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Nahost

Libanesischer Großayatollah gestorben

Mohammed Hussein Fadlallah, das frühere geistliche Oberhaupt der Hisbollah im Libanon, ist tot. Der schiitische Großayatollah erlag im Alter von 75 Jahren in Beirut einem Leberleiden.

Der libaneische Großayatollah Mohammed Hussein Fadlallah (Foto:ap)

Der libanesische Großayatollah Mohammed Hussein Fadlallah

Der libanesische Großayatollah Mohammed Hussein Fadlallah war eine der führenden Persönlichkeiten des schiitischen Islam. Am Sonntag (04.07.2010) verstarb der Geistliche nach langer Krankheit in einem Beiruter Krankenhaus. Er war erst am Freitag wegen innerer Blutungen ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Trauer und Würdigungen im Libanon

Libanons Ministerpräsident Saad Hariri (Foto:ap)

Libanons Ministerpräsident Saad Hariri zeigte sich bestürzt

Der libanesische Ministerpräsident Saad Hariri erklärte, der Libanon habe eine "große nationale und geistliche Autorität" verloren. Er würdigte den einflussreichen Geistlichen als "Stimme der Mäßigung und Verfechter der Einigkeit". Sein Tod sei ein großer Verlust für die islamische Welt. Die Hisbollah-Miliz rief zu einer dreitägigen Trauerzeit auf.

Der großväterlich wirkende Großayatollah litt schon länger an Diabetes und hohem Blutdruck und lag seit zwei Wochen im Krankenhaus. Vor dem Hospital und vor der Moschee, in der Fadlallah gelehrt hatte, wurden Trauerflaggen aufgezogen. Tausende trauernde Anhänger ließen ihren Tränen freien Lauf. Fadlallahs Rundfunksender und der Fernsehsender der Hisbollah strahlten Koransuren zu seinen Ehren aus.

Der Großayatollah hatte nicht nur im Libanon viele Anhänger, wo er zum wachsenden politischen und religiösen Einfluss des schiitischen Bevölkerungsteils beitrug. Auch in seinem ursprünglichen Heimatland Irak zählte er eine ganze Reihe einflussreicher Leute zu seinen Anhängern, darunter auch führende schiitische Politiker wie den bisherigen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki, dessen geistlicher Beistand er bis zuletzt gewesen sein soll.

Geistiger Mentor der Hisbollah

Irans Ayatollah Khomeini (Foto:ap)

Von Khomeini distanzierte Fadlallah sich schnell

Fadlallah wurde 1935 im irakischen Nadschaf geboren. Anfang der 1950er Jahre siedelte er in den Libanon um. Er verfasste im Laufe der Zeit zahlreiche theologische Werke. 1979 unterstützte Fadlallah die islamische Revolution im Iran. Jedoch distanzierte er sich schnell vom alleinigen Führungsanspruch des Revolutionsführers Ayatollah Khomeini über die Schiiten in aller Welt. Kein schiitischer Religionsführer, nicht einmal Khomeini, besitze ein Monopol auf die Wahrheit, kritisierte er die Machthaber in Teheran.

Vor allem während der ersten Jahre der 1982 gegründeten Hisbollah-Miliz galt er als ihr geistlicher Führer und Mentor. Wie der derzeitige Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah stand auch Fadlallah lange auf der US-Liste internationaler Terroristen. Während des Bürgerkriegs im Libanon von 1975 bis 1990 wurde er mit militanten Schiiten in Verbindung gebracht, die mit Entführungen und Anschlägen auf US-Einrichtungen Aufsehen erregten. Fadlallah wies jegliche Verstrickung in solche Taten zurück, bezeichnete sie aber unter gewissen Umständen als gerechtfertigt: "Wenn jemand eine Kugel auf dich abfeuert", sagte er einmal, "kannst du ihm nicht mit Rosen kommen." Wie die Hisbollah selbst unterstützte er stets die Einführung eines islamischen Regimes im Libanon. Dies dürfe aber nicht gegen den Willen des Volkes geschehen.

Vom Radikalen zum Pragmatiker

1985 entging Großayatollah Fadlallah nur knapp einem Anschlag (Foto:ap)

1985 entging Großayatollah Fadlallah nur knapp einem Anschlag

Der Geistliche selbst entging mehreren Attentaten nur knapp. Im März 1985 tötete eine Autobombe mit Zeitzünder auf seinem Weg zur Moschee 80 Menschen. Fadlallah kam nur davon, weil er mit einer Bittstellerin gesprochen und sich verspätet hatte. Hinter dem Angriff soll angeblich der US-Geheimdienst CIA gesteckt haben.

Sein militanter Tonfall der 80er Jahre, als er gegen den "amerikanischen Imperialismus" wetterte, mäßigte sich später und wurde pragmatischer. In seinen Predigten rief er dennoch immer wieder zum bewaffneten Widerstand in den von Israel besetzten Palästinensergebieten auf und sprach Israel die Existenzberechtigung als Staat ab. Auch die Nahost-Politik der USA hatte er wiederholt offen kritisiert. Dennoch verurteilte der Geistliche stets Terrorakte, so auch die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001.

Bekannt war Fadlallah auch für seine ungewöhnlichen Fatwas: So sprach er etwa geschlagenen Ehefrauen das Recht zu, zurückzuschlagen. In einem anderen religiösen Gutachten verbot er das Rauchen.

Autor: Thomas Latschan (afp, ap, dpa)
Redaktion: Stephanie Gebert