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Kultur

Lesen wie Gott in Frankreich

Französische Krimi-Klassiker verschwanden eine Zeit lang aus deutschen Bücherregalen. Jetzt werden die spannenden Geschichten wiederentdeckt. Und sie machen süchtig...

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Unter die Lupe genommen: Französische Krimis

Französische Krimileser müssen glückliche Menschen sein, denn sie haben den Neopolar, die moderne, französische Variante des avantgardistischen Kriminalromans. Fast unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit lieferten Autoren wie Jean Patrick Manchette, Jean Bernard Pouy oder Daniel Pennac dabei in den letzten 20 Jahren das Nonplusultra unterhaltender Erzählkunst ab. Als Gegenprogramm zum Nouveau Roman verzauberten sie ihre Leser mit faszinierenden Charakteren, ungeahnten Perspektiven, halsbrecherischen Erzählverläufen und gesellschaftlicher Relevanz.

Der Lesestoff, der süchtig macht

Eine Zeit lang gab es die Geschichten des Neopolar auch in Deutschland, in billigen Taschenbuchausgaben. Wer einmal angefixt wurde von solchem Stoff, kam nicht mehr davon los. Auf Partys und in Kneipen wurden Anfang der neunziger Jahre kleine, schwarze Büchlein herumgereicht; entrückt sah man später die Beschenkten schmökern. Dann der Schock. Pennac, Pouy und Konsorten verschwanden sang- und klanglos aus den Buchhandlungen; nur mehr in Antiquariaten gab es ihre Abenteuer zu kaufen. Französische Krimis verkauften sich nicht, so lautete die klägliche Begründung der Herausgeber. Und weil die Verlagslandschaft sich immer stärker nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip konsolidierte, gab es Ende der Neunziger kaum Hoffnung auf bessere Zeiten.

Jetzt, wenige Jahre später, hat sich die Krimilandschaft gravierend verändert, einige neue Reihen kleiner Verlage wetteifern mit internationalen Kriminalromanen um die Gunst der Leser. Thomas Wörtche, der Herausgeber der metro-Reihe des Unionsverlages, hatte als Vorreiter bewiesen, dass so etwas funktionieren kann, andere zogen nach.

Neuentdeckung der Klassiker

Und plötzlich boomen auch französische Kriminalromane: Jean Claude Izzo wurde mit seinen globalisierungskritischen Marseille-Geschichten zum heimlichen Bestseller. Beim Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag arbeitet man unter Hochdruck daran, alle Teile der brillanten Malaussene-Saga von Daniel Pennac wieder als Taschenbuch zugänglich zu machen. Und Jean Patrick Manchette, der geistige Vater des Neopolar, wird komplett neu ins Deutsche übersetzt; der Heilbronner Distel Literatur Verlag plant sogar die Herausgabe einer Manchette-Biographie.

Der vor wenigen Jahren neu gegründete Distel Literatur Verlag ist in Deutschland überhaupt die beste Adresse für Kriminalromane aus Frankreich. Distel sicherte sich in einem schlauen Coup die deutschen Rechte an der berühmten Serie Noire des Gallimard Verlages. Gut zwei Dutzend Titel hat der Verlag seitdem ins Deutsche übersetzen lassen. Langsam zeigt sich das ganze Ausmaß der Kulturrevolution, die Verlegerin Marion von Hagen von der schwäbischen Provinz aus anzettelt.

Die Reanimation des Jean Patrick Manchette ist nämlich nur eine Facette des breit angelegten Distel-Programmes, der Schwerpunkt liegt auf den Erzählern der Gegenwart. Und da liegt schon jetzt von Chantal Pelletier bis Jean Bernard Pouy ein so breite Palette an intelligenten und vielschichtigen Romanen vor, dass man als Leser deutscher Kriminalromane vor Neid erblassen könnte.

Die Klassenbeste

Jean Bernard Pouy, der große Stilist, erweist sich dabei mit seinen Geschichten als Primus inter Pares. Pouy ist ein Ausnahmetalent, ein erzählerischer Meister aller Klassen. Romane wie "Larchmütz 5632" oder "Die Schöne von Fonteney" sind in ihrer Mischung aus gesellschaftlicher Relevanz und ästhetischer Versiertheit Meilensteine der Literaturgeschichte. Nur ein Kapitel dieses ausgebufften Erzählers braucht man zu lesen, und man schämt sich für Kritiker und Verleger, die solch brillante Literatur jahrelang missachtet haben. Sei´s drum. Die Zeiten haben sich geändert. Der Markt hat seine Controller und Analysten an der Nase herumgeführt. Auch in Deutschland lesen Krimifans fortan wie Gott in Frankreich.

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