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Afrika

Liebeserklärung und verbitterte Bestandsaufnahme

Jean-Marie Teno ist einer der wichtigsten afrikanischen Diokumentarfilmer. Doch er kämpft damit, dass seine Filme im Westen nicht zu sehen sind. Jetzt hat er genau darüber seinen neusten Film gedreht: „Sacred Places“.

Jean-Marie Teno, Regisseur aus Kamerun (DOK Leipzig)

Jean-Marie Teno, Regisseur aus Kamerun

Heute hat Bouba Glück. Er besitzt einen kleinen Videoclub in Ouagadougou: einen alten Fernseher und in paar Stühle hat er in einer kleinen Hütte aufgestellt. Für umgerechnet 50 Cent kann man sich dort DVDs ansehen. Normalerweise leiht Bouba von einem DVD-Händler Actionfilme, jeden Abend einen anderen. Doch heute hat ihm sein DVD-Händler einen afrikanischen Film gebracht. "Das ist sehr gut, da freuen sich die Filmfans immer“, sagt Bouba. Er gibt sich heute besonders Mühe, das ganze Viertel vom Programm seines kleinen Kinos zu informieren. Denn afrikanische Filme zu finden, das ist nicht einfach. Und sie kosten sogar mehr als die Raubkopien der amerikanischen oder indischen Blockbuster.

Filmausschnitt: der Protagonist Bouba, Besitzer eines Videoclubs in Ouagadougou, Burkina Faso (DOK Leipzig)

Filmausschnitt: Bouba, Besitzer eines Videoclubs

Eine Schlüsselszene ist das in Jean-Marie Tenos Film "Lieux Saintes“ (heilige Orte). Wenn man in Afrika von Dokumentarfilm spricht, dann kommt man an der Arbeit des 55-jährigen eigentlich nicht vorbei. Seit 25 Jahren macht der Kameruner Filme, doch er leidet darunter, dass seine Filme kaum bekannt sind, da sie fast nur auf Festivals laufen und selten den Weg in ein normales Kino finden.

Ein leises, persönliches Manifest für das Kino

Als ihn 2007 auf dem Filmfestival in Ouagadougou jemand auf dieses Dilemma ansprach brachte das für Jean-Marie Teno die Idee für seinen jüngsten Film. "Irgendjemand sagte zu mir: Sie machen engagierte Filme, aber die Leute, die ihre Filme sehen müssten, die kriegen sie nicht zu Gesicht.“ Denn eigentlich müssten auch die Leute in den Armenvierteln die Chance haben, die Filme zu sehen. Jean-Marie Teno sagte erstmal gar nichts mehr, bevor er sich dann entschloss, in die Arbeiterviertel von Ouagadougou zu gehen, die Menschen und ihren Bezug zum Kino kennenzulernen und einen Film darüber zu drehen.

Regisseur Teno beim ausprobieren seiner neuen Videokamera mit dem belgischen Filmkritiker Guido Convent (Foto : Sarah Mersch Dok Leipzig 2009)

Teno beim ausprobieren seiner neuen Kamera

"Lieux Saintes“ bricht in vielen Dingen mit den früheren Filmen von Teno, in denen er vor allem die Auswirkungen der Kolonialgeschichte untersuchte, das politische System in Kamerun attackiert, oder patriarchalische Gesellschaftsstrukturen seziert hat. Das ganze immer verbunden mit einer klaren Stellungnahme des Regisseurs. Sein neuer Film aber ist anders: leiser, poetischer, persönlicher.

Die beiden Brüder: das Kino und die Djembé

Er wolle sich nicht immer auf die Politik stürzen, meint er. "Dieser Film attackiert etwas viel größeres: die Unsichtbarkeit afrikanischer Filme in ihren Herkunftsländern.“ Das Kino, daran lässt Teno keine Zweifel, ist für ihn ein heiliger Ort, genau so wie auch der kleine Videocolub von Bouba in den Straßen der Hauptstadt von Burkina Faso. Und wie die kleine Werkstatt von Jules Cesar, der Djembé baut, und trommelnd durch die Straßen zieht, um das Filmprogramm des jeweiligen Abends anzukündigen.

Das Kino sei der große Bruder der Djembé, findet der Regisseur. Beide sind sie für ihn wichtige Kommunikationsmittel. Doch das Kino, das erreicht mit seinen Nachrichten die Zuschauer nicht mehr, weder in Afrika, noch in Europa. Jean-Marie Teno ist froh, wenn seine Filme überhaupt laufen, auch wenn es nur eine eigentlich illegale Videokopie ist. Der Frust hat sich eingeschlichen bei dem Filmemacher, der lange in Frankreich und jetzt in den USA lebt und bei jedem seiner Filme erneut um die Anerkennnung, ums filmische Überleben kämpft.

Und so ist der Regisseur mit dem verschmitzten Lächeln in letzter Zeit nicht selten schlecht gelaunt. In der Freude, seinen Film in Leipzig auf dem Festival zu zeigen, schwingt auch ein bißchen Verbitterung mit, dass sein Film nicht im regulären Programm läuft, sondern in der eigenen Reihe "This is Africa?“ "Warum muss auf einmal so eine eigene Sektion für Afrika geschaffen werden?“, fragt er sich. Das sei gut um junge Regisseure zu ermutigen, aber er wolle sich nicht die ganze Zeit darin wiederfinden. Sondern einfach als Regisseur anerkannt werden, unabhängig davon, ob er nun Afrikaner sei oder nicht.

Autorin: Sarah Mersch

Redaktion: Klaudia Pape