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Wissen & Umwelt

Lokalbank für Saatgut alter Sorten

In den vergangenen Jahrzehnten sind zehntausende von Kulturpflanzen ausgestorben. In der industriellen Landwirtschaft werden heute nur noch wenige Sorten angebaut, doch weltweit entdecken Bauern alte Sorten neu.

Bauer Toni Sureda bewahrt seine Tomaten auf dem Dachboden auf (Foto: DW)

Bauer Sureda prüft seine Tomaten

Auf Mallorca hängt der Bauer Toni Sureda Tomaten an die Decke seines Dachbodens. So halten sich die sogenannten Ramallet-Tomaten fast ein ganzes Jahr lang frisch. Im Januar pult der Bauer die Samen aus den Tomaten und legt sie zum Trocknen auf ein Stück Papier, um den Samen anschließend in den Boden seines Gemüsegartens zu drücken. "Dieses Saatgut geht auf Tomaten zurück, die schon meine Großeltern kultivierten", erzählt der 85-Jährige. Immer häufiger kommen junge Gärtner und Bauern vorbei, denn beim Bauern Sureda finden sie, wonach sie in Pflanzencentern und Gärtnereien vergebens suchen: traditionelles Saatgut.

Der alte Sureda ist dem neuen Saatgut aus den Pflanzenzentren gegenüber durchaus aufgeschlossen und kauft es selbst. "Sie bringen einen höheren Ertrag als meine", sagt der Bauer. Außerdem sehen sie besser aus: sie sind rund und gleichmäßig groß.

Unfruchtbare Hybriden

Die gekauften Samen sind jedoch "hybrides Saatgut", eigens zur Ertragssteigerung gezüchtet. Samen davon kann Sureda nicht gewinnen. Die Hybridsorten sind unfruchtbar, wer Tomaten haben will, muss jedes Jahr neues Saatgut kaufen. Die Hybridsorten haben auch viele andere Nachteile, erklärt Aina Riera, Umweltwissenschaftlerin und Gründerin des mallorquinischen Vereins für lokale Pflanzensorten, bei einem Vortrag. Die Zuhörer sind Landwirte in hohem Alter, auch Bauer Sureda ist dabei.

Hybride sind anfälliger gegenüber Schädlingen und der Witterung und schmecken oft nach nichts. Zudem leidet die Umwelt. Die Hybriden gedeihen oft nur im Gewächshaus und die Bauern müssen Pflanzenschutzmittel und chemische Dünger verwenden. "Die großen Saatgut-Konzerne profitieren davon", sagt die Umweltwissenschaftlerin, "indem sie neben dem hybriden Saatgut auch Pflanzenschutzmittel produzieren."

Tomaten (Foto: Slow Food/Stefan Abtmeyer)

Vielfalt statt Einheitsgröße: Die alten Sorten werden neu entdeckt

Die junge Wissenschaftlerin macht den Bauern bewusst, welche Schätze hingegen ihre alten Gemüsegärten bergen: Pflanzen, die aus traditionellem Saatgut wachsen. "Das sind Sorten, die die Bauern ihren Vorlieben gemäß über Generationen ausgewählt haben", sagt sie. "Sie haben die besten Pflanzen bewahrt und aus ihnen das Saatgut gewonnen. So erhält man sehr widerstandsfähige Sorten, die bestens an die Lebensbedingungen des Ortes, an dem sie wachsen, angepasst sind."

Weltweite Bewegung

Damit die Bauern auf das traditionelle Saatgut zurückgreifen können und von Saatgutkonzernen unabhängig bleiben, werden weltweit Vereine gegründet. Der Verein auf Mallorca ist nur einer davon. Auch in Senegal haben sich Bauern im "Senegalesischen Verein für ländliches Saatgut" zusammengeschlossen. Der Verein hat mit Unterstützung der deutschen "Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt" eine eigene, kleine Saatgutbank aufgebaut.

"Unsere Saatgut-Bank besteht aus vielen 'Filialen'", erzählt Lamine Biaye vom senegalesischen Verein. "Das sind die einzelnen Saatgut-Speicher bei den jeweiligen Familien auf den Bauernhöfen. Jeder Bauer, der sich an uns wendet, erhält das gewünschte Saatgut vom jeweiligen Bauernhof und die Information, wie es zu kultivieren ist. Die Bauern bezahlen nichts dafür, sondern geben im Jahr der Ernte die Menge des Saatguts, die sie sich geliehen haben, dem Verleiher zurück." So sparen sie eine Menge Geld, die sie früher beispielsweise für den Kauf von hybridem Saatgut aufwenden mussten.

Konkurrenz zu Konzernen

Die Bauern im Senegal haben dadurch viele Pflanzen wiederentdeckt, die durch den Gebrauch hybriden Saatguts fast ausgestorben wären.

Reisanbau (Foto: GTZ / Jörg Böthling)

Auf den Philippinen werden alte Reissorten neu angebaut. Sie sind resistenter gegenüber Krankheiten und brauchen weniger Wasser als die kommerziellen Sorten

Doch die großen Saatgut-Konzerne sehen die Vereine nicht gerne: Die Konzerne machen ihren Umsatz mit großen Mengen von nur wenigen Sorten und mit einer Palette von Zusatzprodukten wie Düngemitteln, Pestiziden und Herbiziden.

Früher gab es weltweit mehr als 7000 eigenständige Saatgutfirmen. Heute kontrollieren zehn Konzerne knapp zwei Drittel des globalen Marktes für Saatgut. Sie versuchen seit Jahren auch herkömmlich gezüchtete Pflanzensorten zu patentieren – und sie damit in der Praxis von der normalen Zucht der Bauern auszuschließen.

Deshalb warnen viele Entwicklungsorganisationen vor dem Patentrecht auf Pflanzen- und Tierrassen: Eine solche Patentierung würde nicht nur das Artensterben der Kulturpflanzen und Tiere noch beschleunigen, sondern auch verheerende Wirkungen auf die Nahrungsmittelsicherheit haben.

Autorin: Stephanie Eichler
Redaktion: Helle Jeppesen