zwar der Stoff für viele Witze, es hat aber auch den Sport auf der Insel jahrelang überschattet. Nicht nur, dass wir uns als die Meister der historischen sportlichen Niederlagen sehen, wir haben vielmehr auch in den vergangenen sieben Jahren durchgehend daran gezweifelt, dass wir die Organisation dieses Großevents überhaupt hinbekommen – geschweige denn eigene Weltklasse-Sportler in die Wettbewerbe schicken können. Jetzt sind wir selbst am meisten überrascht, wenn wir uns den Medaillenspiegel ansehen.

Wundersame Wandlung

Die Britin Jessica Ennis läuft mit der Fahne Großbritanniens durch das Stadion (Foto: dpa)

Jessica Ennis hat großen Anteil an dem neuen "Wir-sind-wer-Gefühl" in Großbritannien

Plötzlich sind wir Sieger. Von Danny Boyles Eröffnungsfeier angefangen, die mit ihrer Eigenwilligkeit und Aufrichtigkeit die Basis schuf für ein ganz neues Selbstbewusstsein. Wir können mit dem Ruf leben, ein wenig sonderlich und abgehoben zu sein – und jetzt, so scheint es, können wir auch damit leben, als Favoriten zu gelten. Von der Ruderstrecke zum Velodrom bis zum Leichtathletik-Stadion hat Großbritannien nun völlig untypisch sein ganzes Potenzial abrufen können. In Einzelfällen konnten wir sogar Favoriten aus den USA oder Australien schlagen. Und dabei dachten wir doch immer, dabei sein sei alles...

Jessica Ennis hat uns selbst doch in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen: Eine fotogene und doch bodenständige Frau, deren Leben von (typisch britischem) Pech geprägt war, wozu auch ein kurz vor den Olympischen Spielen in Peking gebrochener Fuß gehörte. So war sie vor diesen Spielen in den nationalen Medien zur Heldin hochstilisiert worden. Die Bühne war bereit für eine respektable, durchschnittliche Leistung, bei der sie vielleicht sogar Zweite hätte werden können und – vielleicht nach einer Enttäuschung im Speerwerfen – eine ganz prima Silbermedaille hätte erreichen können. Stattdessen hat sie sich über den öffentlichen Druck und das nationale Faible für das knappe Scheitern hinweggesetzt und sich nicht gestattet, von der Atmosphäre angesteckt zu werden. Bis zum Ende. Sie war total fokussiert; hat sich einfach von persönlicher Bestmarke zu Bestmarke vorgearbeitet, hat im Wettkampf geführt und sich diese Führung nicht mehr nehmen lassen.

Die britische Öffentlichkeit jubelte und begriff, wie es ist einen Sieger zu umarmen. Die Briten haben die Spiele als einmaliges Ereignis begriffen und haben jede Gelegenheit genutzt, mitzumachen und anzufeuern. Und das ist es auch, warum die Olympischen Spiele die Nation nachhaltig verändern werden. Wir können alle etwas mitnehmen von diesen Athleten, an deren Erfolg wir auch einen ganz kleinen Anteil haben. Wir können von ihnen siegen lernen.

Das ist die beste Einstellung, die man haben kann – und eine, die Großbritannien nach London 2012 nicht mehr so einfach aufgeben wird.