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Wirtschaft

Linoleum oder: Totgesagte leben länger

Einst der Alptraum aller Reinigungskräfte, heute ein moderner, oberflächenversiegelter und in allen Farben erhältlicher Bodenbelag. Nur drei Fabriken gibt es weltweit, eine davon steht in Delmenhorst.

Linoleum Werk DLW (Foto: DLW)

Linoleum Werk DLW

Die dreigeschossige Fassade des schmucklosen Verwaltungsgebäudes schließt das 35 Hektar große Firmenareal zur Linoleumstraße ab. Seit 130 Jahren wird hier der Bodenbelag, nach dem die Straße benannt ist, hergestellt. Einige Hallen stammen noch aus den Gründerjahren – roter Backstein, gemauerte Schornsteine, schmale, verwinkelte Gassen. Der Verwaltungstrakt ist in den frühen 1970er Jahren dazugekommen. Werkleiter Olaf Meik hat im zweiten Stock sein Büro. Im Flur hängen eingerahmt alte Linoleum-Muster - feine, orientalische Ornamente in dunkel-düsteren Farbtönen. "Man hat in den 1920er Jahren versucht, Orientteppiche zu imitieren, um für den kleinen Mann den Eindruck zu vermitteln, man habe etwas Edles im Haus." Das war aufwändige, klassische Manufaktur, ergänzt Olaf Meik, die heute niemand mehr bezahlen könnte.

Linoleum Werk DLW: Farbstoffe werden beigemengt (Foto: DLW)

Die Mischung machts: Beimengung der Fabrstoffe im Delmenhorster Linoleum-Werk

Linoleum aus nachwachsenden Rohstoffen

Draußen auf dem Werksgelände steigt einem der typische Geruch in die Nase, den jeder kennt, der in der Schule schon einmal an einem Linoleum-Schnitt gearbeitet hat. Der Oxidationsprozess des Leinöls setzt die Ausdünstung frei, völlig harmlos und nicht gesundheitsschädigend, betont Werkleiter Meik. Die Bestandteile, aus denen Linoleum hergestellt wird, seien allesamt natürliche und nachwachsende Rohstoffe. "Früher gab es in Delmenhorst noch das Jutewerk, aus dieser Fabrik bezog man die Jute." Heute importiert das Werk die Jute aus Indien, Bangladesch oder Pakistan, den Harz aus Asien, das Leinenöl aus Kasachstan und Ukraine. Nur Holzmehl und Kalke kommen noch aus Deutschland.

Die verrührte Masse wird mit entsprechenden Farben gemischt und anschließend auf die Jutefasern gepresst. Die zwei Meter breiten Bahnen laufen über temperierte Walzen. Werkleiter Olaf Meik steht am Ende der 50 Meter langen Produktionslinie. Das Linoleum in einem warmen, leicht marmorierten Gelbton wird nach der letzte Walze senkrecht nach oben geführt und verschwindet in einem Schlitz in der Decke. "Wir fahren mit bis zu 40 Tonnen Druck, um nachher exakt zwei Millimeter Dicke zu haben."

Arbeiter beim Entwurf des Linoleums (Foto: DLW)

Das Grau haben sie dem Linoleum genommen. Und gebohnert werden muss es auch nicht mehr.

Eingesetzt wird das Linoleum in Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Altenheimen, Sportstätten, Arztpraxen. Linoleum, erklärt Olaf Meik, wirkt antibakteriell; niemand wisse den Grund exakt. "Fakt aber ist, dass dort, wo Linoleum verlegt ist, weniger Keime auftreten." Die Oberflächenveredelung verhindere, dass Blut und anderen Flüssigkeiten in den Bodenbelag eindringt.

Linoleum stammt aus England

Nicht von ungefähr ist Delmenhorst die einzige Stadt in Deutschland, in der es eine Linoleumstraße gibt. Gleich drei Fabriken lagen im Stadtgebiet. 1926 schlossen sie sich zur den Deutschen Linoleum-Werken, kurz DLW, zusammen. Heute ist Delmenhorst einzig noch verbliebener Produktionsstandort in Deutschland, weltweit gibt es noch zwei weitere, einer in den Niederlanden, der dritte in Italien. Entdeckt wurde das Linoleum jedoch vor 150 Jahren in England.

Das Linoleum-Werk in Delmenhorst beschäftigt heute 430 bis 450 Mitarbeiter, der Jahresumsatz beträgt rund 100 Millionen Euro. In den 1950 und 60er Jahren hatten Kunststoffböden wie PVC das Linoleum fast vollständig verdrängt. Ganze 150.000 Quadratmeter verließen damals noch das Werksgelände. Die Pflege des Linoleums war mit viel Arbeit verbunden - wienern, bohnern, schrubben, der Alptraum aller Hausfrauen und Reinigungskräfte. Das Image hängt dem Produkt immer noch nach, bedauert Werkleiter Meik, obwohl das Thema Bohnern längst erledigt sei. "Wir haben die Oberflächen veredelt, in dem wir dort noch Lacke aufbringen. Die Oberfläche ist kratzfest und lässt sich aufwischen und auffegen wie bei Kunststoffböden."

Qualitätskontrolle (Foto: DLW)

Die langen Bahnen werden ständig auf Qualität kontrolliert

10 Millionen Quadratmeter Jahresproduktion

Bevor die Oberfläche des Linoleums versiegelt wird, muss die aufgetragene und gewalzte Masse nachtrocknen. Das geschieht im Reifehaus. Die zwei Meter breiten Linoleumbahnen werden unter der Hallendecke ins Reifehaus geführt und in Kammern bei konstanter Temperatur eingelagert. Wie Lamellen hängen die Bahnen, jede fein säuberlich mit Abstandshaltern getrennt, damit sie nicht gegenseitig verkleben, von der Decke - 15 Meter jeweils. Linoleum auf einer Länge von insgesamt 25 Kilometern trocknet hier zwei bis drei Wochen nach. Nach abgeschlossener Trocknung wird das Linoleum aufgewickelt und eingelagert. Linoleum, das im Gegensatz zum PVC keine schadstoffhaltigen Bestandteile aufweist, ist wieder im Kommen. 10 Millionen Quadratmeter verlassen pro Jahr das Delmenhorster Werksgelände.

Auch die Farbpalette ist attraktiver geworden. Früher gab es den Bodenbelag nur in dunklen Tönen - in grau, schwarz, braun. Heute lassen sich alle Farben beimengen - vor allem freundliche Farben sind gefragt, wie das warme Gelb, mit dem das Linoleum beschichtet ist, das in scheinbar endlosen Bahnen gerade über die Walzstraße im Delmenhorster Werk läuft.