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Europa

Litauen bringt Frauen an die Macht

Bislang gibt es kein Land in der EU, in dem gleich viele Frauen und Männer als Chefs arbeiten. Litauen ist allerdings auf dem besten Weg dahin.

Hier beginnt die Männerwelt. Dicht gedrängt stehen schwere Typen im Eingangsbereich der Baltic Aviation Academy (BAA) im litauischen Vilnius. Manche mit nur noch wenigen Haaren, alle mit tiefer Stimme. Es geht um Flugzeuge, um Geschwindigkeit und Höhenmesser. Ein Plakat preist Massagen für die angehenden Piloten an, ein anderes einen Ausflug in den Nachtclub. Und die Frauen? Die stehen lächelnd hinter dem Empfangstresen.

Eglė Vaitkevičiūtė im Cockpit eines Flugsimulators (Foto: Baltic Aviation Academy)

Wurde wegen ihrer Erfahrung im Management, nicht wegen Flugkenntnissen eingestellt: Eglė Vaitkevičiūtė

Allerdings: Ganz so stereotyp ist die Angelegenheit nicht - und das liegt an Eglė Vaitkevičiūtė. Sie bringt all die Männer in die Luft, als Geschäftsführerin der BAA. Vaitkevičiūtės Schritt ist energisch, der Händedruck sanft. "Ein guter Manager ist der, bei dem niemand merkt, wenn er weg ist", sagt die 35-Jährige. "Dann macht man den Job richtig und die Leute arbeiten eigenständig." Frauen gelinge das besonders gut - bei Männern sei oft der eigene Erfolg wichtiger.

Die Jungen wissen, was wichtig ist

Trotzdem setzen genau diese Männer sich meist durch: Noch immer leiten Frauen in Europa seltener Firmen als Männer. In Deutschland sind einer Studie des Statistischen Bundesamts zufolge nur rund 30 Prozent der Chefsessel von Frauen besetzt - ein Platz im unteren Drittel des europäischen Vergleichs. Litauen hingegen ist Spitzenreiter, gemeinsam mit Nachbar Lettland: 41 Prozent der Führungspositionen sind hier mit Frauen besetzt, auch ohne spezielle Quote. Elf Prozentpunkte Unterschied wirken vielleicht nicht viel - aber bei etwas, das so zäh voranschreitet wie die Gleichberechtigung, bedeutet es Welten.

"Warum Litauen so gut dasteht, kann ich auch nicht sagen - aber es überrascht mich nicht", sagt Dalia Foigt-Norvaišienė, Vorsitzende des Netzwerks für Geschäftsfrauen bei der litauischen Handelskammer. "Gerade die jüngere Generation versteht, dass es nicht auf das Geschlecht ankommt, sondern auf die Persönlichkeit und Qualifikation."

Klug und manchmal auch sexy

Als Eglė Vaitkevičiūtė sich vor drei Jahren auf die Stelle als Geschäftsführerin bewarb, hatte sie acht Jahre in den USA gelebt und arbeitete aktuell als Managerin einer Sprachschule in Vilnius: "Ich hatte keine Erfahrungen in der Luftfahrt, ich hatte nie zuvor mit Fluglinien oder Piloten zu tun", sagt sie. "Es waren wohl vor allem meine Management-Kenntnisse, die den Aufsichtsrat von mir überzeugt haben."

Ähnlich lief es bei Lina Minderienė, seit 2010 Geschäftsführerin der litauischen Post, immerhin ein Unternehmen mit mehr als 8000 Mitarbeitern. "Natürlich war es am Anfang schwierig: Ich musste zeigen, dass ich mit den Männern mithalten konnte und nicht nur über das Geschäft reden, sondern auch zusammenarbeiten und komplexe Projekte umsetzen konnte", sagt sie. 2012 erwirtschaftete die Firma unter ihrer Führung erstmals nach vier Jahren wieder Gewinn.

Zwei Männer in einem Kleinflugzeug (Foto: Baltic Aviation Academy)

Angehende Piloten im litauischen Vilnius

Männer, die sich gegenseitig Jobs zuschieben, oder unsachliche Kritik allein wegen ihres Geschlechts - so was hat keine der beiden Frauen in Litauen bisher erlebt. Dabei geht gerade Vaitkevičiūtė als Männertraum durch: blond, schlank, natürlich schön auch ohne Makeup. 2013 stand sie für das Titelbild des BAA-Firmenkalenders Modell (Artikelbild). In beruflichen Gesprächen tritt sie bedacht auf, laut und entschieden gibt sie sich nur, wenn es nötig ist. Probleme gab es deswegen nie, sagt sie: "Ich glaube, ich habe Erfolg, weil ich nicht versuche, wie ein Mann zu sein."

Auf Vaitkevičiūtės Schreibtisch stehen Fotos ihrer Familie. Der Sohn ist sechs, die Tochter drei, sie selbst ist jeweils bald nach der Geburt wieder in den Beruf eingestiegen. Einmal bewunderte sie ein Mann dafür im Bewerbungsgespräch, erzählt sie: "Ich habe ihn nur angeschaut und gesagt: 'Ich bin nicht stolz drauf.'"

Frauen sind gebildeter, Männer erfolgreicher

Denn das ist ein Haken: Die Zahl der Betreuungsplätze in Litauen reicht nicht für alle Kinder. Drei Viertel der Arbeitnehmer klagen, dass sich Beruf und Familie nur schwer vereinbaren lassen. Und im Zuge der Finanzkrise kürzte der Staat das Eltern- und Kindergeld um einige hundert Euro pro Kind.

Außerdem: "Frauen haben in Litauen viel häufiger einen Universitätsabschluss als Männer: Auf 100 Männer kommen rund 150 Frauen", sagt Dalia Foigt-Norvaišienė vom Netzwerk für Geschäftsfrauen. Trotzdem landeten am Ende mehr Männer im Chefsessel. Die BAA zum Beispiel gehört zur Avia Solutions Group, einem Zusammenschluss verschiedener Luftfahrtfirmen. Im Vorstand sitzen nur Männer und unter Vaitkevičiūtės sieben CEO-Kollegen ist lediglich eine weitere Frau. Auch Post-Chefin Lina Minderienė ist ausschließlich von männlichen Direktoren umgeben.

Ein Paradies der Gleichberechtigung ist Litauen also nicht, noch nicht. Aber die Gesellschaft ist dafür bereit, sagt Eglė Vaitkevičiūtė: "Ich glaube, dass Litauen offener ist als andere Länder. Wir versuchen einfach, die besten Erfahrungen anderer Länder zu nutzen. Dadurch sind wir nicht festgefahren in der Ansicht, dass nur Männer etwas können. Jeder kann es." Und wenn sie mit wippendem Pferdeschwanz durch die Akademie läuft, machen ihr die schweren Typen respektvoll Platz.

DW-Journalistin Monika Griebeler ist derzeit zu Gast in der Redaktion des litauischen Nachrichtenportals delfi.lt - im Rahmen des journalistischen Austauschprogramms "Nahaufnahme" des Goethe-Instituts. Während dieses Projektes tauschen Journalisten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern für einige Wochen ihre Arbeitsplätze. Im Dezember 2012 war die litauische Journalistin Vytenė Stašaitytė zu Besuch bei der Deutschen Welle.

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