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Amerika

Liberales Amerika erwacht aus der Schockstarre

Hunderttausende gingen am Samstag in den USA auf die Straßen, um gegen Donald Trump zu demonstrieren. Es war die erste groß angelegte Protestaktion seit der Wahl. Ines Pohl aus Washington.

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Demonstrationen gegen US-Präsident Trump

Begonnen hat alles mit einer kleinen Facebook Gruppe, die sich am Tag nach der Wahl am 8. November 2016 zusammengefunden hatte, um einen "Marsch der Frauen" gegen den neu gewählten Präsidenten Donald Trump zu organisieren. Aus Frust, weil es wider alle Erwartungen noch immer keine Frau geschafft hatte, als Präsidentin ins Weiße Haus zu ziehen. Aber auch aus Entsetzen darüber, dass Donald Trump trotz, oder vielleicht sogar wegen seiner sexistischen Sprüche, diesen schmutzigen Wahlkampf gewinnen konnte.

Herausgekommen sind am Ende Großdemonstrationen, wie sie das Land lange nicht gesehen hat. In der Hauptstadt kamen so viele Menschen zusammen, dass ein richtiger Demonstrationszug gar nicht möglich war, weil die Straßen völlig überfüllt waren. Nach Angaben verschiedener Medien sollen es in Washington D.C. rund 600.000 Menschen gewesen sein. Das wären mehr als am Vortag zur Amtseinführung von Donald Trump angereist waren. Hier waren es rund 500.000. Landesweit waren weit über eine Million Menschen unterwegs.

Protestmarsch gegen Donald Trump in Washington D.C. (DW/I. Pohl)

Pinkfarbene Mützen sind das meistgetragene Accessoire auf den Protestmärschen gegen Donald Trump

Pinkfarbene Mützen

"Wir sind hier, um der Welt zu zeigen, dass Amerika mehr ist als Donald Trumps Rassismus und Sexismus", sagt Judy Warden. Sie ist mit einem Bus aus New Jersey nach Washington gekommen. Hat sich für den Marsch, wie so viele, eine pinkfarbene Mütze gestrickt. In der Hauptstadt war seit Tagen pinkfarbenes Strickgarn ausverkauft. Die Mützen symbolisierten "Pussys" - auf Englisch Slang für Vagina - so Warden, "weil Trump behauptet, er könne uns alle begrapschen, wie jeder, der mächtig ist." Die 38-Jährige spielt damit auf einen Filmclip an, der nur wenige Wochen vor der Wahl veröffentlicht wurde und belegt, wie abfällig der neue Präsident der Vereinigten Staaten über Frauen redet, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Auch viele Männer tragen die Mützen, die zu einem Symbol des Widerstands geworden sind gegen Trumps abfällige Rhetorik - nicht nur gegenüber Frauen, sondern auch gegenüber Muslimen oder Einwanderern aus Mexiko.

Protestmarsch gegen Donald Trump in Washington D.C. (DW/I. Pohl)

Auf vielen Schildern wird Donald Trump mit Adolf Hitler verglichen

Als Aufschrei gegen Sexismus geplant, geht es an diesem grauen Samstag im Januar aber um viel mehr. "Wir sind hier, um für all die Werte und Errungenschaften zu kämpfen, die von Trump bedroht sind", sagt Kevin Sforza aus Baltimore. "Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Gleichberechtigung, einfach alles, wofür unser Land so lange gekämpft hat." Er ist 28, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Bad Hombre raised by a nasty women". Auch das ein Anspielung auf Trumps rassistische und sexistische Bemerkungen. "Wir sind hier, um mit einem friedlichen und fröhlichen Protest auf Trumps Hass zu reagieren."

Mit Humor gegen den Hass

Das scheint die Haltung vieler. Trotz der teilweise chaotischen Zustände auf der völlig verstopften Demo-Route sind die Menschen freundlich, ausgelassen. Rufen "Viva la Vulva", loben gegenseitig die Schilder, die meisten selbstgemalt und selbstgebastelt, viele davon hätten das Zeug zum Titel einer Satirezeitschrift. "Ich musste einfach kommen", sagt Judith Joe.

Protestmarsch gegen Donald Trump in Washington D.C.

Judith Joe aus New York demonstrierte 1968 zum letzten Mal in Washington

Die 75-Jährige war zum letzten Mal 1968 für eine Demo nach Washington gereist. "Wie damals im Kampf gegen die Rassentrennung geht es auch jetzt wieder um etwas ganz Grundsätzliches," sagt sie. "Darum, in welche Richtung sich unser Land entwickelt. Deshalb bin ich hier, auch weil ich die Kraft brauche, die mir ein solches Erlebnis schenkt."

Karen Wulf, die neben ihr steht, stimmt zu. "Ich spüre zum ersten Mal seit der Wahl wieder so etwas wie Hoffnung. Wir müssen etwas tun und dürfen uns jetzt nicht abwenden." Wie so viele hätte sie einfach aufgehört, die Nachrichten zu verfolgen, den Kopf in den Sand gesteckt, um "das ganze Elend einfach nicht mehr mitzubekommen".

Für die 48-Jährige, wie für so viele der Männer und Frauen, die aus dem ganzen Land angereist sind, markiert der 21. Januar einen Wendepunkt. "Das liberale Amerika ist aufgewacht, nicht nur hier sondern in all den Städten, in denen heute demonstriert wird", sagt Wulf. Sie erntet viel Zustimmung von den Leuten um sie herum. "Das war heute sein erster Arbeitstag. Und ganz bestimmt nicht unser letzter Protest. Denn das Volk, das sind auch wir."

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