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Asien

Literatur aus dem "anderen" China

Während Autoren und Bücher aus der Volksrepublik China allmählich auch im Westen ihr Publikum finden, ist die Literatur aus dem Inselstaat Taiwan so gut wie unbekannt.

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Taiwan präsentierte sich auf der Buchmesse in Frankfurt mit einem eigenen Stand. Foto: Lorenz

Nicht zufällig ist das jüngste Buch der taiwanesischen Schriftstellerin Lung Yingtai in diesem Herbst erschienen: Lung Yingtai wollte, dass es kurz vor den Feierlichkeiten rund um den 60. Jahrestag der Gründung Chinas auf den Markt kommt. Und in der Tat sorgte ihr Buch, das bislang nur auf chinesisch erhältllich ist, in China auch gleich für Furore. Denn die 1952 in Kaohsiung geborene Lung Yingtai berichtet darin vom Leiden ihrer Elterngeneration – und lenkt den Blick ihrer Leser auf die Flucht von Millionen Chinesen nach der Niederlage der Nationalisten unter Chiang Kai-Shek 1949 nach Taiwan. Ein historisches Trauma, das in all seinen schmerzvollen Dimensionen wohl erst in diesem Jahrzehnt erzählt werden konnte: und das selbst heutzutage nur einem kleinen Teil des chinesischen Publikums zugänglich ist.

Historische Tabus

Taiwan Literatur

Die taiwanesische Kulturwissenschaftlerin Lung Yingtai

Wer von der Literatur Taiwans seit 1949 redet, kann von der Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert nicht schweigen. Lung Yingtai, eine der bekanntesten Intellektuellen Taiwans, engagierte sich unter anderem als Kulturpolitikerin in Taipei und lehrt heute an der Hongkong-Universität. In ihrem Buch, das sie auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vorstellte, schildert sie die Leiden einer Generation, die unter das Rad einer Geschichte geriet, die auf dem chinesischen Festland noch heute mit einem Tabu belegt ist.

Es geht um den blutigen Bürgerkrieg, der ab 1945 zwischen den kommunistischen Truppen Mao Zedongs und der nationalchinesischen Guomindang-Armee unter Chiang Kai-Shek um die Vorherrschaft in China geführt wurde. Die Auseinandersetzungen endeten erst 1949 mit der Flucht Chiang Kai-Sheks, seiner Truppen und zahlreicher Familien auf die Insel Taiwan. Zehn Millionen Menschen sollen bei der Eroberung Chinas durch Mao Zedong gestorben sein – das Leid, das etwa durch die chaotische Flucht und die Trennung ganzer Familien entstand, nicht mit eingerechnet. Ein Kapitel, das in den Jahrzehnten, während derer Taiwan diktatorisch regiert wurde, ebenso verschwiegen wurde wie heutzutage in der Volksrepublik China.

Taiwan – ein Laboratorium chinesischer Demokratie?

Im demokratisch gewandelten Taiwan von heute kann das Thema inzwischen diskutiert werden. Ein Beweis dafür, dass autoritäre Formen der Regierung keineswegs, wie oft behauptet, ein unverrückbarer Bestandteil der kulturellen Tradition Chinas seien, meint Lung Yingtai im Gespräch. Gerade das Beispiel Taiwans belege das Gegenteil. Allen Problemen zum Trotz, die natürlich auch in Taiwan existierten.

Neue Themen, junge Literatur

Taiwan Literatur

Der Schiftsteller Chang Ta-Chun zählt zur jüngeren Generation taiwanesischer Autoren

Die auch im Westen bekannte Debatte zwischen den Befürwortern und Gegnern eines von Festland-China unabhängigen Inselstaats ist bei jüngeren taiwanesischen Autoren nicht unbedingt ein vorrangiges Thema, sagt der Erzähler Chang Ta-Chun, der ebenfalls zu Gast bei der diesjährigen Buchmesse war. Die Jüngeren konzentrierten sich entweder auf persönliche Themen, wie beispielsweise ihre Erfahrungen als Heranwachsende, oder gar auf globale Herausforderungen. Er selbst betont die ästhetische Dimension seines Schreibens. Um die "Worte", die das Wesen der chinesischen Kultur ausmachten, geht es ihm: in seinem jüngsten Roman "Höre auf Deinen Vater!“ ebenso, wie in seinen kalligraphischen Arbeiten. Die präsentierte er am Taiwan-Stand der diesjährigen Buchmesse mit sicherem Pinselstrich als "work in progress".

Autorin: Dagmar Lorenz

Redakteurin: Silke Ballweg