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Afrika

Libyen: "Geschichten ans Licht bringen"

Ein Netz aus Korrespondenten soll in Libyen für unabhängige Nachrichten sorgen. Die neue Agentur nutzt Satellitentechnik und eine "Cloud". Eine Chance für das Land, findet Martin Hilbert, Ländermanager der DW Akademie.

Vorbereitung auf den Reporter-Einsatz: Die Teilnehmer testen die satellitengestützten Geräte (Foto: DW Akademie/Martin Belz).

Vorbereitung auf den Reporter-Einsatz: Teilnehmer testen die satellitengestützten Geräte

Im Rahmen eines EU-Projekts entwickelt die DW Akademie in Libyen seit November 2014 die virtuelle Nachrichtenagentur "Libyan Cloud News Agency (LCNA)". Mit über hundert regionalen Korrespondenten sollen Informationen aus dem ganzen Land über satellitengestützte Technik zugänglich gemacht werden. Neben libyschen Medienhäusern bekundet auch die internationale Presse großes Interesse an zuverlässigen Informationen aus dem umkämpften Land. Ländermanager Martin Hilbert hat das Projekt von Anfang an begleitet und setzt sich gemeinsam mit den libyschen Partnern und Journalisten für unabhängigen Nachrichtenjournalismus ein.

Herr Hilbert, sind Sie experimentierfreudig?
Wenn Sie meinen Einsatz in Libyen meinen: definitiv ja. Was wir dort vorangetrieben haben, ist in der Tat ein großes Experiment, für das es bislang kein Vorbild gibt. Wir gründen eine lokale Nachrichtenagentur in einem zerrütteten Land, in dem es momentan so gut wie kein Internet und keine unparteiische Berichterstattung gibt. Wir trainieren Journalisten darin, Geschichten aufzuspüren und das zu erzählen, was wir als Westler nicht mitbekommen. Ein großes Experiment und eine enorme Herausforderung.

Technik-Test mit Ländermanager Martin Hilbert (rechts) und libyschen Journalisten (Foto: DW Akademie/Martin Belz).

Technik-Test mit Ländermanager Martin Hilbert (rechts) und libyschen Journalisten

Gibt es keine westlichen Nachrichtenagenturen, die Korrespondenten in Libyen haben?
Nein. Kein Reisender aus dem Westen kann sich frei bewegen. Und Journalisten, die aus diesem riesigen Land berichten wollen, müssen reisen. Sie würden allerdings schon an den vielen Checkpoints scheitern.

Wie muss man sich die Nachrichtenlage in Libyen momentan vorstellen?
Das Recht auf Information ist quasi nicht existent. Natürlich: Es gibt Lokalradios, es gibt die Fernsehsender Al Jazeera, Al Arabiya, die Überbleibsel des Staatssenders Al Wataniyah und andere nichtstaatliche Medien. Was man allerdings wissen muss: Libyen ist stark von einer Stammeskultur geprägt. Wenn ein Sender aus Misrata etwas berichtet, wird das von den Menschen in Tobruk nicht ernst genommen und umgekehrt. Außerdem wird sehr viel kommentiert und von vornherein mit einer Meinung überladen. Eine libysche Nachrichtenagentur im Stil von Reuters oder der Deutschen Presseagentur Agentur (dpa), die einfach Fakten zur Verfügung stellt, gibt es nicht. Das wollen wir nun ändern.

Mit diesem kleinen Gerät können Korrespondenten von überall senden (Foto: DW Akademie/Martin Belz).

Mit diesem kleinen Gerät können Korrespondenten von überall Beiträge senden

Sie betreuen als Projektkoordinator die Einführung der sogenannten "Libyan Cloud News Agency" (LCNA). Was ist das besondere an dieser Nachrichtenagentur und wie genau soll sie funktionieren?
Das Besondere an dieser Agentur ist ihre Virtualität. "Cloud" bedeutet Wolke - das heißt, dass von uns ausgebildete Journalisten in ganz Libyen Rohmaterial in diese Cloud laden. Das Material wird dann von acht speziell trainierten Mentoren geprüft und auf einer geschützten Webseite gespeichert. Dort werden die Fakten dann noch einmal von einem Chefredakteur geprüft, der momentan in Tunis sitzt, da es für ihn in Libyen zu gefährlich wäre. Das Material ist dann für die Kunden - private, staatliche Medien in Libyen und auch internationale Medienhäuser - zugänglich. Die Korrespondenten sind mit einer sehr handlichen Satellitentechnik unterwegs und können das Material so senden. Internet gibt es nicht und in manchen Regionen nicht einmal Handyempfang.

Warum der Umweg über die Cloud?
Die Cloud vernetzt die Reporter aus allen Landesteilen. Libyen ist fast fünfmal so groß ist wie Deutschland. Die Fäden laufen im virtuellen Raum zusammen und das Rohmaterial kann zunächst hier eingeladen werden, bevor es dann speziell abgesichert wird, da eine Cloud natürlich leicht zu hacken ist. Unser Ziel ist es, langfristig ein ganz reales Büro für die Mitarbeiter einzurichten. Falls das dann aber angegriffen werden sollte, kann sich die Agentur einfach wieder in die Cloud zurückziehen - ein großer Vorteil in Libyen, denn mit einem Angriff auf unabhängige Berichterstattung müssen wir rechnen.

Weit und breit kein Netz - die Nachrichtenagentur setzt auf satellitengestützte Technik (Foto: DW Akademie/Martin Belz).

Weit und breit kein Netz - die Nachrichtenagentur setzt auf satellitengestützte Technik

Sie haben die Technik mit einigen Journalisten aus Sicherheitsgründen außerhalb von Libyen in der Wüste Tunesiens getestet. Gab es Schwierigkeiten?
Nein! Es hat alles reibungslos funktioniert. Wir haben neben der Sendetechnik auch Empfangsgeräte wie die Satellitenschüssel dabei gehabt, um den Datendurchsatz zu prüfen. Texte, Fotos und auch kleine Videos können problemlos gesendet werden.

Sie haben die Stammeskultur erwähnt, die Libyen prägt. Die zukünftigen Korrespondenten und Mentoren sind aus unterschiedlichen Regionen und von verschiedenen Stämmen. Haben Sie während der Workshops Spannungen erlebt?
Vergangene Woche gab es eine bemerkenswerte Situation: Zwei Männer gaben sich zur Begrüßung die Hand und stellten kurz darauf fest, dass sie von verfeindeten Stämmen kamen. Beide wichen plötzlich zurück und wurden misstrauisch. Dann waren sie später zufälligerweise in der gleichen Gruppe und arbeiteten einwandfrei miteinander. Das war für beide ein besonderes Erlebnis. Sie sagten später, dass sie es sich und dem jeweils anderen nicht zugetraut hätten, so gut zusammen zu arbeiten.

Gemeinsamer Workshop mit libyschen Journalisten in Tunis (Foto: DW Akademie/Martin Belz).

Vorurteile abbauen, Geschichten anderer entdecken: gemeinsamener Workshops in Tunis

Unter den 112 Journalisten, die als Korrespondenten arbeiten werden, sind 18 Frauen. Mit welchen spezifischen Herausforderungen haben sie zu kämpfen?
Frauen dürfen in Libyen nicht alleine reisen und sie werden von konservativen Politikern nicht ernst genommen. Das heißt, dass sie im Zweifelsfall nicht als Reporterinnen auftreten können, sondern einen Mann dabei haben müssen, der ihre Fragen stellt. Das ist sehr schade, denn die Frauen, die wir ausgebildet haben, sind extrem gut und fokussiert.

Im Herbst läuft die Finanzierung der LCNA durch die Europäische Union aus. Wie geht es danach weiter?
Es ist so: Wir bringen das Baby auf die Welt. Aufgezogen und ernährt werden muss es dann ab Oktober in Libyen selbst, allerdings nicht alleine. Die libyschen Medien, die per Abo auf das Angebot der LCNA zugreifen können, werden ein großes Interesse an dem Material haben. Denn: Das Land ist sehr groß und es gibt wie gesagt kaum vertrauenswürdige Informationen über einzelne Regionen. Außerdem haben wir positive Rückmeldungen von westlichen Nachrichtenagenturen bekommen, die sehr an dem Angebot interessiert sind. Was passiert jenseits der Kämpfe vom Islamischen Staat? Welche bewegenden menschlichen Geschichten finden sich in Libyen, von denen wir nichts wissen? Das ist es, was die Leute interessiert - nicht die sieben Toten bei Kämpfen in Tripolis. Wir haben mit der LCNA ein Werkzeug entwickelt, mit dem wir diese Geschichten ans Licht bringen.

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