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Welt

Lob für die Drachenaugen

Vietnams Kleinbauern gelten als voraussichtliche Verlierer des WTO-Beitritts - trotz des erfolgreichen Exports. Es braucht Strategien, um mit dem Importschock umgehen zu können. Eine Antwort: Longan-Früchte.

Longan-Ernte

Longan-Ernte

Herr Xay wirkt wie ein zufriedener Mann. Der Bauer hat es zu etwas gebracht: Ein neues Haus, neben dem das alte nur noch wie ein Schuppen wirkt. Möbel gibt es keine, man sitzt im Erdgeschoss ohnehin auf dem Boden, um grünen Tee zu trinken. Aber ein nagelneuer Großfernseher steht da, darunter die kaum zu vermeidende Karaoke-Anlage. Xay ist ein Gewinner des vietnamesischen Aufschwungs und gilt wegen seiner Longan als Vorreiter für das ganze Dorf Hong Nam, doch dazu später mehr. Xay weiß, dass sich mit dem WTO-Beitritt viel ändern wird - und nicht für alle zum Besseren. "Wir diskutieren hier im Dorf viel darüber", sagt er und sein Freund, Bauer Dien, nickt. Vor allem, seit sie gehört haben, dass im Ausland die Landwirtschaft genau so subventioniert wird, wie das Vietnam nun verboten werden soll.

Reisfeld im Mekong-Delta

Reisfeld im Mekong-Delta

Geht man nach der Zahl der Beschäftigten, ist Vietnam noch immer ein Agrarland. Fast Zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung sind in Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei beschäftigt. Die Landwirtschaft konnte in den vergangenen Jahren enorme Erfolge verbuchen. Heute scheint es fast nicht zu glauben, dass Vietnam vor der wirtschaftlichen Öffnungsstrategie "Doi Moi" kaum seine Bewohner ernähren konnte. Seit den 1990er Jahren glänzt Vietnam auch in der Landwirtschaft mit spektakulären Wachstumszahlen: Der Ausstoß von Pfeffer konnte in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht, der von Kaffee verdoppelt werden. In den Bereichen Kaffee, Pfeffer und Schrimps ist Vietnam zum zweitgrößten Exporteur der Welt aufgestiegen. Im Reisexport ist Vietnam regelmäßig Nummer Zwei oder Drei in der Welt.

Kaffeenation Vietnam

Die massiven Investitionen der kommunistische Führung haben sich gelohnt: Ein guter Teil der nicht minder spektakulären Erfolge in der Armutsbekämpfung sind darauf zurückzuführen, dass Kleinbauern ihre mühselige und eben unproduktive Arbeit auf der eigenen Scholle mit Jobs in den neuen großen Agrarbetrieben getauscht haben. Von den Löhnen in den Schrimpsfarmen und Kaffeeplantagen wird niemand reich - aber man bleibt auch nicht in tiefer Armut von weniger als einem Dollar pro Tag hängen.

Romantisch - und unproduktiv

Was bisher nicht geschafft wurde, ist jedoch ein grundlegender Strukturwandel. Nach wie vor ist das Land kleinbäuerlich geprägt. Wasserbüffel und Reisfelder, auf denen Frauen mit den traditionellen konischen Non-Hüten arbeiten, sind noch immer das beherrschende Bild im ländlichen Vietnam. Touristen finden das romantisch. Ökonomen haben dafür ein anderes Wort: Unproduktiv. Gerade einmal 21 Prozent des Bruttoinlandproduktes werden durch die Landwirtschaft geleistet.

Es klingt paradox: Gerade die im Export so erfolgreiche Landwirtschaft wird am härtesten mit dem WTO-Beitritt Vietnams zu kämpfen haben. Die billigen Agrarimporte nach dem Wegfall der Handelsbarrieren werden die Situation der vietnamesischen Kleinbauern erheblich verschärfen. China forderte für den WTO-Beitritt den Verzicht auf jegliche Agrarsubventionen. Australien, die USA und die EU drängen vehement mit ihren Überschüssen auf den vietnamesischen Markt: Rindfleisch und Butter, Soja und Zucker. Nach kurzen Übergangsphasen werden die Kleinbauern im kalten Wind des globalen Marktes stehen. "Es ist doch so: Die Lebensmittel, die ins Land kommen, werden billiger sein als das, was wir produzieren", sagt Hung Tuan, Direktor des Ministeriums für Landwirtschaft und Entwicklung in der Provinz Hung Yen. "Aus den USA importierte Sojabohnen kosten nur einen Bruchteil – und sind qualitativ auch noch besser."

Tortenstücke auf Reisfeldern

Dabei sieht es in Hung Yen noch gut aus, wie es unlängst eine Studie der vietnamesischen Regierung bestätigte: Mais, Reis und Soja wachsen hier auf uraltem Kulturboden, Hanoi als riesiger Absatzmarkt ist nah, die Straßen sind passabel ausgebaut. Das kann in abgelegeneren Gegenden völlig anders aussehen. In Hung Yen haben es etliche zu einem ähnlichen Wohlstand gebracht wie Herr Xay. Die Erfolgreiche scheinen darin zu wetteifern, in den zersiedelten Dörfer groteske mehrstöckige Häuser zu bauen: Schmal wie ein Handtuch, Glasfassade, darauf möglichst noch ein Türmchen. Im Giebel prangt stets das Erbauungsjahr. Keines ist älter als fünf Jahre. Stadthäuser gelten hier auf dem Land als Zeichen es geschafft zu haben – auch wenn sie einzeln zwischen den Lotusbedeckten Teichen, den Kanälen und den Bambushecken wie verlorene Tortenstücke wirken.

Longan-Pflanzung

Longan-Pflanzung

Ministeriumsdirektor Tuan versucht Optimismus zu vermitteln. Ja, es fehle an Know-how, die Produktivität ist niedrig. Aber es geschehe auch einiges: Ein neuer Ofen zu Trocknung der Longan-Früchte wurde angeschafft, dazu eine Verpackungsanlage, damit ist man an der Wertschöpfungskette schon ein Stückchen nach oben geklettert. Entwicklungshelfer unterstützen bei der Beratung der Bauern, die sich umstellen wollen oder müssen. Reisfeld und Wasserbüffel reichen eben nicht mehr.

Der schlaue Bauer

Der schlaue Bauer Xay hat sich inzwischen darauf spezialisiert, was die Zukunft der Provinz sein soll: "Drachen-Augen", wie die Frucht des Longan-Baums auch genannt wird. Sie werden von Thailand, Süd-China, Taiwan und Vietnam bis nach Indonesien angebaut und frisch für Suppen, süß-saure Speisen, Snacks und Nachspeisen verwendet, können aber auch sehr gut konserviert werden. Xay hat komplett auf die Früchte umgestellt, zwei Hektar davon in der Art einer Streuobstwiese, dazwischen ein kleiner Fischteich, drei Kühe grasen unter den Bäumen, ein paar Hühner sind auf der ständigen Flucht vor dem Hofhund. Selbstversorgung und die paar hundert Kilo Longan pro Jahr, davon kann Xay leben, gut leben. "Wir haben auch schon versucht Longan zu exportieren", sagt Funktionär Tuan. "Das lief aber nicht: Die sind zu süß." Doch der Importschock blieb auch aus, als Thailand versuchte Longan nach Vietnam zu exportieren. "Die schmecken uns nicht", sagt Tuan. "Hier haben wir sowieso die besten Longan der Welt."

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