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Kultur

Lifestyle-Label aus dem Knast

Kultige Mode, originelle Design-Objekte: Die Marke "Santa Fu" kommt authentisch und mit Humor daher. Die Käufer freut es, den Machern gibt es Selbstbewusstsein. Und Kriminalitätsopfern hilft es.

Eine Tüte mit Buttons - Aufschrift: 'Original Knastbuttons' (Foto: Dirk Schneider)

Von 'drinnen' für 'draußen': Santa-Fu-Buttons

"Ohne Mauern müssen sich die Leute jeden Tag neu entscheiden hierzubleiben. Es ist eine individuelle Entscheidung, das auch zu tun: nicht abzuhauen" - sagt Angela Biermann als Leiterin der Justizvollzugsanstalt (JVA) Glasmoor im Norden von Hamburg. Sie wirkt entspannt, wenn sie ihren Besucher über den Hof der JVA führt, als hätte die Abwesenheit von Zäunen und Stacheldraht auch auf sie eine positive Wirkung. Man nennt es "Offenen Vollzug": Glasmoor sieht aus wie ein großer Bauernhof: Flache Gebäude mit viel Grün dazwischen, umgeben von Wald und Feldern. Die Tür einer ehemaligen Scheune steht offen: Hier ist die Zentrale der Knastmarke "Santa Fu".

In Folie vergepacktes Shirt des Labels 'Santa Fu' - Aufdruck: 'Freigänger' (Foto: Dirk Schneider)

Alles dicht: Verpackung per Nähmaschine

Ein großer Raum mit einfachen Tischen, an denen im Raum verteilt sechs Männer stehen oder sitzen. Es läuft Radio, an den Wänden hängen Pin-Ups. Links ein vergitterter Käfig - keine Zelle, es ist das Lager der "Santa Fu"-Produkte. Rechts liegt hinter Glas ein Büro, darin grüßt ein rundlicher Mann mit Schnurrbart, auf seinem dunkelblauen Polohemd steht in weißen Lettern "Justiz".

Der Wachmann und die bösen Buben

Werkstatt der JVA Glasmoor mit geöffneter Tür (Foto: Dirk Schneider)

Offener Vollzug: Die Tür der Werkstatt steht immer offen

Wolfgang Mücke hat die Aufsicht in der Werkstatt. Der Mittfünfziger strahlt etwas Gemütliches aus, er könnte auch den Wachtmeister in einem Kinderfilm geben, der den bösen Buben mit dem Finger droht. Die bösen Buben, das sind in diesem Fall die sechs Arbeiter, die in der Werkstatt Buttons mit Knastsprüchen pressen und T-Shirts bedrucken, wie Patrick L. Ihm gefällt die Marke, tragen würde er sie allerdings nicht: "Wenn man selber schon im Knast war, ist es ein bisschen komisch. Aber sonst finde ich das lustig." Außerdem verpacken die Häftlinge diese und andere Produkte, die in der JVA Fuhlsbüttel hergestellt werden, daher der Name "Santa Fu". In Glasmoor befinden sich auch Lager und Versand der Artikel, die inzwischen Kultstatus besitzen: Sie werden im Knast in kleinen Stückzahlen hergestellt und thematisieren das Leben hinter Gittern - das wirkt authentisch, und ein Schuss Humor ist auch immer dabei.

Wolfgang Mücke mit Santa-Fu-Produkten (Foto: Dirk Schneider)

Designerwelt im Knast: Wolfgang Mücke mit 'Santa-Fu'-Produkten

"Das T-Shirt mit dem Aufdruck 'lebenslänglich' habe ich selbst schon zum Polterabend vor der Hochzeit verschenkt", erzählt Wolfgang Mücke, der sichtlich stolz ist auf das Projekt: "Der kleine Markenaufdruck 'Santa Fu', der auf jedem T-Shirt ist, hat schon einen ähnlichen Status wie das kleine grüne Krokodil eines Konkurrenten." Nur, dass die Konkurrenz nicht im Knast fertigen lässt. Geht denn der Humor nicht auf Kosten der Menschen hinter Gittern? Anstaltsleiterin Angela Biermann glaubt das nicht: "Man darf ja nicht vergessen, dass die Produkte und auch die Sprüche alle von Gefangenen entwickelt worden sind. Da hat ja keiner von außen gesagt: Wir drucken jetzt 'wieder frei' oder 'lebenslänglich' auf die T-Shirts."

Galgenhumor hilft

Mann bedruckt ein T-Shirt mit dem Stempel 'Freigänger' (Foro: Dirk Schneider)

Lauter Originale: kleine Stückzahlen in Handarbeit

Henrik W., der an einer kleinen Presse Buttons mit Knastsprüchen herstellt, empfindet den Humor der Produkte als befreiend: "Man versucht damit natürlich so ein bisschen, die Haft zu überspielen. Es ist auch ein gewisser Galgenhumor dabei, und der hilft auf jeden Fall."

Die Stimmung in der Werkstatt ist entspannt, die Männer machen Witze. Aber Wolfgang Mücke möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, Knast sei eine ganz nette Angelegenheit, eine etwas schräge Wohngemeinschaft vielleicht, mit ein bisschen raubeinigen Mitbewohnern. "Freiheitsentzug", sagt er, "ist immer schlimm. Es ist das Schlimmste, was es gibt. Zumindest in der Bundesrepublik."

Neues Selbstbewusstsein

Die Arbeit hilft aber dabei, den Aufenthalt erträglicher zu machen. Sie vermittelt den Häftlingen einen Sinn, zumal von den Erlösen aus dem Verkauf der "Santa Fu"-Artikel ein Teil an den "Weißen Ring" geht, der Kriminalitätsopfern Hilfe leistet. Und es gibt den Menschen hier ein nicht zu unterschätzendes Selbstbewusstsein, etwas zu schaffen, das "draußen" begehrt und anerkannt ist. Diese Erfahrung hat Mehmed B., der hier T-Shirts bedruckt, im Hafturlaub gemacht: "Ich habe 'Santa Fu'-Shirts im Schaufenster gesehen und wusste, das muss meine Arbeit gewesen sein, oder die vom Kollegen. Da war ich stolz, dass das in der Öffentlichkeit ankommt."

Autor: Dirk Schneider

Redaktion: Aya Bach

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