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Wirtschaft

Letzte Schicht auf Bergwerk Ost

Im östlichen Ruhrgebiet geht eine Ära zu Ende. Nach über 100 Jahren Kohleförderung schließt das Bergwerk Ost, die letzte Zeche im westfälischen Hamm. Fünf Bergwerke gibt es jetzt noch in Deutschland.

Bergmann (Foto: dapd)

Zum letzten Mal ging es für ihn unter Tage

Zum letzten Mal ist der Lichthof auf Bergwerk Ost voller Menschen. Fast 1000 Bergleute sind zur letzten Schicht gekommen und zur letzten Betriebsversammlung. Alles zum letzten Mal. Schwarze Gesichter – einige kommen direkt von ihren Arbeitsplätzen vor Kohle, in 1100 Metern Tiefe. In manchen Augen sind Tränen. "Nein, das ist kein Tag zum Feiern heute", sagt einer Kumpel." Wir wissen nicht erst seit gestern, das unser Pütt schließt, aber bisher haben wir das eben verdrängt." "Wir sind müde nach den jahrelangen Kämpfen um die Steinkohle, ich glaube, ein bisschen haben wir jetzt resigniert", sagt ein anderer. Und: "Hilft ja nichts."

Der Vorstand des Betreibers, der Ruhrkohle-AG, Bernd Tönjes bedankt sich für die Arbeit der vergangenen Jahre. "Es war eine anspruchsvolle Lagerstätte. Nur mit modernster Technik konnte die wertvolle Kokskohle aus großen Tiefen gefördert werden", so Bernd Tönjes. Das macht die deutsche Steinkohle so teuer. Das wissen die Bergleute in Hamm. Und sie wissen auch: Kokskohle ist in der Stahlindustrie begehrt. Experten rechnen mit einem Preisanstieg um bis zu 130 Prozent in den kommenden Jahren. Die Kohle von Bergwerk Ost könnte sich dann vielleicht rechnen. "Darauf haben wir immer gehofft ", sagt einer der Kumpel mit einem Schulterzucken, "doch für uns ist das zu spät." Noch wird in vier nordrhein-westfälischen Bergwerken Steinkohle gefördert, doch 2012 steht schon die nächste Stillegung an.

Bergleute im Bergwerk Ost (Foto: dapd)

Bergwerk Ost war auch ein wichtiger Ausbildungsbetrieb für die Region

Bergwerk Ost verabschiedet sich – aber nicht heimlich.

Eine ganze Region wird es schließlich zu spüren bekommen, wenn auf Bergwerk Ost die Lichter ausgehen, sagt Horst Podzun. Fast ein Viertel Jahrhundert war er Bezirksvorsteher in Herringen, dem letzten Stadtteil von Hamm mit einer aktiven Zeche, dem Bergwerk Ost. Wenn er über den Markt geht, erfährt er viel über die Stimmung der Menschen. "Die meisten sind natürlich ziemlich deprimiert, es kann keiner verstehen, warum man dieses Bergwerk schließt. Ein Bergwerk, das noch viele Jahre wertvolle Kohle fördern kann."

Herringen wird veröden, befürchtet er, und erzählt von den vielen Geschäften, die es früher gab. "Man konnte dort alles kaufen. Aber das ist schon in den letzten Jahren sehr zurückgegangen. Der eine oder andere wird weiter um seine Existenz kämpfen müssen, es werden einige auch noch schließen müssen. Das sind alles düstere Voraussagen, die aber auch eintreffen werden." Wie zuvor schon in Essen und Oberhausen, Dortmund oder Bochum.

Helm (Foto: dapd)

Bis 2018 wird in den verbliebenen Zechen noch gefördert - vielleicht

Düster ist auch die Stimmung beim Oberbürgermeister von Hamm. Für Thomas Hunsteger-Petermann ist die Stilllegung von Bergwerk Ost kein Termin wie jeder andere. Seit Jahrzehnten lebt die Stadt mit dem Bergbau, aber auch mit dessen Rückzug. Fünf Zechen gab es früher in der Stadt, mit 40.000 Mitarbeitern. "Bei drei Schließungen war ich mit dabei", erzählt Hunsteger-Petermann. Der Strukturwandel sei schwierig, auch wenn im neuen Logistikzentrum am Stadtrand in den vergangenen fünf Jahren 2500 neue Arbeitsplätze entstanden seien. Und mit den beiden neuen Fachhochschulen könne man der Stadt eine ganz neue Richtung geben – im Gesundheitssektor zum Beispiel. Doch die Arbeitsplätze vom Pütt, die werden sich nicht ersetzen lassen, schon gar nicht die vielen Ausbildungsplätze, das weiß auch Hunsteger-Petermann. Bergwerk Ost war immer der größte Ausbildungsbetrieb in der Region. Und das war wichtig, denn Lehrstellen sind rar im östlichen Ruhrgebiet. Bis zu drei Bewerber rangeln hier um einen Ausbildungsplatz.

Facharbeiterschmiede für die Region

Auf Bergwerk Ost fanden jedes Jahr 300 junge Männer einen Ausbildungsplatz. Und die Ausbildung hatte einen guten Ruf, sagt Udo Rehrmann. Er hat in 30 Jahren als Ausbilder auf dem Bergwerk Ost Generationen von angehenden Bergleuten ins Berufsleben begleitet. "Man freut sich immer, wenn man sie durch die Prüfung gebracht hat. Und man kann auch aus schwächeren Schülern richtig gute Facharbeiter machen", sagt Rehrmann.

"Wir haben in der Vergangenheit ganze Ausbildlungsjahre für die Wirtschaft ausgebildet", erklärt Reviersteiger Michael Schneider. Über Bedarf ausbilden, so hieß das. "Und das ist schmerzlich, wenn man gute Facharbeiter gehen lässt." Zuletzt gab es für den Nachwuchs im Bergbau nur noch befristete Verträge. Der letzte Jahrgang von 2008 wird seine Ausbildung in der Zeche Auguste Victoria in Marl beenden.

Bergleute im Bergwerk Ost (Foto: dapd)

Einige Kumpel werden in anderen Zechen arbeiten können

Abschied vom Bergbau – und die Aussichten

Auch für Lars Pannewig ist es der letzte Tag auf Bergwerk Ost. 2005 hat er sich für eine Ausbildung im Bergbau entschieden. 21 war er damals und kam vom Bau. Auf Bergwerk Ost hat er sich zum Elektroniker ausbilden lassen. Eine Ausbildung, die sich gelohnt hat, denn zum ersten Oktober wird Lars Pannewig als Betriebselektriker außerhalb des Bergbaus anfangen. Mit ganz neuen Aussichten, sagt er. "Die Firma hat speziell nur nach Leuten gesucht, die im Bergbau tätig sind. Es ist eine Schmiede, da ist es warm, es ist dreckig und die Leute von unter Tage sind das ja gewohnt und deshalb wollten die unbedingt einen haben vom Pütt."

Um Punkt 24 Uhr wird auf Bergwerk Ost die letzte Kohle gefördert. Viele der Bergleute werden auf Zechen in Marl und in Bottrop arbeiten. Bis 2018, wenn es nach dem deutschen Steinkohlefinanzierungsgesetz von 2007 geht. Doch setzt sich die EU durch, könnten schon 2014 die Lichter in allen deutschen Steinkohlezechen ausgehen. "Eine sozialverträgliche Lösung ist dann verspielt", sagt Bernd Tönjes, der RAG-Vorstandsvorsitzende. Betriebsbedingte Kündigungen seien dann nicht mehr auszuschließen. Die Kumpel vom Bergwerk Ost gehen in eine ungewisse Zukunft.

Autorin: Sabine Lachmann

Redaktion: Manfred Götzke