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Querdenker

Lieber Forschung statt Feindschaft

Sie pfeifen auf die Auseinandersetzung ihrer Heimatländer. Ein Libanese und eine Israelin gründen eine Biotech-Firma. Das ist nicht ungefährlich - denn damit widersetzen sie sich offiziellen Gesetzen.

Eigentlich müssten sie Todfeinde sein. Charly kommt aus dem Libanon, Maria aus Israel. Doch die beiden pfeifen auf Feindschaft als Staatsräson. In San Francisco arbeiten sie gemeinsam an einem Medikament gegen Leberkrebs. Von ihrem libanesisch-israelischen Startup Synthex sollte bislang niemand wissen. Doch nun wollen sie darüber sprechen.

Nachts in einem Chemie-Labor

Am Anfang war das Misstrauen. Auf dem Fernsehbildschirm im Labor laufen Youtube-Videos aus dem Libanon. "Oh Mist", denkt Maria Soloveychik, "der Typ dort drüben kommt aus dem Libanon". Sie selbst stammt aus Israel. "Wenn der das rauskriegt, dann bringt er mich bestimmt um." 

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Heute lachen sie, wenn sie das erzählen. Denn mittlerweile sind sie Partner - Charly Chahwan aus Libanon und Maria Soloveychik, geboren in Weißrussland, in Israel großgeworden. Sie haben an der Universität Toronto gearbeitet, bevor sie 2016 gemeinsam in San Francisco ihre Firma Synthex gegründet haben.

Charly, der promovierte Molekulargenetiker, treibt die Forschung an ihrem Produkt voran: ein Medikament gegen eine besonders aggressive Form von Leberkrebs. "Wer diese Diagnose bekommt, hat nur noch wenige Monate zu leben". Dass sein Medikament womöglich ein Durchbruch in der Behandlung sein kann, sagt er erst fünf Sätze später. Er ist niemand, der sich in den Vordergrund rückt, ein Wissenschaftler. Dafür ist Maria zuständig, sagt er. Es sei ein Glück, sie an seiner Seite zu haben. Als CEO macht sie aus seiner Forschung ein Business. 

DW Science - Science over Politics, San Francisco - Pipette (DW/G. Hofmann)

Das lang ersehnte Krebsmedikament zu finden, wäre für die beiden der Durchbruch. Sie sind nah dran.

Die Humus-Pizza-Connection

Noch vor einem Jahr war Synthex nur eine Idee, jetzt haben sie bereits erste klinische Studien begonnen. Die Gründer glauben, eine Lösung gefunden zu haben, wie sie die Interaktion von Eiweißen innerhalb von Krebszellen unterbinden und so die Ausbreitung der aggressiven Zellen blockieren können.

Der Biotech-Accelerator IndieBio [Anm. der Red: Ein Accelerator ist eine Institution, die Startups durch Coaching zu einer schnellen Entwicklung verhilft] in San Francisco hat sie aufgenommen, bietet Labor, Schreibtisch, Geld, Unterstützung.

Während im Nahen Osten jederzeit wieder Bomben fallen und Raketen einschlagen können, kämpfen sich hier also ein junger Libanese und eine Israelin gemeinsam durch die Höhen und Tiefen einer Firmengründung: Forschung, Businesspläne, Pitches, Kundengespräche. Eine sechs Millionen Dollar Finanzspritze beweist, dass Investoren an diese Kooperation glauben.

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Anders als viele zu Hause im Libanon, sagt Charly. Erst vor zehn Jahren endete der letzte blutige Krieg zwischen der libanesischen Hisbollah-Miliz und dem Staat Israel, mit mehr als 1200 Toten. Ein Waffenstillstand, kein Friedensschluss. Wenn herauskommt, dass Charly Chahwan mit einer Israelin partnerschaftlich eine Firma aufbaut, kann er Schwierigkeiten bekommen, glaubt er. Bei seiner nächsten Einreise in den Libanon kann er verhört, angeklagt, eingesperrt werden. Und auch seine Familie vor Ort ist nicht sicher vor Hardlinern. Denn offiziell sei es jedem Libanesen verboten, Kontakt mit den Feinden - den Israelis - zu haben, sagt er. Das gilt für libanesische Muslime ebenso wie für Christen, also auch Charlys Familie.

Der Konflikt ist fern…

Beide lieben Humus und die gleiche Sorte Pizza: grüne Oliven und Pilze. Das ist ein beliebter Snack in Israel wie auch im Libanon, aber selten hier in San Francisco. Und auch in der Firma verbindet sie mehr als sie trennt: Charly findet Antworten auf immer neue wissenschaftliche Fragen. Maria, die Strategin, versucht aus diesen Antworten ein Geschäft zu machen, internationale Partner zu finden und Forschungsgelder einzusammeln. In ihrem Labor im IndieBio streiten sie auch über das, was in der Heimat vor sich geht - um sich dann schließlich aber wieder einig zu sein: "Jeder hat das Recht, in Frieden zu leben."

DW Science - Science over Politics, San Francisco - Maria Soloveychik und Charly Chahwan (DW/G. Hofmann)

Verschiedene Pässe? Kein Problem für Maria und Charly. Für den Krieg ihrer Heimatländer haben die beiden keine Zeit.

Maria denkt immer wieder darüber nach, Forschung und Firma in Israel am berühmten Weizmann Science Park in Tel Aviv aufzubauen. Gute Leute, ein hohes Forschungsniveau, immer gutes Wetter. Aber das wäre für Charly problematisch: Wenn er in Israel leben würde, wäre er offiziell protegiert vom einem Staat, der nicht sein darf. Er traut sich nicht, das zu riskieren.

… aber nicht immer 

Eigentlich sind sie sich einig, wie absurd der Konflikt in der Heimat ist. Doch sind sie wirklich immun gegenüber einer Feindschaft, die schon länger existiert als sie beide auf der Welt sind? "Meine Sicht auf Israel ist neutral", sagt Charly, "weder positiv, noch negativ." Doch was passiert, falls der Krieg zwischen Libanon und Israel wieder ausbricht, wenn wieder Bomben fallen, Menschen sterben? Dann sei auch er nicht gefeit vor seinem Nationalgefühl: "Wenn Dein Land angegriffen wird, kannst du nicht anders. Das geht Maria nicht anders." Die Firma würde nicht zerbrechen. Also weitermachen wie vorher, geht das? Es klingt, als fühle er sich auf einmal nicht mehr so sicher in San Francisco. 

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"Wir können uns noch hundert Jahre die Köpfe einhauen", sagt er zum Abschluss, "und unsere Intelligenz dafür aufbringen, Bomben zu bauen, die wir dann gegeneinander einsetzen." "Oder wir können genau dieses Geld in Forschung investieren", ergänzt Maria, "und Krankheiten heilen. Davon würde die ganze Welt etwas haben."

Dann verschwinden beide wieder in ihrem Labor. Für den Krieg haben sie einfach keine Zeit.

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