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Fußball

Letzte Ruhe in Königsblau

Fußball ist ein Kult, kennt Rituale und Regeln, wie man sich gegenüber "dem Heiligen“ zu verhalten hat. Doch die Verquickung zwischen dem Sport und der christlichen Religion geht einigen zu weit.

Friedhofsgärtnerin Sabrina Jakubaß pflanzt auf der Baustelle für das sogenannte Schalker FanFeld am 14.11.12 in Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen) ein riesiges Vereinslogo. In Sichtweite der Arena entsteht ein Friedhof für Schalke-Fans in Form eines Stadions. Foto: Bernd Thissen/dpa

Schalker FanFeld Friedhof für Schalke Fans

Es gibt Liturgen wie den Stadionsprecher, der in ritualisierter Form im Wechselgesang mit der Fangemeinde die Mannschaftsaufstellung präsentiert. Es gibt diese farbenfrohen Prozessionen der Fans – fast wie zu Fronleichnam. Gekleidet von oben bis unten in den Farben ihres Vereins, nennt man diese Anhänger nicht zufällig auch "Kuttenträger". Ihre Wallfahrt führt zu jenem Ort mit sakralem Charakter – zum heiligen Rasen. Der heilige Rasen bildet die Mitte der modernen Arenen. Klaus Peter Weinhold, ehemaliger Sportpfarrer der EKD, der evangelischen Kirche in Deutschland, nennt die Fußballarenen "die Kathedralen des 21. Jahrhunderts, die neuen Tempel der modernen Welt."

Heilige Gemeinschaft der Fans

Der evangelische Theologe und Soziologe Joachim von Soosten verweist nicht nur auf äußerliche Parallelen zwischen Religion und Fußball, sondern auch auf den cultus spiritualis. Im Mittelpunkt dieses Kults steht für ihn die heilige Wandlung. "Die Kirche sagt ja: Wir werden im Gottesdienst selbst Leib Christi; und so werden die Fans im Stadionerlebnis selbst zu ihrem Verein. Auf dem Höhepunkt des Stadionerlebnisses ist man Schalke. Man ist nicht für Schalke, sondern man ist der Verein selbst, man ist vergemeinschaftet in den Leib dieses Vereins.“

Blau und weiß – über den Tod hinaus

3D Visualisierungen Schalker Friedhof 30.06.2012 Die Pressebilder sind urheberrechtlich geschützt und dienen ausschließlich der aktuellen Berichterstattung. Die Nutzung der Bilder ist – unter Angabe des Bildnachweises (© Schalke FanFeld) – honorarfrei.

Ein eigener Friedhof für Schalke Fans

Das nächste Kapitel in der engen Verquickung zwischen Religion und Fußball: ist ein Vereinsfriedhof für die verstorbenen Fans von Schalke 04 in Sichtweite der Arena. Letzte Ruhe in Königsblau.

Vor jedem Spiel stimmen die Schalker Fans ihre Hymne an: "Blau und weiß, ein Leben lang“, heißt es da. Von nun an soll die Liebe zum Verein über den Tod hinaus Bestand haben. Das ist die Botschaft des neuen Schalker Friedhofs. Analog zum Gründungsdatum des Vereins können hier 1904 Fans ihre letzte Ruhe finden. Das Gräberfeld ist einem Fußballplatz nachempfunden, mit zwei Toren, einem Mittelkreis und terrassenförmig angelegten Grabstellen, die an eine Tribüne erinnern.

Vereinspfarrer Filthaus im Schalke Trikot . Aufgenommen im Stadium in Gelsenkirchen. Bild zur Verfügung gestellt von Pfarrer Norbert Filthaus 45891 Gelsenkirchen

Vereinspfarrer Norbert Filthaus

Norbert Filthaus ist so etwas wie der Vereinspfarrer von Schalke 04. Er hat keine theologischen Bedenken.

Aber er sagt auch: "Manches ist schon bizarr, etwas verrückt. Man braucht auch Humor, um manche Auswüchse zu ertragen.“ In seiner Christus-Gemeinde in Gelsenkirchen-Buer führt der evangelische Pfarrer auch jetzt schon Bestattungen mit königsblauen Särgen durch - oder mit Urnen, auf denen das Vereinsemblem zu lesen ist. "In meiner Gemeinde habe ich kein Trauergespräch, in dem nicht thematisiert wird, in welcher Beziehung der Verstorbene zu Schalke gestanden hat.“

Religiöse Angebote für Fans sind auf Schalke nichts Neues. Seit elf Jahren wird die Kapelle in der Arena rege genutzt. Bei Eintracht Frankfurt hätten sie in der Stadionkapelle gerade die 37. Taufe vollzogen, merkt Filthaus an. "Wir haben über 900 Taufen und um die 250 Trauungen. Ich dürfte der einzige Pfarrer sein, hier in Westfalen und darüber hinaus, der entschieden mehr tauft als beerdigt.“

Grabstein auf dem Schalke Friedhof30.06.2012 Die Pressebilder sind urheberrechtlich geschützt und dienen ausschließlich der aktuellen Berichterstattung. Die Nutzung der Bilder ist – unter Angabe des Bildnachweises (© Schalke FanFeld) – honorarfrei.

Grabstein eines Fußballfans

Der Fußball kann nicht alles leisten

Neben Schalke und Frankfurt ist Hertha BSC Berlin der dritte Bundesligaverein, der über eine Kapelle im Stadion verfügt. Die treibende Kraft hinter dem Kapellen-Konzept ist Prälat Bernhard Felmberg, sozusagen der oberste Verbindungsmann der evangelischen Kirche zur Bundesregierung und den politischen Parteien in der Hauptstadt. Bernhard Felmberg ist bekennender Hertha-Fan und bietet, ebenso wie sein katholischer Kollege, in der Stadionkapelle neben Andachten, Taufen und Trauungen auch Trauerfeiern an. Für ihn steht aber fest: "Das findet nicht unter dem Symbol von Hertha BSC statt, sondern unter dem christlichen Symbol mit einer klaren christlichen Botschaft.“ Deshalb sei das in der Kapelle des Stadions, in dem viele Menschen ihre Zeit verbracht haben, auch angemessen.

Von einem vereinseigenen Friedhof hält der evangelische Prälat allerdings nichts. Er könne zwar verstehen, dass bei vielen Fans der Verein etwas Wichtiges sei, etwas, nach dem man seinen Alltag ausrichte. "Aber was im Leben und im Sterben trägt, geht über das hinaus, was ein Verein liefern kann. Ich würde als Fußballverein sehr vorsichtig sein, Ansprüche an sich selbst zu stellen, die eigentlich nur eine Religion erfüllen kann.“

Diese Erfahrung scheint der Hamburger Sportverein zu machen. Der HSV hatte als erster Bundesligaverein vor vier Jahren eine eigene Friedhofsabteilung im Schatten der Arena angelegt. Doch die Nachfrage ist dürftig. Bislang wollten sich lediglich vier HSV-Fans im Zeichen der Raute bestatten lassen.

Schalke 04 hat allerdings schon jetzt zahlreiche konkrete Anfragen und Reservierungswünsche. Das sei nun mal eine andere Fan-Kultur, sagt Norbert Filthaus. Der Schalke-Pfarrer ist selbst bekennender Fan und bei jedem Heimspiel der Königsblauen dabei. Das Leitwort seines Vereins: 'Wir leben Schalke‘, könne er voll unterstützen, meint der Theologe. Allerdings schränkt auch er ein: "Es tut dem Fußball gut, wenn er an der zweiten Stelle steht. Die Religion kann für mich nur an der ersten Stelle stehen, alles andere wäre eine Infragestellung Gottes.“



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