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Sport

London Calling: 9,63 Sekunden Gänsehaut

Die Usain-Bolt-Show wirke nur im Fernsehen, dachte DW-Reporterin Olivia Fritz. Doch dann erlebte sie das 100-Meter-Rennen der Männer live aus dem Zuschauerblock mit – und war vollkommen hingerissen.

Olivia Fritz vor Towerbridge.Foto: Björn Gerstenberger

Olivia Fritz

Die Spannung steigt im randvoll gefüllten Olympiastadion. Es kribbelt, ein Knistern liegt in der Luft. Die Sonne ist längst untergegangen, Flutlicht erhellt die Bahnen. In einer Ecke des weiten Stadions haben sich die schnellsten Männer der Welt versammelt. Gleich werden sie losstürmen. Alle schauen nur auf sie. Auch ich. Das Hammerwurf-Finale gerät zur Nebensache. Und dann wird es still.

Fantastisches Publikum

Die 80.000 Zuschauer auf den Rängen haben schon einiges erlebt an diesem Sonntagabend im August: Hochsprung der Männer, Hammerwurf, Hürdenläufe. Ein Höhepunkt ist das Halbfinale im 400-Meter-Lauf der Männer mit dem beidseitig beinamputierten Südafrikaner Oscar Pistorius. Als er vorgestellt wird, brandet wilder Applaus auf. Der Jubel begleitet ihn weiter, obwohl er abgeschlagen Letzter wird. Einen noch besseren Vorgeschmack darauf, wozu das sehr fachkundige Publikum emotional in der Lage ist, bekomme ich beim 400-Meter-Lauf der Frauen. Christine Ohuruogu stürmt auf Rang zwei – Silber für Großbritannien und dazu ohrenbetäubender Jubel auf den Rängen.

Der Abend ist kurzweilig, ständig finden Wettkämpfe statt. Man weiß gar nicht genau, wo man hinschauen soll. Als es einmal heftig knallt, kann ich mir nur durch die wilden Gesten des Hammerwerfers denken, was passiert sein könnte. Außerdem hat der Käfig plötzlich eine Delle. Manche Wettkämpfe laufen irgendwie nebenher, dennoch fühlen sich alle bestens unterhalten. Eine letzte Siegerehrung. Und dann blinkt auf der Anzeigetafel der Hinweis auf, dass das große Finale kurz bevorsteht: der 100-Meter-Lauf der Männer. Der Höhepunkt des Abends, wenn nicht gleich der Höhepunkt der Olympischen Spiele.

Olivia Fritz mit jamaikanischen Fans. Foto: Björn Gerstenberger

Die Fans aus Jamaika sind aus dem Häuschen, Olivia Fritz auch

Kreischen bis zur Ehrenrunde

Die eben noch so laute Musik verklingt. Die deutsche Gruppe hinter mir wispert nur noch. Selbst die vorher so lautstarken Jamaikaner in der Reihe vor mir wirken nervös und angespannt. Alle Augen sind nur auf einen gerichtet: Usain Bolt. Der Olympiasieger von Peking hat die üblichen Faxen gemacht, im Stadion wirken sie irgendwie netter als im Fernsehen. Als ob der Superstar sich mit diesem Ritual einstimmen muss. Plötzlich bin auch ich ganz aufgeregt. Wann geht es endlich los? Und wie schnell sind eigentlich 9 bis 10 Sekunden vorbei? Kriegt man von meinem Platz überhaupt mit, wer gewonnen hat? Und soll ich jetzt Fotos machen oder durch mein Fernglas gucken? Ich entscheide mich für nichts von alledem. Ich starre einfach und wage es nicht einmal mehr zu blinzeln. Das ganze Stadion hält den Atem an.

Den Startschuss hört man erst, als die Athleten schon längst losgestürmt sind. Und dann explodiert die Stille. Alles geht in dem Orkan unter, der über mich hinwegfegt. Der mich aus dem Sitz reißt und mir Gänsehaut macht. Ein Schrei aus 80.000 Kehlen, vereint in einem gewaltigen Jubel. So klingt es nicht einmal, wenn Borussia Dortmund im eigenen Stadion ein Tor schießt. Ob ich nun will oder nicht – ich habe Gänsehaut. Als Usain Bolt nach 9,63 Sekunden den Olympischen Rekord bricht, durchflutet mich die totale Glückseligkeit. Die Jamaikanerin vor mir kriegt sich gar nicht mehr ein – sie kreischt noch, als ihr Landsmann die Ehrenrunde fast beendet hat. Es muss einfach raus. Und wer ein Herz für den Sport hat, wird das verstehen. Die Bolt-Show wirkt nach. Auch lange später, in der Schlange zur U-Bahn. Egal, wohin ich schaue: Alle haben ein Dauergrinsen im Gesicht. Ich auch. Das war definitiv mein größter olympischer Moment.