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Bücher

Literatursalon 2.0 - nie mehr allein

Leseportale im Internet haben immer mehr Zulauf: Während man in einer klassischen Runde vielleicht zehn Leute trifft, bietet das Web Tausende Kontakte. Und von den Freunden im Netz ist immer jemand ansprechbar.

Eine junge Frau surft in einem Cafe mit ihrem Laptop im Internet (Foto: dpa)

In Deutschland werden Buch-Portale zunehmend populärer, das sind Internetseiten, auf denen sich alles ums Lesen dreht. Bei den Nutzern handelt es sich nicht nur um junge Leute. Das Durchschnittalter wird von den Veranstaltern bei 40 Jahren vermutet. Der Rentner Arno Sanders hat erst kürzlich den Umgang mit Computern gelernt: Sein Sohn habe ihn damit gelockt, dass man sich da "mit anderen über Bücher austauschen kann." Sogar zu "richtigen" Autoren habe er Kontakt bekommen!

Finden, was ich will

Angefangen hat es mit Leuten, die sich über die Literaturkritik der Feuilletons geärgert haben: Zu abgehoben war ihnen das, die Auswahl zu eng. Im Gegensatz zu den Printmedien bietet das Netz unbegrenzt Platz. Man kann also viel mehr besprechen und einstellen. Und ohnehin holen sich die meisten Leute ihre Buchempfehlungen lieber bei Freunden und Gleichgesinnten.

Der nächste Schritt war dann, dass die Leser selbst zu Kritikern wurden. Das ist mit professionellen Besprechungen zwar nicht zu vergleichen, aber die kurzen, emotionalen Stellungnahmen kommen bei anderen Lesern gut an.

Buch plus

E-Book (Foto: dpa)

E-Book

Inzwischen haben E-book und Reader einen ganz neuen Umgang mit dem Medium Buch ermöglicht. Karla Paul ist Redaktionsleiterin der Internet-Plattform "LovelyBooks.de", wo man die neuesten technischen Möglichkeiten nutzt, um das Buch noch weiter aufzuwerten. Dort ist man stark mit anderen vernetzt, mit Facebook, Autoren, Bloggern, Verlagen und dem online-Buchhandel. Es gibt Leseproben und Bilder. Man kann an Leserunden teilnehmen, die von den Autoren selbst begleitet werden, sich in Diskussionen einmischen, Tipps einholen, als Rezensent auftreten und Bücher gewinnen.

Die neueste Attraktion ist die "Buchfrage". Wenn man im Reader an eine Stelle kommt, die man nicht versteht, stellt man aus dem Buch heraus eine Frage an den Autor. Karla Paul wühlt in ihrer riesigen Laptop-Tasche, holt ihren Tablet-Computer heraus und zeigt, wie's geht. Bing! macht es und die Antwort ist da. Karla schüttelt den Kopf, das packt sie immer noch: "Dieses Gefühl - im Buch mit dem Autor zu kommunizieren - das bereitet mir Gänsehaut!"

Vom Vampirroman bis Thomas Mann

Screenshot literaturcafe.de

Screenshot literaturcafe.de

Inzwischen gibt es so viele Lese-Portale, dass jedes Spezialinteresse bedient wird. Die Aufmachung der Homepage hilft bei der Orientierung: Die eine ist kühl und sachlich, auf der anderen grüßen Ritter und Burgfräulein oder "bookie", das Eichhörnchen.

Der ehemalige Computer-Programmierer Lars Schafft ist leidenschaftlicher Krimileser. Er hat ein eigenes Netz-Portal geschaffen und ist inzwischen Herr über ein kleines Imperium von Kochbuch-, Kinderbuch-, Phantastik- und Geschichtsromanen. Die Spezialisierung hält er für einen wichtigen Trend. "Wir ziehen die Leser an, die ganz speziell suchen. Damit bekommen wir einen Expertenpool, so dass wir eben nicht nur Fachinformationen geben, sondern auch bekommen."

Für die Nutzer geht es hier nicht ausschließlich ums Lesen, sondern auch um soziale Kontakte. Man findet neue Freunde und auch Streits kommen vor, wie im echten Leben. Aus einem der Krimizirkel sei inzwischen sogar eine kleine Familie hervorgegangen.

Neue Marketing-Chancen

Von Verlagen werden die Lese-Portale genau beobachtet. Carsten Sommerfeldt, Pressereferent des Berlin Verlags, freut sich darüber, dass man die Leser jetzt direkt erreichen kann: "Früher haben wir einfach in die weite Welt Pressemitteilungen verschickt, ohne zu wissen, mit wem man's da zu tun hat." Jetzt könne man ein Buch gleich am richtigen Platz ins Gespräch bringen. "Keine Werbung ist so machtvoll wie das Sprechen über Bücher."

Wolfgang Tischer, der Betreiber von literaturcafe.de (Foto: Wolfgang Tischer)

Wolfgang Tischer

Durch die Verlage hätten die Leseportale ihre Unschuld verloren, kritisiert Wolfgang Tischer, Gründer der Plattform "Literatur-Café". Viele Portale stellten Autoren in besonderen Aktionen heraus, ohne ihren Usern mitzuteilen, dass diese Aktionen von Verlagen gekauft sind. "Denen ist oft gar nicht klar, dass letztendlich dieser Autor nur deswegen so herausgestellt wird, weil der Verlag Geld bezahlt hat", kritisiert Tischer. So etwas klappt allerdings auch nur ein Mal. Wenn das Buch tatsächlich schlecht ist, spricht sich das in der Lesergemeinde schnell herum. Durch das Vernetztsein sind die deutschen Leser zwar berechenbarer, aber auch ein gutes Stück mächtiger geworden.


Autorin: Sabine Korsukéwitz
Redaktion: Günther Birkenstock

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