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Europa

Litauen setzt auf NATO-Schutz

Vor 25 Jahren erklärte Litauen nach dem Abzug der sowjetischen Armee seine Unabhängigkeit. Aktuell ist das kleine Land besonders froh, dass jetzt NATO-Bündnispartner den Luftraum schützen. Von Barbara Wesel, Siauliai.

Die Alarmsirene schrillt, zwei Piloten und vier Techniker rennen aus ihren Aufenthaltsräumen und die Treppen herunter, die Tasche mit dem Pilotenhelm in der Hand. Sie springen in einen Kleinbus, der sie die zweihundert Meter zum Hangar fährt, wo ihre Kampfjets warten. Vier Eurofighter vom Typ "Typhoon" hat die italienische Luftwaffe zurzeit auf der NATO-Basis Siauliai in Litauen stationiert. Pilot Guiseppe kennt seinen Flieger in- und auswendig. Jeder Handgriff sitzt. Am Fuß der Treppe ins Cockpit hilft ihm einer der Mechaniker in die Jacke, der Italiener stürmt die Stufen hoch.

Unten arbeiten die Mechaniker blitzschnell ihre Checkliste ab. Dann zieht einer rechts und links den Sicherungsbolzen aus den Raketen, die unter den Flügeln hängen. Oben setzt Pilot Giovanni den Helm auf, verbindet ihn mit dem Atemgerät im Cockpit. Sobald er das Visier herunterklappt, ziehen die Mechaniker eilig die Treppe weg. Der Pilot startet die Triebwerke, rollt aus dem Hangar auf die Startbahn und zieht mit ohrenbetäubendem Lärm steil in die Höhe. Sekunden später verschwindet der Eurofighter schon aus dem Blickfeld. Im Idealfall soll das alles in fünf Minuten passieren. Bei diesem "Tango-Scramble", einem Übungsflug, dauert es ungefähr zehn Minuten.

Italiener und Polen sind gemeinsam eingesetzt

Seit dem Beginn der Ukraine-Krise im vergangenen Jahr hat die NATO ihr Kontingent zur Bewachung des baltischen Luftraums verdoppelt, sodass immer zwei Nationen gleichzeitig ihre Übungs- und Kontrollflüge unternehmen. "Unser gesamter Kommandostab besteht aus Piloten", sagt der italienische Kommandant Marco Bertoli. "Die italienische Luftwaffe hat hier 100 Frauen und Männer stationiert. Wir haben jeden Tag Trainingsdurchläufe und sind 24 Stunden einsatzbereit, sodass wir schnell aufsteigen können, wenn am Himmel etwas los ist."

Damit meint er die Verletzung des baltischen Luftraums durch russische Militärjets. 150 solcher Überflüge wurden im vorigen Jahr registriert, viermal mehr als noch 2013. "Man weiß bei einem Einsatz nie, was auf einen zukommt", erzählt Pilot Giovanni. "Aber das ist die Herausforderung. Du rennst, dein Herz rast, du springst in dein Flugzeug und erfährst es erst, wenn du schon oben bist - 30.000 Fuß in der Luft mit Überschallgeschwindigkeit. Aber für mich ist es ein großartiger Job, vor allem hier in Litauen."

Dabei sind die Italiener weit weg von zu Hause. Das kleine litauische Provinznest Siauliai bietet kaum Abwechslung. Aber das Fliegen ist ihre Leidenschaft, Adrenalin pur. Und zumindest der Mittagstisch in der Kantine ist heimatlich: Es gibt Lasagne, Tomaten, Mozzarella und Salami. Und die Soldaten haben auch beim Essen die Sonnenbrillen lässig in die Haare geschoben, ganz wie auf der Piazza zu Hause in Mailand oder Verona.

Töne wie im kalten Krieg

Im polnischen Bereich auf der Basis - zwei Kilometer weiter oben an der Startbahn - sind die Einsatzkräfte deutlich weniger gut ausgerüstet. Ihre Aufenthaltsräume sind Container, ihre Jets stehen in offenen, provisorischen Hangars. Wenn die Polen aufsteigen, um russische Flieger abzufangen, müssen beide Seiten genau auf die Kennzeichnungen achten: Denn auch die polnische Luftwaffe fliegt noch in den alten MiGs sowjetischer Bauart. Allerdings aufgerüstet, sagt Pilot Lukasz Wojcieszko, sozusagen getunt.

MiG-Kampfflugzeug der polnischen Luftwaffe - Foto: Barbara Wesel (DW)

Russische Jets im NATO-Einsatz: MiG-Kampfflugzeug der polnischen Luftwaffe

"Ich finde es sehr aufregend, wenn wir bei unserem Einsatz einem russischen Flugzeug begegnen", erzählt er. "Zu sehen, wie sie sich verhalten. Und dann haben wir bestimmte Abläufe, wir identifizieren sie, melden sie an unsere Leitstelle. Normalerweise fliegen wir nicht zu nah ran, nur so weit, dass wir sie identifizieren können und sehen, wie sie bewaffnet sind".

Für die polnischen Piloten seien Begegnungen mit russischen Jets nichts Besonderes, so Wojcieszko. Polen hat ja schließlich auch eine Grenze zu Russland. Nur das Wetter in Litauen ist anders. Unberechenbar, wechselhaft. Und sehr windig. Und was die Russen bezwecken, wenn sie ständig in den baltischen Luftraum fliegen? "Ich denke sie wollen sehen, wie wir reagieren, wie viele Jets wir in die Luft bringen", sagt Lukasz Wojcieszko.

Polnischer Pilot Lukasz Wojcieszko - Foto: Barbara Wesel (DW)

Pilot Wojcieszko: "Aufregend, russischen Jets zu begegnen"

Die politische Auslegung dieser Vorgänge muss er den NATO-Oberen überlassen. Und die lieferte in der vorigen Woche der stellvertretende Generalssekretär des nordatlantischen Bündnisses, Alexander Vershbow, der höchste zivile US-Vertreter in der NATO. Bei seinem Besuch in Lettland schlug er scharfe Töne an: Ein zorniges, revisionistisches Russland schrecke vor wenig zurück, um seinen Einfluss in Europa zurückzugewinnen. Unter Präsident Wladimir Putin benutze Russland eine neue Form von "hybrider Kriegsführung", die unter anderem auch militärische Einschüchterung beinhalte.

Die baltischen Staaten haben Angst

Und die erfahren die drei kleinen baltischen Staaten auch als reale Bedrohung. Kaum irgendwo sind deshalb auch härtere Worte gegenüber Russland zu hören wie hier. Beim Treffen der Außenminister in Riga, wo auch die Sanktionspolitik gegenüber der Regierung in Moskau auf der Tagesordnung stand, stachelte Linas Linkevicius seine Kollegen zu größerer Härte an. Angesichts der gespannten Lage in der Ostukraine sagte der litauische Außenminister: "Nichts zu tun ist für mich keine Option."

Alte russische Hangars in Siauliai - Foto: Barbara Wesel (DW)

Alter sowjetischer Hangar in Siauliai: Zeitweise strategische Interkontinentalbomber stationiert

Die Falken in der EU und in der NATO sitzen derzeit im Baltikum. Und die Geschichte des Luftstützpunktes Siauliai zeigt warum: 1931 für die litauische Luftwaffe gebaut, übernahm zum Kriegsende die Sowjetarmee das Gelände und errichtete dort eine ihrer größten Basen: Auf dem Höhepunkt waren in Siauliai 22.000 Mann beschäftigt. Zeitweise waren dort auch strategische Interkontinentalbomber stationiert, die in einer halben Stunde westeuropäisches Gebiet erreicht hätten.

"Für uns ist die Unabhängigkeit wichtig"

Heute ist Litauen in Siauliai mit rund vierhundert Soldaten Gastgeber für die NATO. Eine davon ist Presseoffizierin Iewa Gulbiniene, die selbst aus dem Ort stammt. "Ich war die erste Generation, die hier in einem freien Litauen nach der Unabhängigkeit zur Schule ging. Ich hätte nie gedacht, dass eines Tages die NATO kommen würde, um uns zu beschützen. Aber jetzt sind wir nicht mehr allein, sondern Teil dieser riesigen Militärorganisation, und sie sind gekommen um uns zu helfen", freut sich Gulbiniene.

Offizierin Iewa Gulbiniene - Foto: Barbara Wesel (DW)

Offizierin Gulbiniene: "Wir sind nicht mehr allein"

Die ärmliche Kleinstadt Siauliai, geprägt von brüchigen Plattenbauten aus der Sowjetzeit, ist nur sieben Kilometer entfernt. Wenn auf dem Stützpunkt die Jets starten, ist es auch dort ohrenbetäubend laut. "Der Lärm stört schon", sagt Anwohnerin Ludmila auf der menschenleeren Hauptstraße. "Da ist eine Schule in der Nähe, und für die Kinder ist es schwierig. Aber es ist gut, dass sie da sind". Sie glaubt, dass auch die Russen und Armenier, die in dem Städtchen leben, sich vor einem Einmarsch fürchten. "Sie fühlen wie Litauer", meint sie.

"Für uns ist die Unabhängigkeit sehr wichtig. Als 1990 die Panzer auf den Straßen waren, und die Soldaten auf Menschen schossen, war ich 18 Jahre alt. Ich dachte damals, es wäre doch großartig, wenn wir unabhängig wären". Bei der Erinnerung laufen ihr die Tränen übers Gesicht: "Und dann kam die Unabhängigkeit. Und jetzt können über uns selbst entscheiden und reisen. Für uns Litauer ist die Unabhängigkeit sehr wichtig, wir feiern sie und sind glücklich darüber."

Aber die Freiheit ist abhängig von den großen Partnern: In dieser Woche verlegen die USA 3000 Soldaten für Manöver ins Baltikum. "Atlantische Entschlossenheit" heißt die Übung, ein klares Signal in Richtung Moskau.