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Kultur

Literaturzeitschriften im Aufwind

Bei jährlich rund 83.000 Neuerscheinungen in der deutschen Bücherlandschaft ist es nicht leicht eine Auswahl zu treffen. Literaturzeitschriften, neue wie etablierte, bieten Orientierung.

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Sigrid Löffler

Sigrid Löffler

"Bücher brauchen Zeit, ihr Aroma zu entfalten", meint die Literaturkritikerin Sigrid Löffler. Nach ihrem öffentlichen Zerwürfnis mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in der ZDF-Sendung "Literarisches Quartett" wurde sie Chefredakteurin der im Oktober 2000 gestarteten neuen Monatszeitschrift "Literaturen" (Friedrich Berlin Verlagsgesellschaft, Berlin). Die streitbare Journalistin will mit ihrem Magazin der "Monotonie der Rezension in den Feuilletons" eine leserfreundliche Vielfalt entgegensetzen. Mit zuletzt 23.000 verkauften Exemplaren ist "Literaturen" nach Ansicht von Eugen Emmerling, Sprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, das "Flaggschiff eines neuen Typus von Literaturzeitschriften, die den Leser auch mit den Sinnen ansprechen".

In "Literaturen" geben neben der Rezensionen auch Autoren-Porträts, Gespräche, Essays und Berichte gezielte Einblicke in die literarische Szene. Originale Prosa und Lyrik-Beiträge finden sich in dem Heft nur sporadisch. "Wir suchen das Besondere", sagt Löffler und verweist auf die Erstveröffentlichung von Gedichten aus dem Nachlass Ernst Jandls. Die frühere Mitkämpferin im "Literarischen Quartett" zielt vor allem auf eine "gut strukturierte Orientierung". Rigoros gelte es unter den jährlich 83.000 Neuerscheinungen die interessantesten auszuwählen. Doch damit nicht genug: "Wir wollen auch Trends herausfinden." Bestes Beispiel ist das September-Heft, in dem viele Bücher unter dem Thema "Kindheit" gebündelt vorgestellt wurden.

Brückenkopf zwischen Ost und West

Dass heute auch das Internet eine Rolle spielt, zeigt sich am "Handbuch deutschsprachiger Literaturzeitschriften" (Autorenverlag Matern, Duisburg). In seiner neuesten Ausgabe von 2001 findet man unter den 454 Titeln 50 Internetmagazine. Eine "klassische" Literaturzeitschrift ist hingegen das Periodikum "Sinn und Form" geblieben, das 1949 als literarisches Aushängeschild der DDR von dem Schriftsteller Johannes R. Becher begründet wurde. Überdauert hat seither die gleichermaßen elegante wie puristische Aufmachung des zartgelben Heftes mit dem farbigen Streifen. Kein Bild stört die Konzentration auf den Text. Auch die internationale Ausrichtung ist geblieben: Ein Drittel der 3000 Exemplare geht ins Ausland.

Heute fungiert "Sinn und Form" als wichtiger ideeller Brückenkopf zwischen dem Osten und dem Westen. Zwar haben auch Gedichte, allen voran von Durs Grünbein, und vereinzelt auch Erzählungen in der Zeitschrift ihren Platz, anders aber als zu DDR-Zeiten, als Prosa von Ulrich Plenzdorf und Volker Braun das Heft in Konfrontation mit der Staatsmacht brachte, stehen heute philosophische und theologische Essays im Zentrum.

Kleiner Verlag mit schwarzen Zahlen

Noch geschichtsträchtiger als das einstige DDR-Organ ist die 1890 von dem Verleger Samuel Fischer gegründete "Neue Rundschau" (S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.). Sie gehört weiterhin zu den bedeutenden deutschen Kulturzeitschriften, beschränkt sich aber nicht auf Literatur. Zu ihren Glanzzeiten in den zwanziger Jahren war dort das ganze Spektrum der modernen Weltliteratur präsent, von Thomas Mann über Marcel Proust bis zu dem Amerikaner Eugene O'Neill. Seit 1933 gibt es in Deutschland nichts Vergleichbares mehr.

Periodika, die heutzutage neue Literatur publizieren, haben meist einen etwas exotischen Status, es sei denn, sie werden wie die "Akzente" (Hanser Verlag, München) und die "neue deutsche literatur" (Aufbau Verlag, Verlag) von großen Häusern herausgebracht. Es gibt aber auch Ausnahmen. Ein kleines Wunderwerk vollbringt der Lyriker und Verleger Anton G. Leitner. Mit seiner seit 1993 erscheinenden Jahreszeitschrift "Das Gedicht" schreibt er inzwischen schwarze Zahlen - und das ganz ohne Fördermittel und Mäzene. Die Auflage liegt bei über 5000 Exemplaren. Von einer Ausgabe, dem "Erotik-Special", wurden sogar schon fast 10.000 Hefte verkauft. In den fantasievoll aufgemachten Jahresheften ist die Elite der deutschsprachigen Poeten von Robert Gernhardt bis Friederike Mayröcker vertreten. Neuentdeckungen finden in dem beigelegten Gedicht-Flugblatt "Der Zettel" ihren Platz. dpa/(pg)