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Asien

Liao Yiwu - Chronist der Unterschicht

Anfang Juli ist der chinesische Dichter Liao Yiwu nach Berlin geflohen. Seine Bücher, die das Leben der chinesischen Unterschicht dokumentieren sind im Land verboten. Er selbst hat mehrere Jahre im Gefängnis gesessen.

Der chinesische Dichter Liao Yiwu bei seinem Besuch in Berlin im vergangenen Jahr (Foto: Axel Schmidt/dapd)

Der chinesische Dichter Liao Yiwu bei seinem Besuch in Berlin im vergangenen Jahr

Das Abendlicht fällt durch die großen Fenster einer Villa im Berliner Westen und reflektiert sich auf Liao Yiwus kahlem Schädel. Seit seinen Tagen im Gefängnis hat er sich die Haare nicht mehr wachsen lassen, die Glatze ist eine Art Markenzeichen geworden. Liao sitzt in einem schwarzen chinesischen Hemd am Tisch. Nachdem er Anfang Juli in Deutschland gelandet ist, ist er erstmal in der Wohnung einer Freundin untergekommen. Gerade ist sein neues Buch "Für ein Lied und Hundert Lieder" auf Deutsch erschienen. Das Buch zu veröffentlichen sei der wichtigste Grund für seine Flucht gewesen. Mehrmals hat der Verlag das Erscheinungsdatum verschoben, weil ihm die Behörden mit Gefängnis gedroht haben. Nun hat er sich ihrem Zugriff entzogen. "Das ist mein wichtigstes Buch", sagt er, "Alles, was ich später geschrieben habe, geht auf die Erlebnisse zurück, die ich in diesem Buch beschreibe."

Vom Avantgarde-Dichter zum Dissidenten

Chinesische Gefängnisse: Überfüllte Zellen und brutale Wärter sind keine Seltenheit (Foto: EPA/ZHANG XIAOLI)

Chinesische Gefängnisse: Überfüllte Zellen und brutale Wärter sind keine Seltenheit

In "Für ein Lied und hundert Lieder" schildert Liao Yiwu seine Zeit in chinesischen Gefängnissen. Liao hatte sich in den Achtziger Jahren einen Namen als Avantgarde-Dichter gemacht und seine Gedichte in staatlichen Literaturzeitschriften veröffentlicht. Über zwanzig staatliche Poesiepreise habe er bekommen, sagt er und lacht. Zu absurd erscheint heute der Gedanke, dass der chinesische Staat einem wie ihm Literaturpreise verleiht. Liaos Werke sind in China längst verboten.

Liaos Laufbahn als Dissident begann 1989, als er am Vorabend des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens ein Gedicht mit dem Titel "Massaker" schrieb. Vier Jahre kam er dafür ins Arbeitslager. Diese Zeit beschreibt er in "Für ein Lied und Hundert Lieder". Schonungslos erzählt er von der Grausamkeit der Gefangenen untereinander, der Gewalt während der Verhöre oder der Brutalität der Gefängniswärter. Zum Beispiel von einem Wärter, den sie den "Sanften Liu" nennen: "Wenn zum Beispiel ein Gefangener nach Herzenslust sang, konnte er ihm vom hinteren Fenster aus lächelnd zunicken. 'Gut drauf heute, was?' Dann ging vorne die Tür auf. Er befahl ihm herauszukommen und noch hundert Lieder zu singen. Das war ein beliebter Spaß unter den Gefängniswärtern. Aber wie das Spielchen dann weiterging, das klang dann ganz anders. Er ließ dich den knisternden Elektroknüppel küssen."

"Vom Dichter zum Chronisten"

In seinem jüngsten Werk verabreitet Liao seine Erlebnisse in chinesischen Gefängnissen (Foto: DW)

In seinem jüngsten Werk verabreitet Liao seine Erlebnisse in chinesischen Gefängnissen

Nach seiner Zeit im Gefängnis hat Liao Yiwu kaum noch Gedichte geschrieben. "Im Gefängnis sollte ich umerzogen werden. Und ich bin tatsächlich umerzogen worden", sagt er mit einem schelmischen Grinsen. "Ich bin vom Dichter zum Chronisten geworden, der die Geschichte dokumentiert." Das allerdings dürfte kaum das Ziel seiner Peiniger gewesen sein. Denn Liao ist zum Chronisten der chinesischen Unterschicht geworden. Er schildert die dunklen Seiten von Chinas Modernisierung. In Deutschland bekannt geworden ist Liao mit der Veröffentlichung seines Sammelbandes "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser". Darin schildert er Begegnungen mit den Underdogs der chinesischen Gesellschaft. Das China, das er darstellt, ist ein China voller Brutalität und Armut. Seine Gesprächspartner sind Menschenhändler, Prostituierte, Grabräuber und Opfer der verschiedenen politischen Kampagnen der letzten 60 Jahre. Ohne Hemmungen erzählen sie ihm ihre Geschichte, scheinen sich nicht die Mühe zu machen, sich in besserem Licht darzustellen. "Sie sehen in mir nicht den Dichter, der kommt, um ihr Leben zu betrachten", sagt er, "Ich bin zweimal geschieden und war im Knast. In ihren Augen stehe ich noch niedriger als sie. Es macht ihnen nichts aus, offen mit mir zu sprechen."

China ist ein riesiger Müllplatz

Die deutsche Übersetzung von Liao Yiwus neusten Buch: Für ein Lied und Hundert Lieder (Foto DW)

Die deutsche Übersetzung von Liao Yiwus neusten Buch: "Für ein Lied und Hundert Lieder"

Das China, das westliche Besucher oder die neue chinesische Mittelschicht zu sehen bekommen, sei nur eine Fassade, sagt er. Das wahre China sei das verkommene, dreckige Land, das er in seinen Büchern beschreibt. Dort sei auch sein Platz als Schriftsteller. "China ist ein riesiger Müllplatz. Aber auf einem Müllplatz gibt es die meisten Geschichten."

Nun hat er seinen Müllplatz und dessen Geschichten verlassen müssen. Vor dem Exil hat er dennoch keine Angst. Die nächsten Monate werden mit Interviews und Lesereisen ausgefüllt sein. Nach Deutschland stehen die USA, Australien und Taiwan auf dem Programm. Und für die Zeit danach mache er sich keine Sorgen, so Liao. Denn auf seinem Laptop sei noch Material für drei weitere Bücher gespeichert.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Chi Viet Giang

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