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Ostmitteleuropa

Litauen - Land der Selbstmörder

- Mit 44 Suizidfällen pro 100 000 Einwohner liegt der baltische Staat international immer noch an der Spitze

Riga, 4.4.-10.4.2002, THE BALTIC TIMES, engl., Rokas M. Tracevskis und Tassos Coulaloglou, aus Vilnius

Litauen kommt erneut die zweifelhafte Ehre zu, das Land mit der höchsten Selbstmordrate in der Welt zu sein - und die Kluft zwischen Litauen und dem Rest der Welt ist, Angaben von letzter Woche zufolge, groß.

Die Nachricht aus dem Statistischen Amt Litauens ist entmutigend. Die Selbstmordrate in Litauen ist höher als sonst in der Welt. Während die Zahlen im letzten Jahr im Vergleich zum Jahre 2000 etwas zurückgegangen waren, ist es im Vergleich zur Zeit vor zehn Jahren immer noch die doppelte Zuwachsrate.

Mit 44 Selbstmördern pro 100 000 Einwohner liegt Litauen international an der Spitze gefolgt von Russland mit 39 sowie Estland und Lettland mit jeweils 38 und 36. Die durchschnittliche Selbstmordrate in der Europäischen Union liegt bei 20. (...)

1990 waren es nur 26 Selbstmordfälle auf 100 000 Einwohner.

Die veröffentlichten Zahlen zeichnen ein düsteres Bild. Die meisten Selbstmordfälle gibt es in ländlichen Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit und überhandnehmendem Alkoholismus.

Nach Meinung von Onute Davidoniene, der Leiterin des Staatlichen Zentrums für psychische Krankheiten, ist die Nennung eines genauen Grundes für den Selbstmord nicht möglich. Eine wichtige Ursache seien aber die eindeutigen sozialen und finanziellen Probleme in Litauen. Davidoniene ist der Ansicht, dass die Hauptursache für den dramatischen Anstieg der Selbstmordrate in den letzten zehn Jahren etwas mit dem wirtschaftlichen und sozialen Übergang zu tun hat, der für viele eine starke Verschlechterung des Alltagslebens mit sich gebracht habe. Die tiefe Rezession als Folge der russischen Wirtschaftskrise von 1998, die die Wirtschaft Litauens stärker getroffen habe als die ihrer baltischen und mitteleuropäischen Nachbarn, habe dazu geführt, dass sich an diesem Phänomen bisher nichts geändert hat. "Nach der Unabhängigkeit herrschte die große Hoffnung, dass sich die Dinge zum besseren wenden, und jedermann wünschte sich das. Aber alles ist beim alten geblieben und die Menschen sind weiterhin ohne Hoffnung", erläutert Davidoniene.

Sie weist ausdrücklich auf das Selbstmordproblem in ländlichen Gebieten hin und den eindeutigen Zusammenhang mit Alkohol.

"Etwa 80 Prozent der Suizide sind auf Alkohol zurückzuführen. Und auf dem Lande ist dieses Problem am größten. Hier trinkt jeder."

Nijole Kryzanauskiene, Psychologin aus der Stadt Marijampole im Südwesten des Landes, sagt, die Gründe für die Selbstmordrate in Litauen seien sehr komplexer Natur. Drei Viertel aller Länder in der Welt und 90 Prozent der Weltbevölkerung lebten unter schlechteren Bedingungen als die Litauer, meint sie, also könnten es nicht nur soziale Gründe sein.

Einer davon sei die litauische Mentalität - die Tradition, alles für sich zu behalten.

Nach Angaben der UdSSR-Statistiken sei Litauen die reichste Republik der Sowjetunion gewesen, fährt Kryzanauskiene fort, und dennoch sei die Selbstmordrate damals höher gewesen als im übrigen Sowjetreich. "Die Litauer sind emotional und sehr sensibel. Die Tradition gebietet es aber, dass wir unsere Gefühle nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Die Russen können über ihre größten emotionalen Geheimnisse sprechen, auch gegenüber Menschen, die sie noch nie gesehen haben. Die Litauer sind mit ihren Gefühlen ständig allein. Sogar in der Familie.

In den meisten Ländern der Welt ist die Selbstmordrate unter den Männern höher als unter Frauen. In Litauen wird der Unterschied besonders deutlich. Während sich in Litauen von 100 000 Frauen 14 das Leben nehmen, sind es 74 von 100 000 Männern.

"Männer verbergen ihre Gefühle besonders", sagt Kryzanauskiene. "Unter den alten Menschen auf dem Lande sind die Traditionen sehr stark verankert. Das ist einer der Gründe, warum männliche Rentner und Landwirte in Litauen ganz vorn auf der Liste stehen."

Eine weitere Ursache für die hohe Selbstmordrate in Litauen ist das Fehlen an psychologischer Beratung, insbesondere auf dem Lande. Es gibt Notruftelefone, über die die Menschen sich Beratung holen können, aber nach Meinung von Davidoniene müsste viel mehr getan werden. "Die Regierung hat eben ein auf zehn Jahre angelegtes Programm, eine nationale Strategie zur Selbstmordprävention, in Angriff genommen, aber es wird einige Jahre dauern, bis sich tatsächlich etwas ändert."

Alvydas Repecka, Toxikologe am Baltisch-Amerikanischen Klinikum in Vilnius, gibt dem Alkohol die Schuld. "Die Wurzeln des Alkoholismus liegen in Litauens tragischer Geschichte. Das Land hat ein Drittel seiner Bevölkerung durch fremde Besatzungen im 20 Jahrhundert verloren - mehr als jedes andere Land. Während der sowjetischen Besatzung mussten die Menschen verbergen, was sie wirklich dachten. Das war der direkte Weg zum Alkoholismus, eine vorübergehender Ausweg aus der Wirklichkeit.

Alkohol breitete sich rapide aus in ländlichen Gebieten, wo die Landwirte gezwungen wurden, ihr Land und anderen Besitz nach dem Zweiten Weltkrieg an die Sowjets abzugeben. "Nun sind sie gezwungen, die Gesetze der freien Markwirtschaft anzunehmen. Ich glaube aber, dass die neue Generation der Litauer anders sein wird. Sie wird in Freiheit aufwachsen und all die Alkohol- und Selbstmordprobleme werden verschwinden", erklärte Repecka.

Auch den Medien müsse die Schuld gegeben werden, sagte Kryzanauskiene. "Unsere Zeitungen bringen Sensationsberichte über einzelne Selbstmordfälle. Nach der Lektüre dieser Artikel denken Menschen eventuell 'ich bin es nicht allein'', und es ermutigt sie dazu. Ich würde es befürworten, dass über diese Probleme nur Psychologen in Fachzeitschriften diskutieren", sagte sie. (TS)

  • Datum 09.04.2002
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