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Bücher

Literabel präsentiert belarussische Literatur

Belarussische Literatur ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Ein Web-Portal möchte dies ändern. Literabel stellt Werke aus Belarus vor und bietet einen Blick hinter die Fassade der "letzten Diktatur Europas".

Ein Ordner mit Schnürband, eine alte Postkarte, Büroklammer und Kaffeeflecken auf der Arbeitsfläche - Screenshot der Seite 'Literabel.de'

Startseite des Online-Portals

Ein grauer Ordner mit Schnürband, eine alte Postkarte, Büroklammer und Kaffeeflecken auf der Arbeitsfläche - die Starseite "Literabel.de" ist die Visitenkarte des Projekts. Sie ist mit Liebe zum Detail gemacht. Der Hase im gestreckten Lauf hat sich nicht zufällig hierher verirrt - er ist aus dem belarussischen Ein-Rubel-Schein hinabgesprungen.

Die Seite soll ihre Besucher optisch ansprechen und zu einer literarischen Reise einladen – in eine Terra incognita der europäischen Literatur. Der Literatur aus der "letzten Diktatur Europas", wie die Republik Belarus (Weißrussland) nicht zuletzt auch von deutschen Politikern bezeichnet wird. Geografisch ganz nah an der EU, ist sie politisch und kulturell sehr weit entfernt. Oder doch nicht?

Leseproben und Autorenprofile

Thomas Weiler (Foto: privat)

Thomas Weiler

"Es ist schon sehr spannend zu schauen: Wie leben die Leute in Belarus? Was haben sie für Themen? Sind sie so weit weg von uns, wie wir es uns immer vorstellen? Oder schreiben sie ähnlich wie die Autoren hier?" sagt Thomas Weiler, der Mitgründer des Portals. "Literabel" ist ein Projekt von engagierten Liebhabern der belarussischen Sprache und Literatur.

Die Seite stellt zehn zeitgenössische belarussische Schriftsteller und neun Übersetzer aus dem Belarussischen ins Deutsche vor. Hier gibt es auch Biographien der Autoren, Leseproben auf Deutsch und Stimmen zu den Büchern. "Für die Realisierung der Internetseite haben wir Fördermittel der Robert-Bosch-Stiftung bekommen, inhaltliche Arbeit haben wir selbst ehrenamtlich geleistet", erzählt Thomas Weiler. Er ist freiberuflicher Übersetzer aus dem Russischen, Polnischen und Belarussischen. In Deutschland gebe es nur eine Handvoll Übersetzer aus dem Belarussischen. "Die meisten von ihnen sind auf unserer Seite vorgestellt", sagt Weiler.

Screenshot der Seite 'Literabel.de'

Belarussische Autoren auf der Seite 'Literabel.de'

Sprache der Vergesslichen und der Auserwählten

"Belarussisch? Gibt es so eine Sprache?" Diese Frage muss Weiler öfters beantworten. Und es fällt ihm wohl nicht leicht, die Situation dieser ostslawischen Sprache plausibel zu erklären. Sie ist auch nicht ohne Weiteres zu verstehen: Es gibt ein Land und es hat eine eigene Sprache, aber fast keiner spricht sie.

Belarussisch war jahrzehntelang die offizielle Sprache eines der größten Staaten im mittelalterlichen Europa, des Großfürstentums Litauen. Bereits 1517 wurde die Bibel ins Alt-Belarussische übersetzt. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit dieser Sprache. Unter polnischer und russischer Herrschaft und später in der Sowjetunion wurde sie verboten, verdrängt und schließlich von vielen vergessen. Im heutigen Belarus kann man auf den Straßen am häufigsten Russisch hören. Die Mehrheit betrachtet Belarussisch als Sprache der Bauern und der Oppositionellen.

Ein Teil der Bevölkerung wendet sich jedoch dem Belarussischen bewusst zu. Das sind vor allem junge Kulturschaffende und Intellektuelle. Für sie wird die Sprache auch schon mal zum Geheimcode - wie in einem Gedicht von Uladzimier Arlou beschrieben: "Wusste ich's doch: - Fast niemand hier - mich ausgenommen - spricht Belarussisch, - aber, - wenn du bei mir warst, - wurde dies winzige Manko - im Handumdrehen - zum Riesenvorteil, denn - im Gedränge des Deckpublikums - könnten wir unsere Gefühle besprechen." (Übersetzung Thomas Weiler)

Literatur bietet einen Blick hinter die Kulissen

Viktor Martinowitsch (Foto: DW/Olga Kapustina)

Viktor Martinowitsch

Wie schwer es ist, zurück zu seinen sprachlichen Wurzeln zu finden, weiß der Schriftsteller Viktor Martinowitsch. Seinen ersten Roman "Paranoja" schrieb er 2009 auf Russisch. Nun veröffentlichte Martinowitsch sein zweites Buch "Paradiese" – diesmal auf Belarussisch. Es steht als Datei zum Download im Internet – so kann es nicht verboten werden.

In diesem postmodernen Roman geht es um die Freiheit jenseits staatlicher Bevormundung. Es geht um KGB-Mitarbeiter, Oppositionelle, Dissidenten, Lesben und um die verwaiste Sprache. Es geht um das alltägliche Leben in Belarus eben, von dem man aus den Zeitungen nur wenig erfährt.

Martinowisch ist selbst Journalist in Belarus. "In der Literatur kann man alles sagen, wie es ist - ohne Angst zu haben, dass man selbst oder seine Zeitung Probleme bekommt", sagt er in einem Interview mit DW-WORLD.

Die Situation bessert sich

Einige belarussische Autoren haben es in den letzten Jahren auf den deutschen Buchmarkt geschafft: Artur Klinau etwa mit seinem Roman "Minsk - Sonnenstadt der Träume" (Suhrkamp 2006), Valzhyna Mort mit dem Lyrikband "Tränenfabrik" (Suhrkamp 2009) oder Alhierd Bacharevic mit "Die Elster auf dem Galgen" (Leipziger Literaturverlag 2010). Zwar wurden sie von der Literaturkritik positiv aufgenommen., doch seien das alles "punktuelle Geschichten", sagt Übersetzer Thomas Weiler. Die belarussische Literatur sei in Deutschland noch immer weitgehend unbekannt.

Schriftsteller Viktor Martinowisch meint, das Belarussische habe nur dann eine Chance, wenn es mehr Leute gebe, die sich für die Sprache einsetzten. Das Online-Portal "Literabel" ist ein gutes Beispiel dafür, dass es das Schicksal vielleicht doch nicht so schlecht mit dieser Sprache meint.

Autorin: Olga Kapustina
Redaktion: Gabriela Schaaf

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