Literaturnobelpreis: Schwedische Akademie kann Jury neu besetzen | Bücher | DW | 07.05.2018
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Literaturnobelpreis: Schwedische Akademie kann Jury neu besetzen

Die Schwedische Akademie hat sich entschieden, die Vergabe des Literaturnobelpreises in diesem Jahr auszusetzen - als Folge einer Reihe von Skandalen. Jetzt ist eine Neubesetzung der Jury möglich geworden.

Die krisengeplagte Schwedische Akademie in Stockholm macht jetzt Platz für neue Mitglieder in der Jury für den Literaturnobelpreis. Vier offizielle Rücktritte sind genehmigt worden, teilte das Gremium am Montag (07.05.2018) der Presse mit. Die Sitze der bisherigen Jury-Mitglieder Lotta Lotass, Klas Östergren, Sara Stridsberg und Kerstin Ekman können neu besetzt werden. Zuletzt waren nur noch zehn von einst 18 Mitgliedern aktiv.

Möglich geworden ist das durch das tatkräftige Eingreifen des schwedischen Königs Carl Gustav XVI., der die jahrhundertealten Statuten der Akademie auf Grund des Skandals um ein Rücktrittsrecht ergänzt hatte. Bislang wurden die Jury-Plätze immer auf Lebenszeit vergeben - und durften erst nach dem Tod des Mitglieds neu besetzt werden.

Die Schwedische Akademie hatte entschieden, 2018 keinen Literaturnobelpreis vergeben. Der Preis werde im kommenden Jahr zusammen mit dem Preis für 2019 vergeben, teilte das Jury-Gremium in Stockholm mit. "Wir halten es für nötig, Zeit zu investieren, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wieder herzustellen, bevor der nächste Preisträger verkündet werden kann", sagte der Interims-Vorsitzende Anders Olsson. Die Entscheidung sei auch aus Respekt für frühere und noch kommende Preisträger gefallen.

"Die Krise der Schwedischen Akademie hat dem Ansehen des Nobelpreises schwer geschadet", sagte der Vorsitzende der Nobelstiftung, Carl-Hendrik Heldin. Die Entscheidung, den Literaturnobelpreis in diesem Jahr nicht zu vergeben, "unterstreiche den Ernst der Lage und werde helfen, den guten Ruf des Preis wieder herzustellen". Auf die Preisvergabe in anderen Kategorien werde dieses Votum allerdings keinen Einfluss haben.

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"Ein trauriger Tag für die Literatur"

Im Vorfeld äußerte sich der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa zu den Vorfällen. Der spanischen Tageszeitung "El País" sagte er, dass es sich bei den Skandalen rund um die Nobelpreis-Jury seiner Meinung nach um eine lokale Querele handle, die das Ansehen der weltweit renommierten Akademie nicht ruinieren dürfe. "Es kamen Rivalitäten ans Licht, die es in jeder Institution gibt. Was die schweren Anschuldigungen angeht, ist das ein Fall für die Justiz, aber der Skandal sollte nicht einer Institution schaden, die bisher immer weltweiten Respekt genossen hat", so Llosa.  

Die Schriftsteller Sibylle Lewitscharoff und Martin Walser sehen die Zukunft des Literaturnobelpreises trotz der aktuellen Krise optimistisch. "Da muss einfach mal ausgemistet werden, einmal mit dem Besen durch, dann machen wir weiter", sagte Lewitscharoff am Freitag (4.5.) gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Auch Walser hält langfristige Folgen des Skandals für unwahrscheinlich: "Die Akademie wird sich umorganisieren, und dann wird alles weitergehen wie bisher."

Korruptions- und Missbrauchsvorwürfe in der Jury

Hintergrund der Entscheidung der Akademie ist ein Skandal um Korruption und sexuelle Belästigung, in dessen Folge mehrere Jury-Mitglieder ihre Arbeit niederlegten. Damit war die Jury beschlussunfähig geworden. Zuletzt waren nur noch zehn der 18 Mitglieder aktiv in der Akademie tätig. Für die Vergabe des Literaturnobelpreises sind allerdings 12 Stimmen nötig. Die Mitglieder der Akademie konnten aufgrund der Statuten nicht ausgetauscht werden, da sie nach Ernennung Mitglieder auf Lebenszeit sind. Bereits im Jahr 1989 hatten zwei Mitglieder die Arbeit eingestellt, weil sich die Akademie weigerte, die Todesdrohungen gegenüber Salman Rushdie von Irans geistlichem Oberhaupt Ayatollah Khomeini zu verurteilen.

Katarina Frostensson, Jean Claude Arnault (picture-alliance/IBL Schweden)

Skandalpaar: Jury-Mitglied Frostenson wird Korruption vorgeworfen, ihrem Mann Arnault sexueller Missbrauch

Beschlussunfähig wurde die Nobelpreis-Jury mit dem Rückzug dreier Mitglieder aus der Akademiearbeit nach einem Skandal um das Mitglied Katarina Frostenson. Ihr wird vorgeworfen, Gelder veruntreut und Namen künftiger Literaturnobelpreisträger weitergegeben zu haben. Ihrem Ehemann Jean-Claude Arnault, einem einflussreichen Funktionär des schwedischen Kulturbetriebs, wurden zudem sexuelle Übergriffe angelastet, von denen sich die Mehrzahl allerdings als nicht justitiabel erwies. Ein Verfahren, mit dem Frostenson aus der Akademie ausgeschlossen werden sollte, scheiterte zunächst. Inzwischen hat sie ihre Arbeit freiwillig niedergelegt.

König Carl Gustaf will Statuten ändern

Nach den zahlreichen Rücktritten hatte sich bereits Mitte April das schwedische Königshaus eingeschaltet. König Carl XVI. Gustaf hatte angekündigt, die Statuten um Regeln zum Austritt aus der Akademie ergänzen zu wollen. So soll es künftig nicht nur möglich sein, die Sitze zurückgetretener Mitglieder neu zu besetzen, sondern auch Mitglieder, die seit zwei Jahren nicht aktiv mitgearbeitet haben, zu ersetzen. Der Monarch, der gleichzeitig Schirmherr der Kulturinstitution, hatte zudem alle Mitglieder der Akademie aufgefordert, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

König Carl von Schweden (Getty Images/M. Campanella)

König Carl XVI. Gustaf hatte die Entwicklungen in der Akademie "mit großer Unruhe verfolgt"

Nicht zum ersten Mal ausgesetzt

Die Entscheidung, den Preis für ein Jahr auszusetzen, ist kein Novum. Allerdings war das bisher meistens der Fall, wenn kein angemessener Kandidat gefunden wurde. "Wenn keine der in Betracht gezogenen Arbeiten die im ersten Absatz angegebene Bedeutung aufweist, ist das Preisgeld bis zum folgenden Jahr zu reservieren", heißt es in dem Regelwerk. Sieben Mal machte die Schwedische Akademie in der Vergangenheit von dieser Möglichkeit Gebrauch: Unter anderem bekam der Ire George Bernard Shaw ("Pygmalion") seinen Preis für 1925 erst im Jahr 1926. Außerdem wurde der Nobelpreis wegen der beiden Weltkriege mehrfach ausgesetzt. Die jahrhundertealten Statuten der Akademie lassen es zu, in einem Jahr zwei Nobelpreise zu verleihen.

fs/suc (mit dpa/afp)

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