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Wirtschaft

Lohnt sich Selbstständigkeit in Berlin?

In der deutschen Hauptstadt scheint es an jeder Ecke kleine Geschäfte zu geben, in denen sich Designer oder andere Kreative verwirklichen. Berlin gilt als Mekka der Selbstständigen. Doch wie laufen deren Geschäfte?

Wenn man durch die Straßen von Berlin spaziert, fallen einem die vielen kleinen Geschäfte auf, die sich über das gesamte Zentrum der deutschen Hauptstadt verteilen. Die offensichtlich verbreitete Selbständigkeit spiegelt sich auch in Zahlen wieder. "Berlin liegt mit 16 Prozent Selbstständigkeitsrate auf Platz eins in Deutschland", berichtet Alexander Kritikos, Forschungsdirektor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) der DW. So kann man laut dem DIW-Experten deutschlandweit, besonders in Ostdeutschland und damit auch Berlin, einen steigenden Gründungswillen erkennen.

2009 war die Zahl der Selbständigen in Ostdeutschland demnach mit 870.000 nahezu doppelt so hoch wie im Jahr 1991. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) verzeichnet einen Anstieg bei den Gründungsinitiativen von Personen unter 30 Jahren. Dabei fällt deutschlandweit fast jede fünfte Gründung in den Bereich des Handels.

Von der Idee zum Geschäft

Selbstportrait: Modedesignerin Lucrecia Lovera

Selbstportrait: Modedesignerin Lucrecia Lovera

Die Modedesignerin Lucrecia Lovera ist einer dieser Junggründerinnen und lebt und arbeitet seit 2005 selbstständig in Berlin. Warum sie es in die deutsche Hauptstadt verschlagen hat, ist für sie ganz klar. "Berlin ist lebendig, wechselhaft und offen für alles Neue", erklärt die Argentinierin. Heute, nach fast dreieinhalb Jahren in Berlin, hat sie ein Atelier und präsentiert dort ihre Modekollektion. Leben kann Sie von Ihrer Arbeit noch nicht, dennoch will sie es weiter versuchen. "Die Kollektionen werden vom Publikum sehr gut angenommen, deshalb will ich 2013 verstärkt an der Eröffnung eines eigenen Geschäfts arbeiten", beschreibt die junge Frau ihre Zukunftspläne.

Mariane Schwaderer und Christopher von Kretschmann: Besitzer von Little Pop Machine

Mariane Schwaderer und Christopher von Kretschmann: Besitzer von "Little Pop Machine"

Zwei weitere Gründer sind Christopher von Kretschmann und Mariane Schwaderer, Besitzer des Geschäfts "Little Pop Machine". Die beiden Chilenen leben seit mehr als fünf Jahren in Berlin und verkaufen antike Möbel, die sie anmalen, mit Collagen oder Drucken versehen. "Es war ein langer Weg, aber bis jetzt läuft unser Geschäft gut", erklärt Christopher von Kretschmann. Dennoch müssen beide noch zusätzlich jobben. "Mag sein, dass Berlin nicht die beste Stadt ist, um zu verkaufen, denn die Leute haben einfach wenig Geld, aber mit Berlin als Marke hinter dir kannst du sonst überall verkaufen und das machen wir", erklärt der Architekt. So haben Berliner im Schnitt 18.220 Euro für Konsum, Miete oder andere Lebenshaltungskosten zur Verfügung. München hingegen liegt mit 28.247 Euro im Vergleich deutlich darüber, hat der in Berlin erscheinende "Tagesspiegel" ausgerechnet.

Laue Konsumkraft in der deutschen Hauptstadt

Margarita Ruvby in ihrem Buchladen La Rayuela

Margarita Ruvby in ihrem Buchladen "La Rayuela"

Auch Margarita Ruby, Gründerin der spanischen Buchhandlung "La Rayuela", spürt die begrenzte Kauflust der Berliner. "Die Menschen hier haben einfach weniger Geld als in anderen deutschen Städten. Dennoch glaube ich, dass Berlin mit seinen günstigen Lebenshaltungskosten ganz gute Möglichkeiten zur Selbstständigkeit bietet", erklärt die Mutter zweier Kinder. Obwohl sie nebenher noch jobben muss, glaubt sie an ihre Gründungsentscheidung. "Berlin ist eine Stadt die 'in' ist und viele Menschen anzieht. Das ist gut für mein Geschäft. Gleichzeitig bietet der eigene Laden die Möglichkeit selbst zu entscheiden, wann es wichtig ist bei den Kindern oder im Laden zu sein. Und eigentlich ist der Laden auch wie meine erste Tochter", erklärt die Spanierin und lacht. In den kommenden Monaten plant sie in einen größeren Laden in einer besseren Lage zu ziehen.

Rebecca Lina und ihre Tochter im Elfenkind-Atelier in Berlin

Rebecca Lina und ihre Tochter im "Elfenkind"-Atelier in Berlin

Mit viel Arbeit und Mühe hat Rebecca Lina ihre Unternehmung - das Kindermodelabel "Elfenkind" - so weit gebracht, dass sie davon leben kann. "Vielen Gründern gelingt es, ihre Einkommenssituation zu verbessern", erklärt DIW-Experte Alexander Kritikos. Bereits nach drei Jahren hätten 38 Prozent der Gründer in Deutschland ein höheres Einkommen als zuvor in abhängiger Beschäftigung. Nur 17 Prozent haben ein geringeres Einkommen, beschreibt der DIW-Experte im Gespräch mit DW die finanziellen Perspektiven von Selbstständigen. Den Anfang fand das Unternehmen der Schauspielerin aus Guadeloupe, als sie einmal Tücher für sich und ihre Tochter nähte und diese auf den Straßen von Berlin gut ankamen. Also nähte sie noch ein paar, welche sich gleich verkauften. Heute, zwei Jahre danach, ist "Elfenkind" ihre Haupteinnahmequelle. "Das Nebeneinander mit Berliner-Marken wie Lala Berlin ist eine Hilfe und eine tägliche Motivation für mich", erklärt die Designerin ihre Standortwahl.

Selbstständigkeit als Existenzgrundlage

Und Rebecca Lina steht nicht alleine da mit ihrer gesicherten Existenz. So zeigt die Studie des DIW von 2012 außerdem, dass der Anteil der Geringverdiener unter den Selbständigen in Deutschland wesentlich kleiner ist als unter den abhängig Beschäftigten. So verdienten unter den Angestellten im Jahr 2010 rund 35 Prozent weniger als 1100 Euro; unter den Selbständigen waren dies nur 27 Prozent. "Es gibt auch unter den Selbständigen Geringverdiener, doch dies ist nicht unbedingt eine Folge der Entscheidung für die Selbständigkeit. Dieses Problem dürfte eher mit bestimmten Branchen zusammenhängen oder ist auf einen niedrigen Ausbildungsabschluss zurückzuführen", erklärt DIW-Experte Alexander Kritikos. "So verdienen Selbstständige mit Angestellten in Deutschland am meisten, gefolgt von Selbstständigen ohne Angestellte", erklärt Kritikos.

Die Argentinierin Lucrecia Lovera reist momentan durch den Norden ihres Heimatlandes, um die textile Handwerkskunst der Andenbevölkerung zu erlernen. Die dabei gesammelten Kenntnisse möchte sie in Berlin umsetzen und die Ergebnisse verkaufen. "Berlin hat alles. Man muss nur bereit sein es anzunehmen und das bin ich", erklärt die junge Frau und bringt es auf den Punkt: Die deutsche Hauptstadt hat alles, aber was wirklich zählt, ist Motivation, Durchhaltevermögen und ein starker unternehmerischer Wille.

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