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Bücher

Literaturnobelpreis für die Geschichten-sammlerin Swetlana Alexijewitsch

In einer feierlichen Zeremonie überreichte König Carl Gustaf den diesjährigen Nobelpreisträgern Goldmedaillen und Urkunden. Den Literaturnobelpreis nahm die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch entgegen.

Es ist Nobelpreis-Woche: Alljährlich zum Geburtstag des Stifters Alfred Nobel werden in Oslo und Stockholm in zwei feierlichen Zeremonien die Nobelpreise überreicht. Auch die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin, die Schriftstellerin und Journalistin Swetlana Alexijewitsch, nahm in der Stockholmer Konzerthalle ihre Auszeichnung aus der Hand König Carl Gustafs entgegen. In seiner Eröffnungsrede erinnerte der Vorsitzende des Stiftungsboards, Prof. Carl-Henrik Hedin, daran, dass Alfred Nobel seine Vorgaben für die Vergabe des Literaturpreises nur vage formuliert habe. Er sei jedoch von der Idee der Aufklärung besessen gewesen und habe fest an menschliche Werte geglaubt.

In diesem Sinne, betonte der Schrifsteller Per Wästberg in seiner Laudatio auf die 67-jährige Weißrussin, sei ihre Auszeichnung eine hervorragende Interpretation von Nobels Erbe. Ihr vielstimmiges Werk setze dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal – so hatte auch die Jury ihre Wahl begründet. Wir wüssten weniger darüber, was Tschernobyl für die Menschen bedeutet habe, und nichts von der Welt der Frauen im Krieg, wenn Swetlana Alexijewitsch nicht die Stimmen dieser und vieler anderer Menschen zum Sprechen gebracht hätte.

Swetlana Alexijewitsch selbst hatte es am Montag Abend (7.12.2015) in ihrer traditionellen Rede vor der Akademie in Stockholm schlichter ausgedrückt: Sammlerin der Geschichten des "kleinen Menschen" sei sie. "In meinen Büchern erzählt er seine eigene kleine Geschichte und damit zugleich auch die große Geschichte."

Der sowjetische Mensch und seine Geschichten

Um die Geschichte der Sowjetunion und ihrer Menschen zu erzählen, entwickelte die gelernte Journalistin eine neuartige Form der Autorenschaft, die sie erstmals 1983 in dem Buch "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" anwandte. Mit Interviews dokumentierte sie darin das Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg. Immer wieder ist ihr seither vorgeworfen worden, sie sei mehr Dokumentarin als Schriftstellerin. "Doch was ist Literatur?", fragte sie zur Entgegnung. "Es gibt keine Grenze zwischen Tatsache und Erfindung, sie gehen ineinander über."

Screenshot Nobel-Vorlesung von Swetlana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitschs Nobelvorlesung

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 in der Ukraine geboren und lebt nach langen Aufenthalten im Ausland seit 2010 wieder in der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Sie habe jedoch drei Zuhause, sagte sie in ihrer Nobelrede: "Meine weißrussische Heimat, das Land meines Vaters, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe, die Ukraine, die Heimat meiner Mutter, wo ich geboren bin, und die große russische Kultur, ohne die ich mir mich nicht vorstellen kann." Immer wieder beschreibt sie in ihren Werken das Schicksal ihrer Heimat: "Ich habe fünf Bücher geschrieben, doch sie erscheinen mir wie ein einziges Buch. Ein Buch über die Geschichte einer Utopie."

Angesichts dessen, was ihr in den Interviews erzählt wurde, sei sie oft "erschüttert und entsetzt vom Menschen, begeistert und angewidert" gewesen. Manchmal habe sie vergessen wollen, was sie gehört habe - und zurückkehren wollen "in die Zeit, da ich noch unwissend war", so die Autorin in ihrer Nobelvorlesung.

Eine Zeit verpasster Chancen

Auch ihr jüngstes Werk "Secondhand-Zeit" (2013) ist eine Sammlung von Stimmen über erschütternde Erfahrungen. Seit dem Ende der Sowjetherrschaft hätten sich die Hoffnungen der Menschen auf ein besseres und friedliches Leben nicht erfüllt. "Ich bin so kühn zu sagen, dass wir die Chance verpasst haben, die wir in den 90er Jahren hatten", sagte sie in ihrer Rede. "Die Frage, was für ein Land wir wollen, ein starkes oder ein menschenwürdiges, in dem jeder gut leben kann, wurde zugunsten der ersten Antwort entschieden: Ein starkes Land. Es herrscht wieder eine Zeit der Stärke. Russen kämpfen gegen Ukrainer. Gegen Brüder."

Die Preisträgerin ist eine der schärfsten literarischen Kritikerinnen des weißrussischen Regimes und von Russlands Präsident Wladimir Putin. Auf die Zeit der Hoffnung sei eine Zeit der Angst gefolgt: "Die Zeit dreht sich zurück... Eine Secondhand-Zeit", so Alexijewitsch.

Swetlana Alexijewitsch ist erst die 14. Frau, die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Ihre Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt, ins Deutsche von Ganna-Maria Baungardt.

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