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Kultur

Liveshow aus dem Schacht

Als ein Roboter den ungeöffneten Luftschaft in der Cheops-Pyramide untersuchte, blieb es spannend bis zum Schluss. Deutsche Forscher kritisieren das Ereignis als Medienspektakel.

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Die Forscher fanden ein männliches Skelett im Sarkophag

Archäologische Sensation oder Luftnummer - das war in der Nacht zum Dienstag (17. September 2002) die Frage. Was würden die Forscher von Gizeh finden? In über 140 Länder übertrug das Fernsehen die Bilder aus dem noch ungeöffneten Kanal der ägyptischen Cheops-Pyramide. "Als der Schacht schließlich aufgemacht wurde, bin ich vor dem Fernseher auch aufgestanden", sagt Günter Burkard, Leiter des Institutes für Ägyptologie der Universität München, im Gespräch mit DW-WORLD. Fachleute hatten zwar nicht mit einer Überraschung gerechnet, aber "ein Rest von Spannung bleibt", sagt der Wissenschaftler.

Gefunden haben die Forscher unter den Augen der interessierten Welt nicht viel: Alte Luft und eine weitere Steinplatte, die der ägyptische Chefarchäologe Zahi Hawwas für eine zweite Tür hält. "Dies ist ein sehr wichtiger Fund", sagte er am Dienstagmorgen. Dass in dem 45 Zentimeter tiefen Hohlraum nichts zu finden war, überrascht den Ägyptologen Burkard nicht. "Ich halte die These für plausibel, dass der Schacht ein Korridor für die Seele des Königs sein sollte, durch den sie nach draußen gelangen konnte."

Ungenutzte Hohlräume

Doch warum war der Durchgang dann verschlossen? "König Cheops wurde schließlich einen Stock höher beerdigt. Hier gibt es ebenfalls Schächte, die zudem offen sind", erklärt der Münchner Institutsleiter. Weil die Gänge, die von der so genannten Königinnenkammer ausgehen, nicht gebraucht wurden, hat man sie wahrscheinlich einfach zugemacht. Hinter der zweiten, vergangene Nacht entdeckten Steinplatte erwartet Burkard ebenfalls nichts Sensationelles: "Ich vermute, das ist einfach das Ende des Schachtes." Ob und wann die Forscher vor Ort auch dahinter nachsehen wollen, wissen sie noch nicht.

Archäologe Hawwas und Experten der Zeitschrift "National Geographic" hatten in der Nacht zum Dienstag die Kamera auf eine zweistündige Reise durch einen nur 20 mal 20 Zentimeter weiten Schacht geschickt. Der deutsche Ingenieur Rudolf Gantenbrink hatte 1993 festgestellt, dass der Tunnel nach 60 Metern mit einer Kalksteinplatte verschlossen ist, auf der zwei Kupfergriffe angebracht sind. Ein Roboter bohrte jetzt ein kleines Loch in die Platte, durch die eine Kamera in den unerforschten Hohlraum eingelassen wurde. Was sich dahinter verbarg oder nicht verbarg, erlebten Forscher und Fernsehzuschauer in der Nacht direkt mit.

Sarkophag geöffnet

Außer dem Schacht im Pyramidengrab des Pharaos Cheops, der circa 2600 bis 2580 vor Christus lebte, öffneten die Forscher zudem erstmals einen 4500 Jahre alten Sarkophag. Er war erst kürzlich im ehemaligen Dorf der Pyramidenbauer entdeckt worden, knapp 1,6 Kilometer von der Gizeh-Pyramide entfernt. Der Sarg enthielt das Skelett eines Mannes, vermutlich die sterblichen Überreste eines Beamten aus der Zeit des Pyramidenbaus.

Der Rummel um die Untersuchung der Pyramide ist unter deutschen Forschern umstritten. Als "hochgepushten Medienflop" bezeichnet etwa der Direktor des Ägyptischen Museums Berlin, Dietrich Wildung, die weltweite Live-Übertragung. Er hält es sogar für möglich, dass Sarkophag und Steinplatte schon vor einiger Zeit geöffnet worden sind und die gestrigen Bilder eine Aufzeichnung waren.

Forschung braucht Öffentlichkeit

Burkard vom Ägyptologischen Institut in München meint hingegen, es sei gut und richtig, dass Forscher über ihre Ergebnisse informieren. "Gerade unsere kleinen Forschungsgebiete haben mehr Öffentlichkeit bitter nötig", sagt der Professor. "Das kann dann auch gerne bunt präsentiert werden." Allerdings fand auch er die Sendung von gestern Nacht übertrieben aufgemacht. "Wenn solch ein Ereignis erst Erwartungen weckt, die es dann nicht erfüllen kann, sind die Zuschauer zu Recht enttäuscht." Für das Interesse an Forschung und Wissenschaft sei das kontraproduktiv.

Warum die Übertragung aus der Pyramide und vom Sarkophag mitten in der Nacht stattfand, ist unklar. Archäologische Gründe gibt es laut Burkard jedenfalls nicht: "In einer Pyramide herrscht Tag und Nacht die gleiche Temperatur", sagt der Wissenschaftler. Vielleicht, vermutet er, wollte man die Touristenattraktion Cheops-Pyramide während der Öffnungszeiten nicht schließen. So mussten sich Hobby-Archäologen in Europa die Nacht vor dem Fernseher um die Ohren schlagen. In den USA fand die Übertragung hingegen zur besten abendlichen Sendezeit statt.

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