1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

"Lockerer Umgang mit dem Tod"

Zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren ist in China ein Europäer hingerichtet worden. Der Tod des offenbar psychisch kranken Briten Akmal Shaikh beschäftigt die Kommentatoren der Presse - nicht nur in Großbritannien.

default

Akmal Shaikh

The Times, London

"Es ist nicht so, dass China nicht das Recht hatte, den britischen Staatsbürger Akmal Shaikh nach chinesischem Recht wegen Drogenschmuggels zum Tode zu verurteilen. Aber: von diesem Recht hätte das Land keinen Gebrauch machen müssen. Die Hinrichtung war vermeidbar und sollte die aufstrebende Supermacht China jetzt dazu bringen, ihre Rolle als "eifrigster Henker der Welt" zu überdenken. China mag argumentieren, dass geltende Regeln nicht aufgrund internationalen Drucks verändert werden können, dass Peking keine Ausnahme machen kann, nur weil es sich um einen Ausländer und nicht um einen Einheimischen handelt. Aber das Entscheidende ist nicht die Frage, ob China sich durch eine solche Ausnahme selbst kompromittiert hätte. Der Fall Shaik sollte China vielmehr anregen, sich zu hinterfragen: Inwieweit kann das Land bei der derzeitigen Menschenrechtslage international einen Führungsanspruch anmelden? Erst vor kurzem wurde der bekannteste Dissident Chinas - Liu Xiaobo - wegen Staatsgefährdung zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Außerdem werden in China jedes Jahr so viele Menschen hingerichtet wie in allen anderen Staaten der Welt zusammen."

The Guardian, London

"In einem hässlichen diplomatischen Tanz haben Großbritannien und China sich eine sorgfältig überlegte Verbalschlacht um das Schicksal von Akmal Shaikh geliefert. Dabei kann keine Seite ernsthaft erwartet haben, dass ihre Worte irgendetwas ändern würden. (...) Großbritannien hat die Pflicht, sein Entsetzen über die Hinrichtung eines Landsmannes zu äußern - besonders, wenn es sich um eine geistig verwirrte Person wie Mr. Shaikh handelt, der offenbar zum Drogenschmuggler wurde, ohne tatsächlich zu wissen, was er tat. (...) China sollte zuhören. Proteste gegen die Menschenrechtslage haben nicht das Ziel, das Land zu schwächen. Vielmehr geht es darum, die Bürger zu schützen. Die internationale Akzeptanz Chinas würde steigen - wenn das Land nicht an seinem lockeren Umgang mit dem Thema festhalten würde."

Die Welt, Berlin

"Natürlich erregt es Aufsehen, wenn zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert in China ein Brite hingerichtet wird. Doch sein Tod war nur der Auslöser dafür. Hinter dem Entsetzen in Europa über das Urteil steht nicht zweierlei Maß, sondern das Erschrecken vor Willkür und Ignoranz der Richter. Der wirkliche Grund für die Aufregung in London und im Westen ist nicht die abscheuliche Todesstrafe selbst, ob sie nun gegen einen Chinesen oder Europäer Anwendung findet, sondern die fehlende Transparenz, mit der die Richter über sie entscheiden."

Rheinische Post, Düsseldorf

"Akmal Shaikh ist tot, hingerichtet durch eine Giftspritze in einem chinesischen Gefängnis. Hätte er nicht zufällig einen britischen Pass, wäre sein Schicksal wohl untergegangen im Strom der chinesischen Fließband-Hinrichtungen. Mehr als 1700 Exekutionen soll es 2009 in China gegeben haben. Die westlichen Proteste dagegen sind ein gut geübtes Ritual, ebenso wie die Forderungen nach Achtung der Menschenrechte. Und ebenso rituell ist die chinesische Reaktion, wenn sich Peking entrüstet die Einmischung in innere Angelegenheiten verbittet. Die harte Weigerung der chinesischen Justiz, sich mit der Schuldfähigkeit des vermutlich geistig verwirrten Drogenschmugglers Shaikh zu befassen, muss man wohl als bewussten Affront gegen den Westen werten. In Asien hat man nicht vergessen, welche schrecklichen Folgen der einst insbesondere von den Briten forcierte Opiumhandel gehabt hat. Deswegen wird auch in Thailand oder Singapur ebenso rücksichtslos wie in China gegen Dealer vorgegangen. Trotzdem muss man Peking klarmachen, dass die EU die Hinrichtung eines ihrer Bürger nach einem unfairen Prozess nicht einfach so hinnimmt. Eine eher hilflose Geste, das ist schon richtig. Aber noch schlimmer wäre es, zu schweigen."

Bonner General-Anzeiger

"Der Fall Akmal Shaikh erregte Aufsehen, weil er Brite war. Doch viele der Chinesen, denen jeden Tag der Prozess gemacht wird, haben keine fairen Prozesse. Aus vielen Angeklagten werden die Geständnisse herausgeprügelt. Das Schicksal des womöglich kranken britischen Drogenschmugglers ist tragisch, in Chinas Justiz ist es Alltag."

Autorin: Esther Broders
Redaktion: Mathias Bölinger

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema