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Fokus Osteuropa

Litauer wollen ihr Atomkraftwerk retten

In Litauen steht noch ein Atomkraftwerk der Marke Tschernobyl. Die Europäische Union hat das Land verpflichtet, das Kraftwerk Ende 2009 abzuschalten. Aber die Politiker wollen "Ignalina" weiter laufen lassen.

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Am Tag der Parlamentswahl (12.10.) findet ein Referendum zum AKW-Ignalina statt

Der Reaktor von Ignalina brummt leise vor sich hin. Der Lärm lässt kaum erahnen, dass in dieser rund 20 Meter breiten Röhre die Kernspaltung stattfindet, die Atomenergie produziert – und damit 70 Prozent des gesamten Stroms in Litauen.

Der Direktor des an der Grenze zu Weißrussland liegenden Kraftwerks, Viktor Shevaldin, ist stolz auf sein Ignalina. Er nennt es seine nationale Schatzkammer. "Es ist sehr wichtig für die Bevölkerung, dass wir hier unseren eigenen Strom produzieren können. Leider ist das Kraftwerk mittlerweile ziemlich alt. Es wird also sicherlich abgeschaltet werden. Die Frage ist nur: Wann?"

Hoffnung für Ignalina?

Im Kraftwerk hoffen alle auf eine Verlängerung der Laufzeit – wenigstens bis 2012. Aus Litauens Hauptstadt Vilnius kommt Unterstützung für diese Pläne: Ignalina soll bleiben, darüber sind sich alle Parteien im Parlament einig. Die liberale Fraktion von Eligijus Masiulis hat nun sogar ein öffentliches Referendum beantragt, das am 12. Oktober gleichzeitig mit der Parlamentswahl abgehalten wird. Sein Ziel ist die Rettung von Ignalina. "Die Energiepreise sind in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. Wir können auf den billigen Atomstrom nicht verzichten", erklärt Masiulis. Er befürchtet, dass die litauische Energieversorgung ohne das Kraftwerk komplett von Russland abhängig sei. "Das müssen wir verhindern."

Die Volksbefragung ist allerdings umstritten, zumal sich das Land beim EU-Beitritt 2004 vertraglich verpflichtet hat, auch den zweiten verbliebenen Reaktor bis Ende kommenden Jahres vom Netz zu nehmen. Staatspräsident Valdas Adamkus geißelt die Kampagne als "irreführend", da sie den Wählern ein Mitspracherecht vorgaukle, das sie nicht hätten.

Die EU bleibt bei ihrer Forderung

Die Umfragen in der Bevölkerung sprechen für sich: Über 70 Prozent der Litauer wollen, dass Ignalina weiterläuft. Und die Politiker hoffen, dass die Europäische Union sich von einem solchen Votum beeindrucken lässt. Bisher sieht das allerdings nicht so aus. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat erst kürzlich in Brüssel erklärt, dass Ignalina auf jeden Fall vom Netz genommen werden müsse. Das Risiko für einen Störfall sei zu groß.

In Litauen hofft man trotzdem weiter. Denn mit Ignalina ist der Nationalstolz sozusagen direkt verbunden. Kaum einer redet hier öffentlich gegen Atomkraft. Wenige Ausnahmen sind Umweltschützer wie Rimantas Braziulis. Der Vorsitzende der Grünen-Bewegung wirft der Regierung vor, dass sie in den vergangenen Jahren nur auf Atomkraft gesetzt und alle anderen Energieformen vernachlässigt habe. "Es ist seit Jahren bekannt, dass wir ohne Ignalina keine anderen eigenen Quellen haben werden. Aber niemand hat sich um die Entwicklung von erneuerbaren Energien gekümmert. Und jetzt stehen wir vor einem riesigen Problem", sagt er.

Endzeitstimmung im Kraftwerk

Referendum hin oder her - im Kraftwerk herrscht Endzeitstimmung. Der erste Reaktor wurde schon vor vier Jahren stillgelegt. Auch das geschah auf Drängen der EU. Die Arbeiter fürchten, dass dieses Schicksal bald auch den letzten Atomreaktor des Landes ereilen könnte. Für viele von ihnen wäre das eine Katastrophe.

"Ich habe hier meinen ersten und einzigen Arbeitsplatz. Ich bin gleich nach der Hochschule hierher gekommen. Ignalina ist für mich zu einer zweiten Heimat geworden. Wir haben hier nichts anderes. Für mich ist es fast ein heiliger Ort", sagt eine Mitarbeiterin. Ein Kollege hat die Vermutung, dass die EU Ignalina aus einem bestimmten Grund schließen will: "Weil wir hier so billigen Strom produzieren können. Sie wollen diese Konkurrenz ausschalten." Noch 14 Monate bleiben für die endgültige Entscheidung. In Litauen hoffen alle auf Verständnis aus Brüssel.

Ruth Reichstein

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