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Afrika

Lieber auswandern als wählen gehen

Mehr als drei Jahre nach dem Sturz von Diktator Ben Ali wählen die Tunesier am Sonntag ein neues Parlament. Das Interesse der Jugend hält sich allerdings in Grenzen.

Hier sollen Wahlen stattfinden? Bis auf ein paar Plakate deutet in dem Armenviertel Tadamun ("Solidarität") in Tunis kaum etwas auf den bevorstehenden Wahlgang im Land der "Jasminrevolution" hin. Niemand spricht hier von Parteien, niemand interessiert sich für ihre Programme. Die Menschen haben andere Sorgen.

"Ich werde auf keinen Fall wählen gehen", sagt Mohammed Al-Omuri. Der 27-Jährige lebt in Tadamun ist seit elf Jahren arbeitslos. "Mich interessieren diese Wahlen überhaupt nicht", sagt er. "Ich werde das Land sofort verlassen, sobald ich die Möglichkeit dazu habe. Alles, was ich dafür brauche, ist Geld."

Träumen von Italien

Italien ist das Land seiner Träume. Es liegt direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Meeres, ist aber für jemanden wie Mohammed nur auf illegalem Wege erreichbar. Arbeitslose Einwanderer sind in Europa nicht gefragt. Dennoch will Mohammed alles daran setzen, Tunesien so schnell wie möglich zu verlassen - so wie viele junge Leute in Tadamun, das als eines der trostlosesten Viertel in der tunesischen Hauptstadt gilt.

Wahlen in Tunesien (Foto: DW / Tarek Guizani)

Die Tunesier müssen sich vor der Wahl registrieren lassen - längst nicht alle machen Gebrauch davon

Mohammed ist nicht nur arbeitslos. Er hat wegen Beteiligung an einem gewaltsamen Überfall auch mehrere Jahre als verurteilter Krimineller hinter Gittern gesessen. Die Revolution von 2011 und den Sturz des langjährigen Diktators Zine al-Abidine Ben Ali - all das hat er vom Gefängnis aus verfolgt, bevor er im Frühjahr 2014 anlässlich des tunesischen Nationalfeiertags begnadigt wurde. "Als ich im Gefängnis saß, war ich wirklich noch ein großer Anhänger unserer Revolution", erinnert sich Mohammed. "Aber als ich nach drei Jahren raus kam, musste ich feststellen, dass sich in Wirklichkeit nichts geändert hat, auch nicht hier in unserem Viertel. Das Volk leidet. Und die Sicherheitskräfte behandeln die jungen Leute hier wie Verbrecher anstatt wie Revolutionäre."

Die Parlamentswahlen am 26. Oktober - von der politischen Klasse des Landes gerne als Meilenstein im politischen Übergangsprozess gepriesen - interessieren auch den 31-jährigen Abdel Kader kaum. Auch er sucht schon seit vielen Jahren verzweifelt nach Beschäftigung. "Ich habe alles versucht", erzählt er, "viele Arbeitsgesuche vorgelegt. Aber bis heute ist keine einzige positive Antwort gekommen." Abdel Kader hatte mit 15 Jahren die Schule verlassen und sich seitdem mit Gelegenheits-Jobs über Wasser gehalten. Er ist besonders frustriert darüber, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt nach dem "Arabischen Frühling" noch schlechter geworden sind. Und er fühlt sich von den Regierenden vernachlässigt. "Gerade hier haben doch viele Leute unter Armut und Hunger gelitten, und in den Tagen der Revolution waren wir hier sogar Gewehrfeuer ausgesetzt. Aber was ist danach passiert? Nichts! Die Politiker haben sich von der Revolution gelöst und reißen sich nur noch um Posten."

Arbeitslose Jugendliche in Tunesien (Foto: DW / Tarek Guizani)

Hohe Arbeitslosigkeit, kaum Perspektiven: Viele junge Tunesier wollen nach Europa auswandern

Statt wählen zu gehen, möchte auch er Tunesien lieber heute als morgen den Rücken kehren und illegal nach Europa auswandern: "Es ist doch viel besser, dieses Risiko auf sich zu nehmen, als das ganze Leben lang hier als Gefangener zu leben!" Dabei kennt er die Risiken durchaus: Immer wieder hört man in dem Viertel von jungen Leuten, die in überfüllten, klapprigen Booten die illegale Überfahrt nach Europa versucht haben und dabei ums Leben gekommen sind.

Hohe Arbeitslosigkeit

Nach einer offiziellen Statistik liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Tunesien bei etwa 16 Prozent. Doch die Dunkelziffer dürfte vielerorts höher liegen, in einigen Gegenden des Landes wird sie auf deutlich mehr als 40 Prozent geschätzt - darunter auch viele junge Leute mit höheren Schul- oder sogar Universitätsabschlüssen.

Gerade die jungen Leute waren es, die maßgeblich die Revolution von 2011 mitgetragen hatten. Doch von dem komplizierten politischen Prozess, der danach einsetzte, sind viele enttäuscht. Abdel Kader beispielsweise will zwar nicht wählen gehen, denkt aber laut über "friedliche Streiks" und "Aktionen zivilen Ungehorsams" nach - wenn es ihn nicht doch noch irgendwann als illegalen Flüchtling auf die andere Seite des Meeres verschlägt.

Jugend und Parlament (Foto: DW / Tarek Guizani)

Die Wahlplakate in Tunesien stoßen auf wenig Interesse

Junge Leute seien weiterhin "die am stärksten marginalisierte Gruppe in Tunesien", meint dazu der politische Analyst Al Jama'i Al Qasemi. "Die Abneigung vieler junger Leute, sich überhaupt als Wähler registrieren zu lassen, und das völlige Desinteresse am Wahlkampf: Dies alles zeigt, dass es leider so gut wie kein Vertrauen in die Politiker und in die demokratischen Wahlen gibt." Die tunesischen Parteien begingen im Umgang mit der jungen Generation nach wie vor den Fehler, diese von Entscheidungen fern zu halten und ihr keine Teilnahme am öffentlichen Leben zu ermöglichen. Daraus folge, so der Experte, "Frustration und Enttäuschung".

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