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Global Ideas

Liebeserklärung ans Fahrrad

Radfahren hält fit, schont das Klima und den Geldbeutel. Warum wechseln nicht mehr Menschen vom Auto aufs Fahrrad? Weil zuerst ganze Städte umdenken und eine neue Kultur der Fortbewegung entwickeln müssen. Ein Plädoyer.

Radfahrer in Shanghai im Regen (Foto: CC/jrodmanjr)

Bei Wind und Wetter ist das Rad ein passendes Gefährt - alles nur eine Frage der Kleidung

"Wenn ich einen Erwachsenen auf einem Fahrrad sehe, ist mir um die Zukunft der Menschheit nicht bange", sagte einmal der britische Schriftsteller H. G. Wells. Aber was bewegt eigentlich erwachsene Menschen dazu, von diesem eher bescheidenen und schweißtreibenden Fahrzeug Gebrauch zu machen? Ist es die Tatsache, dass man zur Arbeit, in die Schule oder zum Shoppen kommt und sich dabei gleichzeitig fit hält? Oder die Unabhängigkeit, mit einem Fahrrad im eigenen Tempo von A nach B zu kommen, ohne sich um Staus, steigende Benzinpreise oder überfüllte Busse und Bahnen Gedanken machen zu müssen? Vielleicht ist es ja einfach das Gefühl von Freiheit, das man auf dem Rad gewinnt. Wahrscheinlich aber ist es wohl eine Kombination all dieser Dinge. Die Schönheit des Radelns besteht auf jeden Fall auch darin, dass man es tun kann, so viel man möchte, ohne dabei die natürliche Umwelt zu belasten. Nur zu Fuß gehen ist für die Umwelt besser als Radfahren.

Den Wandel antreiben

Rote Fahrradampel (Foto: CC/DDOTDC)

Noch stehen die Ampeln in zu vielen Städten für Radfahrer auf rot

Die gesundheitlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Vorteile des Radfahrens sind mittlerweile gut bekannt und dokumentiert. Trotzdem verschmähen in den USA die meisten Menschen dieses Fortbewegungsmittel: Nur ein halbes Prozent der Arbeitnehmer nutzt dort das Rad für die Fahrt zur Arbeit. Woran hapert es?

Die wichtigste Antwort darauf lautet: Stadtentwickler und -planer müssen dafür sorgen, dass aus dem Rad eine sichere und praktische Alternative zum Auto wird. Denn weltweit ist in großen Städten für viele potenzielle Radfahrer der Ritt auf dem Drahtesel über längere Strecken undenkbar - "zu gefährlich", "zu zeitaufwendig", "zu schweißtreibend". Deshalb muss das Ziel kluger Stadtentwicklungspolitik sein, Radfahrern eine sichere Fahrt zu ermöglichen - von ihrem Fahrradständer zu Hause zur Arbeit, zur Schule und zu Geschäften, und wieder zurück. Gute und umweltfreundliche Politik koordiniert öffentliche Investitionen in Fahrradwege und -abstellplätze ebenso wie sie die Infrastruktur für Autos und Bahnen gewährleistet.

Gute Beispiele

Unternehmen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Sie müssen für ihre Mitarbeiter Duschen und sichere Rad-Parkplätze bereitstellen. Das ist nicht nur klimafreundlich. Wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat auch beste Aussichten, ein körperlich gesunder und zufriedener Mitarbeiter zu sein - und obendrein ein produktiver.

Fahrradparkplatz – Gent (Foto: CC/Pesterussa)

Nur wenige Städte sind schon voll auf Räder eingestellt

Einige kreative und erfolgreiche Initiativen gibt es bereits. Oslo in Norwegen hat für sein öffentliches "Bike System" große Anerkennung erhalten, mittlerweile wird es in Städten auf der ganzen Welt kopiert. Ein weiteres Beispiel ist Australiens Hauptstadt Canberra. Dort gibt es die Bike'n'Ride-Initiative. Sie schafft einen Anreiz für potenzielle Radfahrer, ihre Autos zugunsten einer bequemen Rad-Bus-Kombination am Straßenrand stehen zu lassen. Radfahrer, die zu einer Bushaltestelle fahren, können ihre Fahrräder auf dem vorderen Teil des Busses kostenlos anhängen. In der deutschen Hauptstadt Berlin gibt es Ähnliches. Dort erlaubt die S-Bahn auch die Beförderung von Rädern – sofern im Zug Platz vorhanden ist und ein erhöhtes Beförderungsentgelt gezahlt wurde.

Wirtschaftliche Anreize

Trotz dieser erkennbaren Fortschritte entwickelt sich der stetig kletternde Benzinpreis wohl zum stärksten Katalysator für den Wandel zu Fahrrad-freundlichen Städten. Eine Umfrage der US-Organisation "Bikes Belong" im Jahr 2008 zeigte: Der Umsatz mit Fahrrädern stieg deutlich, und 95 Prozent der befragten Kunden gaben als Grund für ihre Kaufentscheidung die hohen Benzinpreise an. Wenn der Ölpreis weiter steigt - und das erwarten alle Experten -, dann sollten Gemeinden und Städte aller Größen auf diesen Trend vorbereitet sein.

Kulturwandel

Fahrradweg in Kalifornien (CC/sfbike)

Bahn frei für Radfahrer!

Eine Fahrrad-freundliche Stadt setzt voraus, dass die Bürger Fahrräder als Teil des städtischen Gefüges begreifen und offen für entsprechende neue Ideen sind. Dieses Bewusstsein kann nur entstehen, wenn immer mehr Menschen die Vorteile des Radfahrens auch mit einem Gefühl von Stolz inmitten einer Fahrrad-freundlichen Stadt verknüpfen.

Dazu muss sich mancherorts auch ein kultureller Wandel vollziehen: Fahrräder sind nicht und sollten nicht als Domäne einer Gruppe von Hardcore-Fitness-Junkies gesehen werden. Vielmehr sollte es Räume und Radwege geben, die Menschen aller Altersgruppen, Geschlechter und sozialer Herkunft miteinander teilen. In Tokio etwa sind die Fußgänger auf den ohnehin überfüllten Bürgersteigen mittlerweile daran gewöhnt, ihren begrenzten Raum mit Radfahrern zu teilen, die aus Sicherheitsgründen lieber nicht auf der Straße in die Pedale treten möchten. Fußgänger sind bereit, beiseite zu treten, damit Radfahrer passieren können. Und Radfahrer bahnen sich (meistens) geduldig und rücksichtsvoll ihren Weg durch das Gedränge.

Bis die Einstellungen gegenüber Fahrrädern und ihren Lenkern sich überall derart ändern wie in Tokio, wird einige Zeit vergehen. Denn in den meisten Gesellschaften gelten Straßen immer noch hauptsächlich als Bewegungsraum für Autos und LKWs. Aber jeder von uns kann dazu beitragen, in seiner Stadt eine neue Kultur der Fortbewegung zu schaffen. Und je mehr Erwachsene wir täglich auf Fahrrädern sehen, desto weniger müssen wir uns mit H. G. Wells Sorgen um die Zukunft der Menschheit machen.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit OurWorld 2.0 entstanden, einem Web-Magazin, das sich mit den Themen Klimawandel, Energieeffizienz und Artenvielfalt beschäftigt. OurWorld 2.0 ist ein Projekt der Universität der Vereinten Nationen in Tokio.

Autoren: Mark Notaras und Sean Wood
Adaption: Martin Schrader
Redaktion: Ranty Islam

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