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Sport

London Calling: Die Verwandlung einer Stadt

Die Olympischen Spiele haben London stark verändert. Aber es ist nicht nur die neue Infrastruktur, sondern auch die veränderte Einstellung der Menschen, über die der Ex-Londoner und DW-Reporter Titus Chalk staunt.

Wenn ich dieser Tage unter dem bleifarbenen Londoner Sommerhimmel im Gras sitze, spüre ich die Versuchung zu fragen, was sich hier eigentlich nicht verändert hat. Als ehemaliger Londoner, der dem Smog der britischen Metropole vor zwei Jahren den Rücken gekehrt hat, um nach Berlin zu ziehen, stelle ich fest, dass es so viel Brandneues in dieser Stadt zu entdecken gibt, die für die Olympischen Spiele geradezu umgekrempelt wurde.

Abgesehen von der wundersamen Wandlung in der Lebenseinstellung ihrer Bewohner, die die Spiele mit sich gebracht haben (das strahlende Lächeln der meisten Menschen hier steht im krassen Gegensatz zu dem, was wir letztes Jahr um diese Zeit hier sehen konnten, als Unruhen und Straßenschlachten die Hauptstadt fest im Griff hatten). Jetzt habe ich das klare Gefühl, dass diese weitläufige Stadt geradezu einen topographischen Wandel durchmacht.

Man sieht es sofort auf dem Stadtplan: Orange und türkisfarbene Linien sind da entstanden, die die olympischen Stätten an das öffentliche Verkehrsnetz anbinden und mit den bestehenden Linien verwoben sind. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre die Stadt noch einmal um die Hälfte gewachsen: Neue Stadtteile laden jetzt dazu ein, sie zu erschließen und der Blick wird in den Osten gelenkt, in Gegenden, die früher ein Schattendasein führten. Das ist die Folge der Investitionen in die Infrastruktur – aber auch die Manifestation der Immobilienspekulation, die damit Hand in Hand ging.

Szene mit Menschen in der U-Bahn in London (Foto: AP/dapd)

Neue Stadtteile laden jetzt dazu ein, sie zu erschließen

Die Entwicklung der östlichen Stadtteile ist noch lange nicht abgeschlossen. Es wird wohl noch rund zwei Jahre dauern, bis der ehemalige Olympische Park mit echtem Leben erfüllt ist. Erst nachdem die Olympischen Spiele und die Paralympics vorbei sind, wird in dieser geradezu gespenstischen Ansammlung weißer Bauten echtes städtisches Leben wachsen. Erst dann wird sich zeigen, ob all das wahr wird, was man in der Bewerbung um die Austragung der Olympischen Spiele dem Internationalen Olympischen Komitee versprach. Weniger messbar wird das ideelle Erbe der Spiele sein: Wird das fröhliche Lächeln andauern, wenn der olympische Zirkus weitergezogen ist? Werden die Londoner sich weiterhin angeregt über Frauenfußball und Turnen unterhalten, wenn sie morgens mit der "Underground" zur Arbeit fahren, auch wenn die Erinnerung an den Glanz der Medaillen langsam verblasst?

Es ist einfach, solche Fragen knapp und zynisch mit "Nein" zu beantworten. Aber wenn ich nach dem gehe, was ich in den letzten Tagen in meiner ehemaligen Heimatstadt gesehen habe, so entdecke ich da wenig Raum für Zynismus.

Als Reporter in London lebe ich derzeit von Sportmeldungen und Kaffee. Aber jeden Morgen, wenn ich an den olympischen Sportstätten ankomme, packt mich gleich wieder die Euphorie. Ich sehe die strahlenden Menschen und spüre ihre Freude, an diesen Spielen an diesem Tag teilnehmen zu dürfen. "Inspire a generation" ist das Motto dieser Spiele, und es ist allzu leicht, die Nase darüber zu rümpfen und das als Marketing Slogan abzutun. Aber da täte man all den begeisterten Menschen hier Unrecht: Von den freiwilligen Helfern bis zu den Kindern, die jeden Abend aus den Sportstätten kommen. London hat sich verändert durch die Olympischen Spiele – und die Verwandlung ist noch lange nicht abgeschlossen.

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