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Kultur

Literatur als Laster - Enzensberger im Porträt

Er wurde als "Luftwesen" bezeichnet und als "Windhund". Andere schätzen Hans Magnus Enzensberger als hellsichtigen Dichter und Denker, als unbestechlichen Beobachter des Zeitgeschehens. Ein Porträt.

Der Autor Hans Magnus Enzensberger, aufgenommen am 23.03.2007 auf der Buchmesse in Leipzig. (Foto: dpa)

Jubilar wider Willen

Er ist ein Meister der literarischen Kurz- oder Mittelstrecke und hat, wie er selbst kürzlich sagte, noch nie ein Buch von mehr als 350 Seiten geschrieben. Gleichwohl ist Hans Magnus Enzensberger einer der produktivsten und vielseitigsten Autoren der Gegenwart. Er schrieb und schreibt Essays, Romane, Kinderbücher, Theaterstücke, Opernlibretti, vor allem aber: Lyrik. Mit dem Gedichtband "Verteidigung der Wölfe" gab er 1957 sein literarisches Debüt. Da war Enzensberger 28 Jahre alt. Schon sechs Jahre später bekam er den Georg-Büchner-Preis, die höchste literarische Auszeichnung in Deutschland.

Aufbruch in die Ferne

Geboren wurde Enzensberger am 11. November 1929 in Kaufbeuren im Allgäu, aufgewachsen ist er in Nürnberg. Noch 1945 - als 16jähriger - wurde er zum so genannten "Volkssturm" eingezogen, dem letzten Aufgebot der nationalsozialistischen Wehrmacht. Nach Studium und Promotion arbeitete Enzensberger dann als Dolmetscher, Lektor, Rundfunkredakteur und Universitätsdozent. Früh schon - da waren Fernreisen bei den Deutschen noch keineswegs üblich - frönte er seiner Leidenschaft für den Aufbruch in ferne Länder, war in den USA, in Mexiko, in Norwegen und Italien, in der Sowjetunion und in Kuba, wo er beim Ernteeinsatz auf einer Zuckerrohrplantage mithalf und politisch ziemlich desillusioniert zurückkam.

Kritischer Linker

1965 - er war bereits ein Wortführer der Studentenbewegung und der linken Intellektuellen im Lande - gründete Hans Magnus Enzensberger in Berlin das "Kursbuch", eine dickleibige Zeitschrift, die sich bald zu einem wichtigen Forum für gesellschaftspolitische Debatten entwickelte. Zehn Jahre lang gehörte er dem Herausgebergremium an, Jahre, in denen er sich zum Kritiker der Linken wandelte. Enzensberger hat sich nie gerne festlegen lassen. Immer wieder hat der Dichter sich selbst korrigiert, Positionen geräumt, Sichtweisen geändert und ist dabei ein kritischer, aber unabhängiger Beobachter der deutschen Gesellschaft geblieben. Manche haben ihn trotzdem als "Chamäleon" oder als "Equilibristen" bezeichnet. Peter Rühmkorf nannte ihn einen "Weltgeist auf Achse", der sich den Zeitströmungen "auf seglerhafte Weise anpasst."

Ein deutscher Intellektueller

Die Schriftsteller (l-r) Günter Grass, Peter Rühmkorf und Hans Magnus Enzensberger (Foto: dpa)

Die großen Drei: Grass, Rühmkorf, Enzensberger

Er gründete die Zeitschrift "Transatlantik", gab fast zwei Jahrzehnte lang die "Andere Bibliothek" heraus - Enzensberger der Vielseitige: Ein Intellektueller neuen Typs, wie sein Biograph Jörg Lau formuliert, der die großen gesellschaftlichen Debatten der Bundesrepublik mit geprägt hat, politisch engagiert, gleichwohl humorvoll und mit einem Hang zur Ironie, musikliebend, sprachgewandt - noch mit siebzig, so wird berichtet, habe er begonnen, portugiesisch zu lernen – außerdem habe er eine ganz besonderen Leidenschaft für Mathematik und Wissenschaft. "Ich wäre vielleicht ein ganz guter Chemiker, oder ein Banker geworden. Aber man muss seine Prioritäten kennen," sagte Enzensberger einmal.

In den letzten Jahren hat er sich wieder eingemischt: Migration, Europa, Islam, der Krieg im Irak - den er übrigens als einer der ganz wenigen Intellektuellen in Deutschland befürwortet hat. Das Dichten aber gibt er nicht auf und sagt: "Die Literatur ist auch ein Laster. So wie das Rauchen. Es fällt einem schwer, es sich wieder abzugewöhnen."

Schreibend hat er sich seinem Achtzigsten genähert – doch von dem Geburtstag möchte Enzensberger am liebsten keinerlei Aufhebens machen. Für ihn ist er einfach ein Datum im Kalender.

Autorin: Cornelia Rabitz
Redaktion: Elena Singer

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