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Europa

Ljudmila Alexejewa im Kampf für Menschenrechte

Ljudmila Alexejewa, die Grande Dame der russischen Menschenrechtsbewegung, feiert ihren 85. Geburtstag. Als Leiterin der Moskauer Helsinki-Gruppe hat sie sich längst auch international einen Namen gemacht.

Ljudmila Alexejewa - Vorsitzende der Moskauer Helsinki-Gruppe (Foto: DW)

Ljudmila Alexejewa

Silvesterabend 2009 in Moskau. Triumphplatz, zwei U-Bahn-Stationen vom Kreml entfernt. Ein Weihnachtsbaum leuchtet blau und rot, junge Frauen und Männer tanzen zu rhythmischer Musik. Es herrscht Partystimmung. Gleichzeitig kreisen Sondereinheiten der Polizei eine kleine Gruppe von Menschen ein, die gegen die Politik des damaligen Ministerpräsidenten Wladimir Putin protestieren wollen. Es sind Vertreter der "Strategie 31", einer Bürgerrechtsbewegung, die sich für Artikel 31 der russischen Verfassung einsetzt. Er garantiert Versammlungsfreiheit, die in Putins Russland in Wirklichkeit aber eingeschränkt ist.

Festnahmen bei einer Demonstration der “Strategie 31“ in Moskau im März 2012 (Foto: REUTERS/Denis Sinyakov)

Festnahmen bei einer Demonstration der "Strategie 31" in Moskau im März 2012

Rund 30 Menschen werden festgenommen, darunter eine zierliche Frau mit schneeweißen Haaren. Sie heißt Ljudmila Alexejewa und ist Russlands bekannteste Menschenrechtlerin. An diesem Freitag (20.07.2012) feiert sie ihren 85. Geburtstag.

"Der Glaube, das Richtige zu tun"

Alexejewa ist Leiterin der Moskauer Helsinki-Gruppe, die sie vor 36 Jahren mitbegründet hat. Es ist die älteste und renommierteste Menschenrechtsorganisation in Russland. Trotz ihres hohen Alters ist Alexejewa weiterhin in der Bürgerrechtsbewegung aktiv. "Der Glaube, das Richtige zu tun, gibt mir Kraft weiterzumachen", sagte sie im Gespräch mit der DW.

"Das Richtige" tut die Menschenrechtlerin seit einem halben Jahrhundert. Die am 20. Juli 1927 auf der Krim in der heutigen Ukraine geborene Alexejewa studiert in Moskau Geschichte und Archäologie. In den 1960er Jahren lernt sie Dissidenten kennen und setzt sich für sowjetische Schriftsteller ein, die dafür verfolgt werden, dass sie ihrer Bücher im Westen drucken lassen. Wegen dieses Engagements wird Alexejewa aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und verliert ihren Job als Redakteurin bei einem Wissenschaftsverlag.

So beginnt ihre Karriere als Menschenrechtlerin. "Wir waren einfache Sowjetbürger, die jegliche Lügen kategorisch ablehnten", sagt Alexejewa heute. Als Mitte der 1970er Jahre die Moskauer Helsinki-Gruppe gegründet wird, ist Alexejewa mit dabei. Doch der sowjetische Staat duldet keine Menschenrechtler. Alexejewas Wohnung wird durchsucht und die sowjetische Presse stempelt sie als "feindliche Agentin" ab. 1977 wird Alexejewa vom KGB unter Androhung der Festnahme gezwungen, die UdSSR zu verlassen. Sie emigriert in die USA und kehrt erst 1993 nach Russland zurück. Drei Jahre später wird sie zur Vorsitzenden der Moskauer Helsinki-Gruppe gewählt und das ist sie bis heute.

"Keine Rückkehr zur Sowjetunion"

Michail Fedotow leitet den Menschenrechtsrat beim Präsidenten Russlands (Foto: ITAR-TASS/ Valery Sharifulin)

Michail Fedotow leitet den Menschenrechtsrat beim Präsidenten Russlands

Die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion findet Alexejewa am spannendsten. Besonders seit Wladimir Putin die Geschicke Russlands lenkt, haben Menschenrechtler viel zu tun. Alexejewa demonstriert fast jeden Monat für Versammlungsfreiheit, fordert die Freilassung des ehemaligen Ölmagnaten und Kreml-Kritikers Michail Chodorkowski und protestiert gegen neue Gesetze.

Eines, das vom russischen Parlament Mitte Juli 2012 verabschiedet wurde, schreibt vor, dass sich russische Nichtregierungsorganisationen, die Geld aus dem Ausland erhalten und sich politisch engagieren, in einem Sonderregister als "ausländische Agenten" erfassen lassen müssen. Das gilt auch für die Moskauer Helsinki-Gruppe und erinnert deren Leiterin an sowjetische Propaganda. Alexejewa hält das Gesetz für "verfassungswidrig". Die Menschenrechtlerin ist überzeugt, dass der Kreml die Protestbewegung in Russland eindämmen will. "Die Regierenden wollen die Schrauben enger ziehen, doch dies wird nicht gelingen", sagt Alexejewa. Eine Rückkehr zu Sowjetunion werde es nicht geben.

Wenn Alexejewa nachweisen müsste, dass ihre Arbeit wichtig ist, dann bräuchte sie nur den Fernseher einzuschalten. Der staatlich kontrollierte Sender NTW wird nicht müde, Alexejewa als "westliche Agentin" zu brandmarken. Ein anderes Beispiel dafür, dass Alexejewa nach wie vor für Schlagzeilen sorgt, war ihre Ankündigung, den Menschenrechtsrat beim Präsidenten verlassen zu wollen. Das Gremium stand daraufhin kurz vor seiner Auflösung. Nur der Vorsitzende Michail Fedotow konnte Alexejewa überzeugen, doch noch zu bleiben.

Glückwünsche aus Deutschland

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (Foto: Wolfgang Kumm dpa/lbn)

Markus Löning würdigt Ljudmilas Alexejewas Verdienste im Kampf für Freiheit und Demokratie

Auch im Westen wird Alexejewa hoch geschätzt. "Ein großes Vorbild", "eine Ikone", "das Gesicht einer ganzen Generation" - so äußern sich deutsche Politiker über sie. "Sie ist eine unerschrockene Kämpferin für Freiheit und Demokratie", sagt etwa der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP) im Gespräch mit der DW. "Ljudmila Alexejewa ist von einer bewundernswerten Unbeugsamkeit… Wir brauchen sie mehr denn je", schreibt Marieluise Beck von den Grünen. "Ich wünsche ihr, dass sich ihre Hoffnung auf ein freies und demokratisches Russland erfüllt", betont Andreas Schockenhoff, Koordinator der Bundesregierung für deutsch-russische zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit und CDU-Fraktionsvize.

Die Jubilarin selbst glaubt fest daran, dass die Bewegung für mehr Demokratie nicht zu stoppen ist. "Die Zeiten haben sich geändert", sagte Alexejewa in einem DW-Interview nach den Massenprotesten gegen Fälschungen bei den Parlamentwahlen in Russland im Dezember 2011. Während am Silvesterabend vor drei Jahren nur einige Dutzend Menschen für Versammlungsfreiheit in Moskau demonstriert hätten, seien es jetzt Zehntausende. "Ich glaube, dass Russland in fünf bis zehn Jahren ein demokratisches und rechtsstaatliches Land sein wird", sagt Alexejewa. Das sei für sie sehr wichtig.