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Alltagsdeutsch – Podcast

LKW-Fahrer

Einem romantisierenden Klischee zufolge leben sie in einer Welt voller Freiheit und Abenteuer. Doch das wahre Leben von LKW-Fahrern ist meist geprägt von Termindruck, unregelmäßigen Arbeitszeiten und Einsamkeit. ‎

Musik: Truckstop

"Sechs Tage jede Woche auf der Autobahn nach irgendwo

Wenig Schlaf und keine Frauen, sehr viel Kaffee, keinen Alkohol"

Sprecherin:

Wer hat nicht schon als kleiner Junge davon geträumt, einmal LKW-Fahrer zu werden und mit einem dicken Lastwagen durch die Welt zu fahren. Bis sich dieser Traum verwirklicht, haben die meisten schon eine ganz handfeste Ausbildung absolviert, wie Karl-Heinz Schaudig und Manfred Koch.

Karl-Heinz Schaudig:

"Ich war ... hab' mich versucht als Autoschlosser, also, beziehungsweise als Dieselschlosser. Dann war es eigentlich vorprogrammiert. Irgendwann bekommt man als junger Mann mal den Hals voll mit den dreckigen Händen, und dann sagt man sich ganz einfach: Halt, stopp.

Manfred Koch:

"Ja, also, von der Pike auf lernen muss man das nicht, man macht halt seinen Führerschein, womöglich bei der Bundeswehr, und wenn man dann noch einen ordentlichen Orientierungssinn hat, dann hat man den Job einfach so im Blut, und das geht."

Sprecher:

Karl-Heinz spricht davon, den Hals voll zu haben. Den Hals voll haben oder es kommt einem zum Halse heraus bedeutet, einer Sache gründlich überdrüssig zu sein. Es kommt tatsächlich vor, dass Tieren, die sich überfressen, das letzte Stück aus dem Hals heraus hängt. Wenn das Federwild beispielsweise das zu viel Gefressene wieder ausspeit, nennt das der Jäger "das Geäs aushalsen".

Sprecherin:

Manfred Koch war früher Bauarbeiter und fährt schon seit über fünf Jahren LKW. Er sagt, man müsse den Beruf nicht von der Pike auf lernen, also nicht ganz von unten anfangen. Die ursprüngliche Redensart heißt von der Pike auf dienen, also von der untersten Stufe an dienen. Seit Ende des 17. Jahrhunderts wird diese Redewendung auch literarisch verwendet, zum Beispiel 1686 in Mühlpfordts "Teutschen Gedichten": "Bist von der Piken auf zum Hauptmannsstand gestiegen." Die Wendung bezieht sich zunächst nur auf die Karriere beim Militär, das heißt auf den Offizier, der in seiner Jugend, wie die gemeinen Soldaten, mit der Pike, das heißt mit dem Spieß, gedient und sich dann Stufe für Stufe emporgearbeitet hat.

Michael Esser:

"Gerne natürlich die alten Hasen, wenn Sie so wollen, weil eben da viel Erfahrung da ist. Auf der anderen Seite sind wir auch interessiert daran, auch jüngere Leute zu nehmen. Und ich denke, die sollten die Flinte dann nicht ins Korn werfen, denn wenn man Interesse zeigt und, ja, immer bereit ist, auch was dazuzulernen, dann kann man auch das bei uns tun."

Sprecher:

Michael Esser spricht von alten Hasen. Damit sind seine langjährigen Fahrer gemeint. Ein alter, erfahrener Hase weiß genau, wie er seine Haken schlagen muss, um Feinden zu entkommen. Wenn ihn zum Beispiel Jagdhunde aufspüren, kann er sich so vor ihnen retten. Junge, unerfahrene Tiere dagegen sind ihren Feinden viel eher ausgeliefert. Michael Esser sind aber auch jüngere Fahrer willkommen, wenn sie sich bemühen. Er sagt, sie sollen die Flinte nicht ins Korn werfen, sich also nicht entmutigen lassen. Aus der Bezeichnung "Flinte" geht hervor, dass die Redewendung entstanden ist, als Soldaten noch mit Vorderladern, mit so genannten "Feuerstein-" oder "Flint-Schlössern" ausgerüstet waren. Die meisten angeheuerten Söldner leisteten den Kriegsdienst um des Geldes willen. Sie wollten nicht bis zum Schluss kämpfen und sterben. Lieber warfen sie ihre Waffen fort, also die Flinte ins Korn, und ergriffen die Flucht. Karl-Heinz Schaudig war bereits als junger Fahrer auf der Autobahn wie zu Hause und ist inzwischen nicht mehr aus der Ruhe zu bringen.

Karl-Heinz Schaudig:

"Ich denk' mir mal, ich bin mit 27 Jahren Fernverkehr, sag' ich jetzt mal, oder beziehungsweise Kraftverkehr, bin ich also halt ein alter Hase, denk' ich mir schon, irgendwo. Ich merk' das auch immer auf der Piste, wenn die jungen Flieger da an mir vorbeigehen und ich dann immer noch meinen ruhigen Trott vor mich hinfahre, halt weil eben halt ich das nicht so sehe, dass ich mich unter Druck selbst setze, weil ich halt die Erfahrung eben mitbringe. Dann hab' ich die Ruhe weg."

Sprecherin:

Wenn Karl-Heinz von der Piste spricht, meint er damit die Autobahn. Auf der Autobahn gehen dann die jungen Flieger an ihm vorbei. Mit jungen Fliegern meint Karl-Heinz seine Kollegen, die auf der Autobahn schnell vorbeifahren, also förmlich vorbeifliegen. Früher habe er sich unter Druck setzen lassen, sagt Karl-Heinz schmunzelnd, aber heute nicht mehr. Er lasse sich nicht mehr bedrängen, seine Arbeit schneller zu erledigen, erzählt der kräftige 50-Jährige, er habe die Ruhe weg. Die Ruhe weg haben oder die Ruhe selbst sein wird redensartlich zur Vermeidung des Hektischen gebraucht. Es bedeutet, gelassen zu sein. Die erste Regel für einen LKW-Fahrer ist flexibel zu sein, was seine Schlafzeiten betrifft.

Manfred Koch:

"Es ist manchmal schon 'ne ganz schöne Schinderei. Wenn man so im Stau steht, und da hat man wieder seine 16, 18 Kilometer, und man weiß schon, das klappt heut' nicht mehr mit der Fuhre, dann kriegt man schon so seine Probleme und denkt sich: 'Ach, nee, da hat der Chef wieder gesagt, du brauchst nur dann und dann loszufahren.' Nachher kriegst du wieder deine Schimpfe, wenn du doch zu spät bist. Ja, man kennt natürlich die Pappenheimer-Staus da auf den typischen Strecken so A1 und A2. Dann fährt man schon mal den einen oder anderen Kilometer und das eine oder andere Stündchen mehr, und das kriegt man nachher nicht bezahlt."

Sprecherin:

Manfred Koch spricht von Schinderei. Er will damit sagen, dass es sich um eine sehr anstrengende Arbeit handelt. Der Schinder war ursprünglich ein Abdecker, der Tierkadaver beseitigt. Später bezeichnete man mit dem Ausdruck Menschen, die andere quälen.

Sprecher:

Manfred beschreibt die Pappenheimer-Staus auf den Autobahnen. Pappenheimer – das geht auf Friedrich Schiller zurück und bezieht sich auf das Pappenheimische Regiment in seinem Drama "Wallensteins Tod". Wörtlich heißt es: "Daran erkenn' ich meine Pappenheimer." Im volkstümlichen Sinne bedeutet das: Ich weiß genau, mit wem ich es zu tun habe. Diese Wendung wird heute, im Gegensatz zu ihrem Zitatursprung, meist in abschätzigem Sinne gebraucht. Manfred will sagen, dass er die Staus auf bestimmten Autobahnen inzwischen gut kennt. Karl-Heinz weiß, dass sich junge Kollegen oft den unverantwortlichen Bedingungen ihrer Arbeitgeber beugen.

Karl-Heinz Schaudig:

"Wenn Sie als junger Lümmel irgendwo drauf gesetzt werden, Sie setzen sich an das Lenkrad dran und Sie kriegen gesagt, so, und morgen früh stehen Sie in Lyon; was ist das, morgen? Wenn Sie Mitternacht los fahren, sind Sie um acht Uhr nicht in Lyon. Also, was heißt das? Dann geben Sie Gas, Sie fahren an einem Stück durch. So, na gut, die Jungs, die lassen sich halt noch jeck machen, der Unternehmer, der dahintersteht, der hat die LKWs gut versichert, wenn was passiert, ja toll. Fahrer haben Sie an jeder Ecke stehen, junge Leute, sag' ich mal – Erfahrene werden natürlich wieder ein Problem sein."

Sprecherin:

Mit jungen Lümmeln bezeichnet Karl-Heinz umgangssprachlich seine jungen Kollegen. Aus Angst ihren Job zu verlieren, lassen sie sich noch jeck machen, erklärt Karl-Heinz. Jeck machen bedeutet in kölnischer Mundart "verrückt machen". Michael Esser ist es sehr wichtig, dass seine Fahrer gerade bei langen Auslandstouren immer bestens planen.

Michael Esser:

"Die wir beschäftigen und beschäftigen möchten, sind natürlich Leute, die auch mitdenken müssen, und das heißt, die sind nicht oder dürfen nicht blauäugig sein und irgendwo dann plötzlich irgendwo stehen und wissen nicht mehr weiter. Also, das heißt 'ne gewisse Vorbereitung ist absolut notwendig, bevor man die Fahrt antritt."

Sprecher:

Seine LKW-Fahrer dürfen nicht blauäugig sein, sagt der Unternehmer. Sie sollen nicht naiv, gutgläubig und unkritisch sein, denn in vielen Situationen sind sie auf sich selbst angewiesen und müssen Entscheidungen treffen. Die Farbe Blau als Augenfarbe ist bekannt als Sinnbild der Treue, Durchsichtigkeit und Unverstellbarkeit. So in einem Gedicht von Klaus Groth, das von Johannes Brahms vertont wurde:

Zitat:

"Dein blaues Auge hält so still

Ich blicke bis zum Grund

Du fragst mich, was ich sehen will?

Ich sehe mich gesund."

Sprecher:

Wenn man heute von politischer Blauäugigkeit spricht, dann sind Politiker gemeint, die unkritisch und vertrauensselig argumentieren. Manfred Koch ist nicht blauäugig. Er lässt sich auch bei schwierigen Situationen nicht so leicht aus der Ruhe bringen.

Manfred Koch:

"Also, mit dem Verfahren, das ist so 'ne typische Sache. Wenn man auf der Autobahn ist, solange ist das überhaupt kein Problem. Wenn man dann in die kleinen Käffer kommt oder nach Posemuckel, oder ich weiß nicht wo, dann sieht man halt wieder nicht, wo die Fabrik dann sein soll, wo man hin soll und das Zeug anliefern. Aber da fragt man sich halt durch. Das geht schon."

Sprecherin:

Manfred spricht von kleinen Käffern. Ein Kaff ist ein kleiner armseliger Ort. Aus Posemuckel kommen bedeutet, aus der hintersten Provinz, aus einer weit abgelegenen Gegend kommen. Posemuckel steht für ein abgelegenes ärmliches Dorf oder eine unbedeutende Kleinstadt. Es soll angeblich der Name eines Dorfes im Gebiet um Posen gewesen sein oder aber auch das jiddische Wort für die Stadt Posen selbst. Man fragt sich durch soll bedeuten, dass man andere Leute nach der Route fragt, wenn einem etwas unklar ist. Der junge Mann denkt noch nicht an Familiengründung. Diesen Job könne er sich mit Kindern nicht vorstellen, bekräftigt er. Damit möchte er noch mindestens zehn Jahre warten.

Manfred Koch:

"Ja, und mit der Familie, das ist schon was schwierig bei dem Job. Man fährt halt die ganze Zeit durch die Gegend, dann muss man die Kirche im Dorf lassen. Ist halt so, dass man da oder hier die eine oder andere Freundin so kennen lernt und man schlägt sich so durch. Ja, da ich meine Freundin halt nicht so oft sehen kann, man fährt halt die ganze Zeit auf 'nem Bock rum und da muss man schon das eine oder andere Opfer bringen. Weil, man muss ein dickes Fell haben für den Job, weil, das zieht schon ganz schön Energie, immer."

Sprecher:

Manfred sagt, man muss die Kirche im Dorf lassen, was bedeutet, dass man sich an das Gegebene hält, nicht übertreibt, an Gebräuchen nichts ändert. So wie schon die Kirche mitten im Dorf steht, so sollte man auch mit seinen Ansichten im Rahmen bleiben. Dass die Kirche große Ordnungsfunktion besaß, spiegelt sich vor allem in mundartlichen Wendungen wieder, wie im Obersächsischen: "Ich wer'sch schon machen, dass de Kärche in Durfe bleibt." – "Ich werde dafür sorgen, dass alles zur Zufriedenheit geregelt, dass niemand übervorteilt wird." Manfred fährt auf einem Bock, also mit seinem Lastkraftwagen. In diesem Beruf muss man Opfer bringen, weiß der junge Mann. Ein Opfer bringen heißt, etwas darbringen, schenken, das man selbst entbehren muss. Ursprünglich wurden einer Gottheit aus Dank oder in der Hoffnung auf Hilfe Opfer gebracht: Menschen, Tiere, Früchte oder andere kostbare Gaben. Als LKW-Fahrer muss man ein dickes Fell haben, weiß Manfred. Ein dickes Fell schützt – im übertragenen Sinne – auch vor Beleidigungen, Tadel oder Verleumdungen. Bei Karl-Heinz ist es ganz anders. Er hat sich schon als junger Mann für die Familie entschieden. Karl-Heinz sieht seine Frau und seine drei Kinder fast jedes Wochenende. Die Geburt seines dritten Kindes konnte er, beruflich bedingt, nicht miterleben.

Karl-Heinz Schaudig:

"Ich stand in Paris und dann hatte ich mir eigentlich so immer angewöhnt, täglich muss ich ja wohl mal meine Frau anrufen, und das hab' ich auch immer gemacht. Nur halt an dem einen Tag ging sie nicht ans Telefon. Dann kam dann der Opa an das Telefon, und dann wurde mir dann alles erzählt, was so in der Nachbarschaft los war. Und dann beiläufig, so nach 10 Minuten Gespräch: 'Ach so, was ich noch sagen wollte, du bist auch Papa geworden'. Ja, dann bin ich natürlich richtig in die Hacken gekommen und Feuer gemacht, dass ich nach Hause kam.

Sprecherin:

Karl-Heinz ist in die Hacken gekommen, das heißt, er hat sich sehr beeilt, um nach Hause zu kommen, er ist sehr schnell gefahren. Feuer machen, umgangssprachlich auch Feuer unterm Hintern machen, soll heißen, eine Sache beschleunigen, eigentlich, indem man jemandem ein Feuer anzündet, damit er sich schneller in Bewegung setzt.

Musik: Truckstop

"Und das Dröhnen der Motoren

Ist Musik in seinen Ohren"


Fragen zum Text:

Der Begriff Pike in der Redewendung von der Pike auf bezeichnet ursprünglich …

1. einen Spieß.
2. die Fußspitze beim Fußball.
3. eine Spitzhacke.

Jemand, der sich nicht entmutigen lässt, …
1. ist ein alter Hase.
2. wirft nicht die Flinte ins Korn.
3. ist nicht blauäugig.

Aus welchem Drama stammt der Begriff Pappenheimer?
1. aus Goethes "Götz von Berlichingen"
2. aus Kleists "Penthesilea"
3. aus Schillers "Wallensteins Tod"


Arbeitsauftrag:
Die Fahrer in diesem Beitrag, insbesondere Manfred Koch, sprechen Dialekt. Charakterisieren Sie die Besonderheiten der Aussprache und versuchen Sie zum Beispiel mit Hilfe des Dialektatlasses der Deutschen Welle herauszufinden, woher die Sprecher wohl stammen. Den Dialektatlas finden Sie unter: www6.dw-world.de/de/dialekt.php

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