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Bücher

Literaturtheoretiker gibt Karl Marx recht

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus galt Karl Marx als "toter Hund". Doch spätestens nach der Finanzkrise gilt der deutsche Denker wieder als chic. Terry Eagleton erklärt, warum er recht hat. Doch er übersieht etwas.

"Toter Hund" – diese Metapher benutzte Karl Marx im Vorwort des Kapitals, um darzulegen, dass jemandem übel mitgespielt wird. Und gerade Karl Marx wurde übel mitgespielt. Das ist zumindest die Auffassung des britischen Literaturwissenschaftlers Terry Eagleton. In seinem schmalen Band "Warum Marx recht hat" geht es ihm um zweierlei. Zum einen will Eagleton – wie er im Vorwort schreibt - "die zehn geläufigsten Kritikpunkte an Marx aufgreifen und sie einen nach dem anderen widerlegen", zum anderen ist das Buch als eine allgemeine Einführung in das Marxsche Denken gedacht.

Natürlich will der Autor dem meterhohen Stapel angestaubter Marxismus-Bücher nicht einfach ein weiteres Exegeten-Werk hinzufügen. Ihm geht es um Grundsätzliches; denn als Marxist und Katholik ist Gerechtigkeit für ihn eine zentrale Kategorie. "Das Einkommen eines einzigen mexikanischen Milliardärs entspricht dem Gesamtlohn der ärmsten siebzehn Millionen seiner Landsleute." Für Eagleton ist es genauso wie für Marx ein Skandal, dass die ungeheure Wertschöpfung kapitalistischer Produktion mit der Verelendung großer Teile der Menschheit einhergeht.

Utopie gegen Gulag

Wenn Argumente gegen den Marxismus angeführt werden, ist dieses immer dabei: die Idee habe ihre schreckliche Realisierung in den Gulags von Stalin, Mao und Pol Pot gefunden. Eagleton will diese Formen der Schreckensherrschaft nicht verteidigen, wendet aber ein, dass auch "der Kapitalismus unter Blut und Tränen erschaffen" wurde. Auch Marx ging nie davon aus, dass sich der Sozialismus unter Bedingungen von Armut und Mangel erschaffen lasse. Oder um es mit Eagleton zu sagen: "Man kann keinen Wohlstand zum Nutzen aller umverteilen, wenn kaum Wohlstand zum Umverteilen da ist." Deswegen musste auch das Experiment vom Aufbau des Sozialismus in einem Entwicklungsland wie dem Russland des Jahres 1917 scheitern.

Ein weiteres Missverständnis ist für Eagleton das Gleichheitsparadigma. Gleichheit heißt für Marx lediglich Gleichheit vor dem Recht und Chancengleichheit. Es gehe im Sozialismus keineswegs darum, dass jeder den gleichen Overall trägt. Es sei "schließlich der Konsumkapitalismus, der seine Bürger in Uniformen steckt; denken Sie an die Trainingsanzüge und Sportschuhe." Und: Auch der Sozialismus wird kein Himmel auf Erden sein. "Zu rechnen wäre mit Kindermorden, Autounfällen, entsetzlich schlechten Romanen, tödlichen Eifersuchtsdramen, maßlosem Ehrgeiz, geschmacklosen Hosen und tiefer Trauer. Vermutlich müssen auch die Toiletten von jemandem gesäubert werden." Es sind vor allem ironische Passagen wie diese, die das Buch lesenswert machen.

Balzac gegen Ausbeutung

Ansonsten schildert Eagleton Marx als aufgeklärten, kultivierten Denker, der sich lieber mit Balzac beschäftigen würde, als das Kapital zu schreiben; dem Muße mehr gilt als Plackerei und der mit seinen Vorstellungen von Emanzipation, Völkerverständigung und Umweltschutz seiner Zeit weit voraus war. Eagleton begründet in marxistischer Tradition zudem einleuchtend, dass eine gerechtere Welt eine rationalere Welt sein würde.

Aber es gibt einen entscheidenden Makel in Eagletons Betrachtungen. Er hat keine Antwort darauf, wie etwa der bereits erwähnte mexikanische Milliardär überzeugt werden kann, seinen Reichtum mit seinen armen Landsleuten zu teilen. Oder welches rationale Argument ein großes Unternehmen dazu bringt, seine Sparte mit hunderten von Arbeitsplätzen zu erhalten, wenn es mit der Schließung sehr viel mehr Geld verdienen könnte.

Bei Marx führt die Verelendung der arbeitenden Klasse zum Klassenkampf. Aber heute? Die Vorstellung ist schlichtweg naiv, dass die sozialgesetzlich abgesicherten Arbeitnehmer der Industriestaaten eine Revolution anzetteln würden, bei denen sie im Zweifelsfall Teile ihres Wohlstands verlieren würden. Denn obwohl die soziale Schere zwischen Arm und Reich in den meisten Staaten wieder auseinandergeht, ist ein Arbeitsloser in Deutschland viel wohlhabender als ein Mensch, der in einem Sweat-Shop in einem Drittwelt-Staat für einen Hungerlohn Turnschuhe zusammennäht. Und diese Schuhe will sich auch ein armer Europäer weiterhin leisten können.

Terry Eagleton: Warum Marx recht hat. Aus d. Engl. v. Hainer Kober. Ullstein Verlag 2012. 288 Seiten; 18 Euro; ISBN 9783550088568