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Bücher

Literarischer Advent: Fünf Blicke in die Welt

In der ruhigen Zeit zwischen Weihnachtsgans und Silvesterkarpfen schweifen die Gedanken auch gern in die Ferne. Diese fünf wichtigen Bücher, die 2016 auf Deutsch erschienen sind, entführen Sie in fremde Länder.

Aravind Adiga: Golden Boy

Cricket, das ist in Indien und Pakistan nicht nur der Nationalsport, sondern für sehr viele Männer eine Hingabe fordernde Leidenschaft. Wie in manchen Teilen der Welt eine Karriere im Fußball der Traum unterprivilegierte Jungs ist, weckt in Indien der Sport die Hoffnung auf ein besseres Leben. Und wie beim Fußball geht es im 21. Jahrhundert beim Cricket vor allem eines: um Geld.

Aravind Adiga gelang mit seinem Roman "Der weiße Tiger" ein Weltbestseller. Jetzt erzählt er die Geschichte zweier Brüder in Mumbai, deren tyrannischer Vater sie zu Stars des Sports machen will. Zu Nummer Eins und Zwei, nach dem Vorbild berühmter Cricket-Bruderpaare der Vergangenheit. Doch der Sport und sein Umfeld, die Indische Premier League, haben sich verändert. Der Weg der beiden Teenager Radha und Manju ist eine Geschichte von zerplatzten Träumen, persönlichen wie nationalen. Ihre Schicksale spiegeln die Konflikte Indiens um Klasse, Religion und Sexualität. Eine fesselnde Erzählung von Erfolg und Scheitern - schwer aus der Hand zu legen.

Aravind Adiga: Golden Boy, aus dem Englischen von Claudia Wenner, Verlag C.H. Beck 2016, 335 Seiten, ISBN 9783406698033

Cixin Liu: Die drei Sonnen

Chinas Science-Fiction hat bisher keinen Weltruhm erlangt. Das liegt nicht nur an der Dominanz der englischen Sprache in diesem Genre. Was Science-Fiction interessant macht, die ihr eingeschriebene Gesellschaftskritik, war in chinesischen SF-Romanen und -Erzählungen bisher höchstens andeutungsweise vorhanden. In China selbst waren solche Werke lange ein politisch motiviertes PR-Instrument, um vor allem in den 1980er-Jahren Wissenschaft und Technik und ihre Protagonisten nach der Kulturrevolution wieder populär zu machen.

Deshalb ist der Erfolg des chinesischen Autors nicht nur in seinem Heimatland, sondern auch im englischsprachigen Ausland geradezu sensationell. "Die drei Sonnen" ist der 2006 im Original veröffentlichte, erste Teil einer Trilogie, die auf Englisch seit kurzem komplett vorliegt. Als erster chinesischer Roman überhaupt wurde der Band 2015 mit dem Hugo Award (dem seit 1953 vergebenen "Science Fiction Achievement Award") ausgezeichnet. 2017 wird er verfilmt.

Lius Roman ist Science-Fiction im Großformat, die mehrere vielfach verwobene Geschichten parallel erzählt. Typischerweise versucht der Roman auch, die alte chinesische Historie und die Verheerungen der Kulturrevolution aus einer SF-Perspektive neu zu erzählen. Das führt zu Stories in der Story, die Galaxien, Philosophien und alle denkbaren Zeiträume umfassen, und bei denen es letztlich - wie bei jeder guten Science-Fiction - um das geht, was auf der Erde passiert. Wie lässt sich in der Begegnung mit den "Trisolariern" die Zerstörung unserer Welt - vor allem durch uns selbst - verhindern? Dass dieses 'Star Wars mit chinesischem Antlitz' endlich auch auf Deutsch vorliegt, noch dazu in einer hervorragend zu lesenden Übersetzung, ist ein Glück für alle Freunde der Zukunftsliteratur.

Cixin Liu: Die drei Sonnen, aus dem Chinesischen von Martina Hasse, Heyne Verlag, 592 Seiten, ISBN 783453317161

Juan Gabriel Vásquez: Die Reputation

Sechs Romane des kolumbianischen Autors liegen auf Deutsch vor. 2014 erzählte er in "Das Geräusch der Dinge beim Fallen" vom Alptraum des Drogenhandels. Jetzt, im Jahr 2016, in dem die Welt hoffnungsvoll auf die Aussöhnungstendenzen in seinem Heimatland blickt, ist "Die Reputation" erschienen, sein vor drei Jahren im Original veröffentlichtes Werk.

Javier Mallarino, die Hauptfigur von "Die Reputation", ist als Karikaturist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen, als er an einen Vorfall erinnert wird, der sich schon drei Jahrzehnte zuvor ereignet hat. Seine spitze Feder hat damals einen Politiker in den Selbstmord getrieben - Mallarinos Karikaturen hatten Vergehen an jungen Mädchen angedeutet. Eine junge Frau, einstige Freundin der eigenen Tochter, fordert von ihm Gewissheit, gerade, als ihm ein Staatspreis verliehen werden soll. Der seit einigen Jahren in Barcelona lebende Romancier schafft meisterhaft eine Atmosphäre des Zweifels. Die Frage, wann der Karikaturist als moralische Instanz Grenzen überschreitet, ist in jüngster Zeit oft und mit hoher gesellschaftlicher Brisanz gestellt worden. Vásquez richtet sie mit viel Gefühl an die kolumbianische Vergangenheit, an die Kraft oder das Versagen der Erinnerung.

Juan Gabriel Vásquez: Die Reputation, aus dem Spanischen von Susanne Lange, Schöffling und Co. Verlag 2016, 192 Seiten, ISBN 9783895610097

Edmund de Waal: Die weiße Straße

Man kennt Edmund de Waal als Autor von "Der Hase mit den Bernsteinaugen", seinem erfolgreichen Werk, in dem er anhand einer Sammlung von japanischen Netsuke, kleinen geschnitzten Gürtelanhängern, die Geschichte der Familie Ephrussi und des reichen europäischen Judentums erzählt. Dass der Brite von Haus aus aber viel mehr bildender Künstler als Schriftsteller ist, dürfte wenigen Lesern bewusst sein. Edmund de Waal ist Töpfer, Professor für Keramik an der University of Westminster, und er stellt seine Porzellangefäße und -skulpturen an den hervorragendsten Orten der Welt aus.

Kaolin ist eines der wenigen chinesischen Fremdwörter in der deutschen Sprache. De Waals neues Buch folgt den Spuren dieser weißen Porzellanerde nach China, auf den Hügel in der Nähe der Porzellanstadt Jingdezhen, dem sie ihren Namen verdankt. Es beschreibt eine faszinierende Reise in die Welt des Porzellans, die von London über Jingdezhen nach Dublin, Dresden und Dachau führt - und zurück nach England und China. De Waal hat keine kunstgeschichtliche Abhandlung geschrieben, sondern eine große, kühle Liebesgeschichte, eine Reportage mit historischen Hintergründen und Episoden. Immer steht im Zentrum die Frage nach dem Wesen des Porzellans, seinen künstlerischen und gesellschaftlichen Bedingtheiten: Wie konnten zum Beispiel alljährlich hunderttausende Gefäße für den kaiserlichen Hof in China hergestellt und transportiert werden? Wie lebten und arbeiteten die Töpfer? Es ist schön, durch de Waals auch äußerlich wunderbar gestaltetes Buch seine Leidenschaft zum 'weißen Gold' teilen zu können.

Edmund de Waal: Die weiße Straße. Auf den Spuren meiner Leidenschaft, aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer, Paul Zsolnay Verlag 2016, 464 Seiten, ISBN 9783552057715

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

2015 wurde Andrea Wulfs Humboldt-Biografie von der New York Times zu einem der zehn wichtigsten Bücher des Jahres erkoren. Nachdem die deutsche Übersetzung im November 2016 erschienen war, erhielt sie auch hier außergewöhnlich große Aufmerksamkeit. Inzwischen steht es auf allen Sachbuch-Bestsellerlisten. Und trotzdem: Das Werk hat es verdient, auch hier, zum Schluss dieser Buchtipps für die Weihnachtszeit, noch einmal empfohlen zu werden. Denn Andrea Wulf hat etwas geschafft, was anderen Humboldt-Biografen bisher nicht gelungen ist: Sie hat den Entdecker für uns zum Zeitgenossen gemacht.

Wulf berichtet minutiös von den Abenteuern des Naturforschers im ausgehenden 18., beginnenden 19. Jahrhundert. Die in Indien geborene, in Deutschland aufgewachsene, in London lebende Autorin ist ihm sogar bis auf den Chimborazo in Ecuador gefolgt, den man zu Humboldts Zeiten für den höchsten Berg der Welt hielt. Was der Naturforscher und seine Begleiter ausgehalten haben, mit welcher Leidenschaft sie am Werk waren, ist atemberaubend. In seinem "Naturgemälde" hat er zum ersten Mal den Gedanken weltumspannender Klimazonen konkret festgehalten und erkannt: Alles hängt mit allem zusammen. Diese großartige Erkenntnis prägt heute mehr denn je unseren Blick auf die Welt.

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, aus dem Englischen von Hainer Kober, C. Bertelsmann Verlag 2016, 555 Seiten, ISBN 9783570102060

 

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