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Nahost

Libanons Truppe - klein und schlecht ausgestattet

Die libanesische Regierung will nach einem Abzug der israelischen Truppen aus dem Süden des Landes eigene Soldaten dorthin verlegen. Doch auf diesen Einsatz sind die libanesischen Streitkräfte kaum vorbereitet.

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Kaum ausgebildet - Libanons Soldaten

Die Meldungen auf der offiziellen Internet-Seite der libanesischen Streitkräfte lesen sich wie Polizeiberichte. "Fahren ohne Führerschein, Treibstoff-Schmuggel, Schlägereien, Verstoß gegen das Meldegesetz, Schießen, Vernachlässigung des Militärdienstes, das Fällen von Strommasten, Diebstahl, Drogen, Prostitution und Angriff auf Patrouillen", lauten die Vorwürfe gegen 454 Verdächtige, die vom 4. bis zum 11. Juli festgenommen wurden. Daran wird sich auch nichts geändert haben, seit einen Tag später die blutigen Kämpfe zwischen der libanesischen Hisbollah und Israel ausbrachen. Während die israelische Luftwaffe Teile von Beirut in Schutt und Asche bomben, ist von der libanesischen Armee nichts zu sehen. Obwohl auch sie einige Opfer zu beklagen hat, allerdings eher durch unglücklichen Zufall. Die Toten werden auf der Web-Seite als "Märtyrer" im Kampf gegen Israel geehrt, obwohl die 60.000 Mann starke reguläre Armee an diesem Kampf gar nicht beteiligt ist.

15.000 Soldaten in den Südlibanon

Das genau aber wäre eigentlich erste Aufgabe der libanesischen Streitkräfte, will man ihren eigenen Publikationen Glauben schenken: Zuerst sollen sie sich der "israelischen Besatzung und Aggression" entgegenstellen, dann die Bürger und die Interessen des Landes gegen Gefährdungen schützen. Nichts davon geschieht, aber das soll sich ändern: Alle Beteiligten gehen davon aus, dass die libanesischen Streitkräfte im Rahmen einer Regelung in den Süd-Libanon einrücken müssen, um dort - wahrscheinlich in Zusammenarbeit mit einer internationalen Truppe - die Autorität der Zentralregierung herzustellen. Am Montag (7.8.2006) beschloss das Kabinett von Ministerpräsident Fuad Siniora auf einer Sondersitzung, 15.000 Soldaten in das von der radikalen Hisbollah kontrollierte Grenzgebiet zu Israel zu entsenden.

Hier liegt freilich auch einer der größten Schwachpunkte aller Überlegungen über die Zukunft des Südlibanon: Die libanesischen Streitkräfte sind weder gewillt noch in der Lage, die jetzt im Süden herrschende Hisbollah zu entwaffnen oder zu vertreiben. Hisbollah wird nicht nur von libanesischen Schiiten als "Widerstandsbewegung" betrachtet und jedes gewaltsame Vorgehen gegen Hisbollah dürfte unweigerlich zu interkommunalen und neuen bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen führen.

Ein wichtiger Grund hierfür ist die Tatsache, dass die Streitkräfte sich mehrheitlich aus Schiiten zusammensetzen - zumindest in den unteren Rängen - und dass diese natürlich nicht bereit sind, auch nur "notfalls" mit Waffengewalt gegen Hisbollah vorzugehen.

Hisbollah wenig entgegenzusetzen

Ein weiterer Grund ist aber auch, dass die libanesischen Streitkräfte viel zu schwach sind, um Hisbollah etwas entgegenzusetzen: Selbst Israel muss erkennen, dass es sich verkalkuliert und die Stärke von Hisbollah falsch eingeschätzt hat. Was sollen da die libanesischen Streitkräfte ausrichten? Es sind Streitkräfte mit einem Jahresbudget von knapp einer halben Milliarde Dollar - Israel hingegen lässt sich seine Streitkräfte jährlich 9,45 Milliarden Dollar (2005) kosten. Es ist eine Armee ohne Luftwaffe, mit leichten Panzern, kaum einer Marine und mit unzureichender Ausbildung: Nach dem Abzug der syrischen Truppen im vergangenen Jahr hat man den einjährigen Wehrdienst halbiert und plante eine gründliche Neuordnung, als dann der Krieg dazwischen kam. Klar ist aber, dass die Streitkräfte gar keine ausreichende Ausbildung haben können.

Libanesische Soldaten in Beirut

Libanesische Soldaten während einer anti-syrischen Demonstration im März 2005

Schiitische Soldaten und christliche Befehlshaber

Solches war zum Teil Konzept und nicht allein Nachlässigkeit: Der Libanon, der sich aus Schiiten, Sunniten, Drusen und verschiedenen christlichen Gruppen zusammensetzt, konnte gar kein Interesse an einer starken Armee haben. Diese wäre nämlich - unter dem verfassungsmäßig vorgeschriebenen christlichen Oberbefehlshaber - immer in Versuchung geraten, für die eine oder andere Gruppe Partei zu ergreifen oder aber selbst an den Konflikten dieser Gruppen zu zerbrechen. Denn natürlich war klar, dass die Sympathien zum Beispiel der schiitischen Soldaten nicht identisch sind mit denen ihrer christlichen Befehlshaber.

An diesen Zuständen kann und wird sich so schnell nichts ändern, selbst wenn das Ausland seine Unterstützung für die libanesischen Streitkräfte vielleicht verstärkt. Die USA zum Beispiel haben elf Millionen Dollar in Aussicht gestellt - angesichts der Milliarden für Israel noch nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch das Angebot von Deutschland, die Streitkräfte auszubilden, dürfte kaum etwas ändern, zumal das Angebot wie ein Versuch Berlins wirkt, sich damit einem direkten deutschen Engagement in einer internationalen Truppe zu entziehen.

Eine Armee für Feiertagsparaden

Die libanesischen Streitkräfte werden deswegen wohl bleiben, was sie seit langem sind: Gut für Feiertagsparaden und zur Manifestierung einer Präsenz der Zentralregierung. Glücklich sind die Länder, die sich für solche Aufgaben eine Armee leisten können. Der Libanon aber gehört nicht dazu - er braucht eine starke, entschlossene und durchsetzungsfähige Truppe. Seine gegenwärtigen Streitkräfte sind eher das Gegenteil.

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