Lkw als Waffe - kaum zu verhindern | Wissen & Umwelt | DW | 29.12.2016
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Wissen & Umwelt

Lkw als Waffe - kaum zu verhindern

Hersteller bauen immer mehr Sicherheitssysteme in ihre Lastkraftwagen ein. Viele davon sind mittlerweile gesetzlich vorgeschrieben. Aber der Fahrer kann fast alle Systeme überstimmen.

Nach der Amokfahrt am Weihnachtsmarkt in Berlin fragen sich viele, ob moderne Sicherheitssysteme solche Katastrophen verhindern könnten. Nun scheint es so, als hätte das Sicherheitssystem des Lastkraftwagens, der bei dem Berliner Terroranschlag verwendet wurde, tatsächlich schlimmeres verhindert. Ein Rechercheverbund  von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" berichtet das unter Berufung auf Ermittler. 

Der Fall hat gezeigt: Grundsätzlich kann ein Fahrer seinen Lastkraftwagen (Lkw) als Waffe einsetzen und damit gezielt Menschen töten. Aber auch: Technische Entwicklungen am Lkw lohnen sich: Sie retten Leben.

Wie bremst ein moderner Lkw?

Viele Sicherheitssysteme in Lkws sind gesetzlich vorgeschrieben. Dazu gehören das Anti-Blockier-System ABS. Es verhindert, dass beim Bremsen die Räder blockieren, etwa auf Glatteis. Hinzu kommen elektronische Bremssysteme, die die Bremswege deutlich verkürzen.

Der Unglücks-Lkw von Berlin war vom Hersteller Scania. Dessen Bremssystem nennt sich EBS. Es vermeidet ein Problem, das bei klassischen Lastkraftwagen mit hydraulischer Bremsung auftritt, nämlich, dass die Bremsen an verschiedenen Achsen zeitverzögert ansprechen. Mit EBS hat der Fahrer eine bessere Kontrolle über das Fahrzeug. Derartige Bremssysteme sind die einzigen Sicherheitssysteme, die sich nicht durch einen Fahrer abschalten, umgehen oder überstimmen lassen.

Daimler Trucks LKW autonomes Fahren (Daimler AG - Global Communications Commercial Vehicles)

Ein autonomer Lkw von Daimler auf einer Schnellstraße in den USA. Auch hier ist noch ein Fahrer dabei.

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Kann der Lkw auch von selber bremsen?

Ein Notbremsassistent ist seit 2013 in allen neu zugelassenen Lkws Pflicht. Bei Scania nennt er sich Advanced Emergency Brake (AEB). Gedacht ist er für Fahrten auf Autobahnen und Landstraßen. Zunächst warnen solche Systeme den Fahrer, wenn er den Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug nicht einhält. Sinkt der Abstand weiter, verringern sie automatisch die Geschwindigkeit - bis hin zum Stillstand des Fahrzeuges.

Der Fahrer hat aber immer die Möglichkeit, das System zu überstimmen. Meist geht das ganz einfach durch Treten des Gaspedals. Der Grund: Das System könnte fälschlicherweise ein Hindernis wahrnehmen, das gar keines ist, zum Beispiel ein parkendes Auto am rechten Straßenrand. Der Fahrer weiß aber, dass er links noch knapp daran vorbeikommen kann. Also tritt er aufs Gas und setzt damit den Assistenten außer Kraft - die Reise geht weiter. 

Nehmen die Sensoren indes einen Aufprall wahr, ändert sich die Lage: Der Lkw bremst auch gegen den Willen des Fahrers. Dies hat offensichtlich am Berliner Weihnachtsmarkt auch funktioniert. 

Gibt es Systeme zum Schutz von Fußgängern?

Für Geschwindigkeiten unter 30 Kilometern pro Stunde gibt es Systeme wie "City Safety": Es warnt vor Kollisionen mit Fußgängern und Radfahrern. Solche Warnsysteme werden meist kombiniert mit einem Abbiege- und Kreuzungsassistenten. Der soll etwa den gefährlichen toten Winkel im Blick haben. Dort kommt es beim Abbiegen oft zu Unfällen mit Radfahrern, die auf Radwegen fahren. Auch erkennen solche Systeme Fahrzeuge, die von der Seite in die Fahrbahn einfahren.

Meist basieren solche Systeme wie die Parkassistenten auf Kameras, die einen Blick nach hinten ermöglichen, kombiniert mit Abstandsmessern. Aber auch hier gilt: Der Fahrer trifft die Entscheidung, ob er trotzdem weiterfährt.

Deutschland Toter Winkel bei LKW (picture-alliance/dpa/P. Kneffel)

Sicherheitssysteme schützen Fußgänger - es sei denn, der Fahrer führt Böses im Schilde.

Und wenn der Wagen aus der Spur gerät...

...dann helfen Spurhaltesysteme. Sie schützen den Fahrer etwa im Falle eines Sekundenschlafes oder bei einer kurzen Ablenkung. Der Wagen hält automatisch die Spur. Das verhindert, dass der Lkw durch eine heftige Gegenlenkbewegung ins Schlingern gerät. Auch hier kann der Fahrer aber durch eine bewusste deutliche Lenkbewegung eine andere Entscheidung durchsetzen.

Lässt sich das Starten von Lkws durch Unbefugte verhindern?

Bei Gefahrgut-Transportern und in einigen Reisebussen sind heutzutage Alcolock-Systeme integriert, also Atemalkohol-Messgeräte, in die der Fahrer blasen muss. Der Lkw lässt sich nur starten, wenn der Fahrer nüchtern ist.

Ansonsten gilt: Wer den Schlüssel - mechanisch oder elektronisch - zu einem Lkw hat, kann diesen auch starten. Theoretisch ließe sich ähnlich wie beim Alcolock-System ein Fingerabdruck- oder Iris-Scanner für Lkws entwickeln. Solche Lösungen sind aber bisher nicht marktfähig.

Lässt sich ein Lkw technisch sperren, wenn die Ruhezeiten überschritten werden?

Nein. Der digitale Tachograph, der in der EU heutzutage vorgeschrieben ist, zeichnet die Ruhe- und Fahrtzeiten der Lkws nur auf, nimmt aber keinen Einfluss auf die Fahrzeugsteuerung. Würde die Technik den Lkw wegen einer Zeitüberschreitung zwangsabschalten, könnte das zu unangenehmen Situationen führen. Ein Lkw-Fahrer, der in einen langen Stau kommt, kann schnell ohne eigene Schuld die Ruhezeit überschreiten. Löst sich dann der Stau auf, würde er stundenlang den Verkehr blockieren.

Deutschlad 2 LKWs knapper Abstand auf der Autobahn (picture-alliance/Chromorange/Bilderbox)

Assistenzsysteme halten Spur oder bremsen ab. Sie schützen vor Unfällen durch Sekundenschlaf.

Kann man einen Lkw nach einem Diebstahl ferngesteuert stilllegen?

Das ginge theoretisch. Einige Hersteller haben experimentell solche Systeme entwickelt, die allerdings nicht überall zugelassen sind. Sie können auch nur einen Neustart des Lkw verhindern. Läuft der Motor einmal, und der Wagen ist auf der Straße unterwegs, wäre ein ferngesteuerter Eingriff viel zu gefährlich. Grundsätzlich setzen Spediteure beim Diebstahlschutz lieber auf GPS-Ortung, um zu verfolgen, wohin der Lkw fährt.

Kann autonomes Fahren eine Lösung sein?

Es ist nicht absehbar, wann und ob jemals vollautonome Lkws ohne Fahrer auf unseren Straßen unterwegs sein werden. Falls es einmal dazu kommt, werden sie vermutlich zunächst auf festgelegte und regelmäßige Routen beschränkt bleiben, auf denen der Straßenzustand sehr gut bekannt ist, und die vor allem aus Autobahnen bestehen - mit von dort kurzen Wegen zu den großen Logistikzentren.

Auch wäre eine Kombination von autonomem Fahren mit einem Lkw-Fahrer vorstellbar, der immer eingreifen kann, wenn die Robotersteuerung nicht mehr weiter weiß. Aber auch dann könnte der Fahrer den Autopiloten immer abschalten.

Was bringt dann die ganze Technik?

Allerhand. Lastkraftwagen transportieren in Deutschland heutzutage über 60 Prozent Waren mehr als seit Anfang der 1990er Jahre. Es gibt heutzutage praktisch keine Waren, die nicht mindestens einen Teil ihres Weges zum Kunden per Lkw zurücklegen. Lkws sind also ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Logistik.

Im gleichen Zeitraum sind immer weniger Menschen durch Unfälle mit Lkw verletzt oder getötet worden: Die Zahl der Schwerverletzten ist um über 40 Prozent zurückgegangen, die der Getöteten um über 50 Prozent.

Wird Lkw-Missbrauch je ganz zu verhindern sein?

Es wird wohl nie möglich sein, böse Menschen davon abzuhalten, mit Fahrzeugen Verbrechen zu begehen. Selbst ein unwahrscheinliches Science-Fiction-Szenario würde sie wohl nicht stoppen können - etwa eine Welt, in der Lastkraftwagen nur noch satellitengesteuert auf zugelassenen und definierten Verkehrsflächen fahren und sofort anhalten, wenn ihnen etwas in den Weg läuft.

Dann würden sich die Terroristen der Zukunft wohl etwas anderes einfallen lassen: Sie könnten zum Beispiel eine große Baumaschine, zum Beispiel eine Planierraupe, kapern. Denn bei der hätte der Einbau eines Kollisionsvermeidungssystems keinen Sinn.