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Europa

Linke Anarchisten als Absender?

Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi: Sie alle standen wahrscheinlich auf der Liste einer linksanarchistischen Gruppe. Über die mutmaßlichen Absender der Paketbomben ist bisher aber nur wenig bekannt.

(AP Photo/Petros Giannakouris)

Griechische Polizisten führen zwei Verdächtige ab

Bei ihrer Festnahme am Dienstag (02.11.2010) trugen die mutmaßlichen Absender der Paketbomben Perücken, Pistolen und kugelsichere Westen. Die zwei jungen Männer, 22 und 24 Jahre, werden der linken Szene in Athen zugerechnet. Bei den Männern fand man auch zwei weitere Paketbomben. Zur Zeit der Festnahme entschärfte man im deutschen Kanzleramt gerade eine Rohrbombe, die laut Angaben der Süddeutschen Zeitung in einem ausgehöhlten Buch versteckt gewesen sein soll. Einer der beiden Männer war von der Polizei schon zuvor als Mitglied der anarchistischen Gruppe „Verschwörung der Zellen des Feuers“ gesucht worden. Die Bewegung soll 2008 zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht haben. Die griechische Polizei geht davon aus, dass die Männer auch verantwortlich für einige andere Sprengstoffanschläge sind.

A protester shouts at riot police in central Athens on Tuesday, Dec. 9, 2008. Athens and other Greek cities were ravaged by three successive nights of rioting after police shot teenager Alexandros Grigoropoulos dead. (AP Photo/Petros Karadjias)

Proteste Anfang Dezember 2008 wegen eines getöteten Jugendlichen

Gewalt linker Gruppen hat lange Tradition

Die Indizien sprechen also eine deutliche Sprache. Die Polizei hat aber noch keine klare Erkenntnisse und auch ein Bekennerschreiben der Organisation liegt noch nicht vor. Dass die Polizei aber zuerst in den Reihen der linksextremen und anarchistischen Bewegungen sucht, erscheint logisch, denn die Gewalt linker Gruppierungen hat in Griechenland Tradition. Seit der Militärjunta (1967 – 1974) haben sich in regelmäßigen Abständen Gruppen gebildet, die mit Anschlägen die griechische Politik erschüttern wollten. Die bekannteste Widerstandsbewegung nannte sich "Bewegung 17. November". Zwischen 1975 und 1999 ermordete die Organisation insgesamt 23 Menschen aus Politik und Wirtschaft. Der Name der Terrorgruppe erinnert an einen Studentenaufstand, der am 17. November 1973 von der Militärjunta blutig beendet worden war. Nach dem Ende der Militärregierung und dem Übergang Griechenlands in eine Demokratie nach westlichem Vorbild, gingen viele der außerparlamentarischen Linken in den Untergrund. Die "Bewegung 17. November" konnte erst 2003 durch die Verurteilung von 15 ranghohen Mitgliedern endgültig zerschlagen werden.

Flash-Galerie Griechenland Finanzkrise Generalstreik

Generalstreik gegen Sparmaßnahmen im Juni 2010

Kampf gegen harte Sparauflagen aus Europa

So liegt es bei der Bewegung “Verschwörung der Zellen des Feuers“ nahe, dass sie eventuell auch aus dem Kreis linker Studenten stammt. Sowohl der Zeitpunkt ihrer ersten Anschläge, als auch ihr Alter lassen darauf schließen. So ist es möglich, dass sie sich im Rahmen der Proteste 2008 radikalisierten. Vor allem der Tod eines 15jährigen Schülers nach einem Streit mit einem Polizisten, löste damals in ganz Griechenland Empörung aus. Nach Auffassung der griechischen Polizei setzt sich die Gruppe aus militanten Jugendlichen zusammen, die keine Verbindung zu großen extremistischen Organisationen haben. Sie kämpften primär gegen Kapitalismus, Konsum und Ausbeutung. Ging es bei den Protesten 2008 noch um den Wunsch nach Reformen im Bildungssystem und gegen eine korrupte Regierung, sind die Nöte vieler Griechen heute konkreter. Die Wirtschaftskrise hat die Menschen hart getroffen: Sparmaßnahmen, Steuererhöhungen und Arbeitslosigkeit machen vielen Griechen Angst. Nicht wenige suchen die Schuld bei internationalen Organisationen und den großen europäischen Ländern wie Deutschland und Frankreich. Da liegt es auch nahe, dass die Bewegung „Verschwörung der Zellen des Feuers“ diese Stimmung nutzen will. Allerdings die Tatsache, dass auch Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi, die Chilenische Botschaft und die Mexikanische Botschaft in Athen Post bekommen sollten, passt nicht unbedingt in das Konzept – es sei denn, der Bewegung ginge es tatsächlich schlichtweg um den Kampf gegen das kapitalistische System im weitesten Sinne.

Autor: Nicolas Martin (afp)
Redaktion: Bernd Riegert