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Kultur

"Lieber krank als fett" - Magersucht als Lifestyle

Die Pro-Anorexie-Bewegung verbreitet sich im Internet unkontrollierbar. Magersüchtige Mädchen tauschen sich in Foren aus - und verklären dort ihre Krankheit als positive Lebenseinstellung.

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"Du sollst nie glauben, du bist dünn genug"

"Du sollst unsichtbar werden. Dafür musst Du dünner werden. Dünn zu sein ist wichtiger, als gesund zu sein." Das ist das erste Gebot, postuliert auf einer Pro-Ana-Website. "Ana" ist die Abkürzung von Anorexie, dem medizinischen Fachausdruck für Magersucht. Im Internet haben sich an Essstörungen leidende Mädchen ein eigenes Forum geschaffen, fern von Eltern, Freunden und Lehrern, die oftmals von ihrer Krankheit nichts wissen. Das Erschreckende daran: Es geht nicht darum, sich bei der Bekämpfung der Krankheiten zu helfen. Ganz im Gegenteil: Die Mitglieder der "Pro-Ana-Bewegung" bestärken sich gegenseitig in ihrem Wahn.

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Wer dick ist, ist hässlich. Und dick ist man auch bei einer Körpergröße von 1,70 Metern und 54 Kilo Lebendgewicht. "I believe in perfection", lautet das Motto der Website "Ana To The End" (Ana bis zum bitteren Ende). Perfektion ist ein Wort, das beinahe in jedem Beitrag fällt. "Dann bin ich eben krank, aber lieber krank als fett", schreibt ein Mädchen namens "RockaBella". Und "NothingSpecial" begeistert sich: "Pro-Ana bedeutet hübsch sein und toll sein und perfekt sein und begehrenswert sein und beliebt sein und gemocht werden und gut sein und sportlich sein und unangreifbar sein und eben anders sein." Magersucht ist ein Lifestyle, und ein Lifestyle ist kein Problem.

"Anorexie bedeutet den Verlust von Handlungsmöglichkeiten im eigenen Leben", sagt Dr. Jan Nedoschill, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychologie und Vorsitzender von hungrig-online.de. "Hungern ist dann der einzige Bereich, in dem die Magersüchtigen glauben, Kontrolle über sich zu haben." Die Pro-Ana-Foren sind Nedoschill zufolge krankheitsverherrlichend: "Auch wenn die Mädchen in gewisser Weise einsehen, dass sie krank sind, so ist das eine sehr oberflächliche Herangehensweise - niemand, der sich ernsthaft als krank bezeichnet, will es bleiben."

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Wer nicht isst, hat viel Zeit, seine Homepage zu programmieren: Schöne Mädchen mit leidendem Blick, kaum mehr als Haut und Knochen, schmachten in die Kamera, viele von ihnen tragen Engelflügel. Überhaupt wimmelt es nur so von Fantasiewesen: Elfen und Anime-Figuren bevölkern die Pro-Ana-Foren. Es ist eine romantisch-verklärte virtuelle Welt, die nichts mit der Realität gemein hat.

In der Realität leiden laut der Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit KiGGS, die das Robert-Koch-Institut am Montag (25.9.) vorstellte, rund 22 Prozent der 11- bis 17jährigen in Deutschland an Anorexie oder Ess-Brechsucht (Bulimie) - in den sozial schwächeren Schichten liegt dieser Anteil mit mehr als 27 Prozent besonders hoch. Die Universität Ulm berichtet, dass mit einer Sterblichkeitsrate von 15 bis 20 Prozent die Anorexie mehr Opfer als jede andere psychosomatische Störung fordert. Eine der häufigsten Todesursachen ist Selbstmord, denn nicht selten gehen Essstörungen und Depressionen Hand in Hand.

"Deine Waage als das wichtigste in deinem Leben ehren!"

"Dann kam auch noch dazu, dass ich von dem Mann ab und zu vergewaltigt wurde", erzählt "Miss.Raten" von ihrer Leidensgeschichte. Sexuelle Gewalt, Trennung der Eltern und andere traumatische Kindheitserlebnisse sind anscheinend die Hauptgründe, die die Mädchen in die Hungersucht treiben. Und einige haben einfach den Druck nicht mehr ausgehalten, von Eltern, Geschwistern und Mitschülern als dick bezeichnet zu werden. "Shishko ist türkisch und bedeutet dick. So wurde ich früher sehr oft und heute teilweise auch noch von meiner Familie genannt, früher meinten sie es ernst - heute ist es ein kleiner Spaß", ließt man in dem Forum. Seit fünf Jahren hat Shishko "Mia", im Ana-Jargon die Bezeichnung für Bulimie. Wie die meisten, die Mia haben, will sie "Ana werden": Hungern ist beliebter als Kotzen.

Birte Zess von magersucht-online.de hält Pro-Ana für sehr gefährlich. "Einige Mädchen wissen noch gar nicht genau, ob sie überhaupt magersüchtig sind. Wenn sie sich an die richtigen Stellen wenden, kann man ihnen helfen", sagt sie. Magersucht-online sei ein solches Forum: Dort können sich an Essstörungen Erkrankte mit anderen Betroffenen austauschen, es gibt Adresslisten von Therapie- und Gesundheitszentren. "Wenn gefährdete Mädchen jedoch an Pro-Ana-Foren geraten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie sich in die Krankheit fallen lassen", so Zess.

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Paradoxe Verdrehungen von Zitaten führen vor Augen, wie jung die Mädchen sind: Teenager, die genauso wenig wie ihre gesunden Altersgenossen wissen, wer sie sind und was sie eigentlich wollen. Sie tauschen sich über Probleme mit Jungs aus, über Schulfrust, über ihre Träume. "Julie17" erzählt, dass sie einmal ein eigenes Bestattungsinstitut eröffnen möchte.

"Ich glaube an die Kalorienangaben als das geniale Wort Gottes und merke sie mir gut", heißt es im "Glaubensbekenntnis". Es gibt Psalme, Gebote und Gebete - Pro-Ana ist eine Religion geworden. Und obwohl mittlerweile einige Foren als jugendgefährdend gesperrt wurden, ist die Zahl der Jünger Schätzungen zufolge sehr hoch - verlässliche Zahlen darüber, wie viele Mitglieder die Bewegung tatsächlich hat, gibt es allerdings nicht. Nedoschill begrüßt die Schließungen, glaubt aber nicht, dass sie viel nützten: "Es werden neue Foren unter anderem Namen eröffnet - die sind dann bloß schwerer zu finden."

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