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Bücher

Lesen mit Fahrschein

Eigentlich ist jedes Buch eine Reise in die Fantasie. Bei dem Literaturfestival MobiLES in Nordrhein-Westfalen nimmt man das Reisen ganz wörtlich: Schriftsteller lesen in Bussen und Bahnen.

Busschild mit der Aufschrift Mobiles (Foto: NRW Kultursekretariat)

Die Sitze des Linienbusses sind fast alle besetzt, die Zuhörer hauptsächlich weiblich. Freundinnen unterhalten sich eifrig, Ehemänner schauen den Regentropfen an den Scheiben hinterher. Vorne neben dem Fahrer wartet der Vorleser auf seinen Einsatz: Markus Orths, Jahrgang 1969. Auf Bitten der Insassen geht das zu grelle Neonlicht aus.

Im Dunkeln fährt der Bus an, vorbei an erleuchteten Fenstern, bis nur noch ab und zu ein Licht zu erkennen ist – es geht über Land. Irgendwann hält der Bus und Markus Orths beginnt zu lesen: aus seinem Buch Hirngespinste . Der Ich-Erzähler Martin Kranich, ein Lehrer, fängt gerade an einer neuen Schule an. Er lernt den Referendar Kuller kennen, der ihm von seinem Unterrichtsbesuch erzählt: 9. Klasse, Englisch, Thema: Australien.

Unterricht im Kängurukostüm

Der Referendar steckt die gesamte Stunde über in einem Kängurukostüm. Den Höhepunkt der Szene bildet der Punkt, an dem Kuller einen Bumerang aus dem Fenster wirft, der bei seinem Rückflug ein anderes, geschlossenes Fenster zersplittern lässt. Doch der Nachwuchslehrer lässt sich auch durch dieses Missgeschick nicht aus dem Konzept bringen: "Kuller rief spontan in das Splittern des Glases hinein: 'Oh look! The window is..' 'Broken!', rief die Klasse im Chor. 'Exactly', näselte Kuller unterm Känguru-Kopf", liest Markus Orths vor. Orths kommt mehr und mehr in Fahrt, je weiter die Geschichte fortschreitet. Sein Protagonist wird den Lehrerberuf an den Nagel hängen, um Schriftsteller zu werden.

Erinnerungen an Klassenfahrten

Nach zwei weiteren Lesestopps gibt es eine Pause in einer Gaststätte. Hier mischen sich auch die Insassen eines zweiten Lesebusses unter die Gruppe. Feridun Zaimoglu hat dort aus seinem Buch Hinterland gelesen. Wer Lust hat, kann später in den jeweils anderen Bus umsteigen. Oder Markus Orths weiter lauschen. Der hat mit seinem Protagonisten einiges gemeinsam: Vor seiner Karriere als Schriftsteller war er Lehrer an einem Gymnasium. Bei organisierten Busfahrten steigen in ihm deshalb ganz bestimmte Erinnerungen auf: "Mich erinnert das an die Schulzeit, an Klassenfahrten und ganz hinten, in der letzten Reihe sitzen." Eigentlich sei er kein Fan von Busfahrten, gesteht Orths: "Mir wird da eigentlich immer schlecht, Lesen geht sowieso nicht, aber heute mache ich mal eine Ausnahme." Die Opferbereitschaft wird honoriert: Mit guter Stimmung und viel Gelächter von Seiten der Zuhörer.

In diesem Jahr findet die Lesereihe MobiLES in Nordrhein-Westfalen zum fünften Mal statt. Jedes Jahr sind neue Städte hinzugekommen. Mittlerweile nehmen sieben Städte an dem Projekt teil, sagt Kristiane Michels vom NRW-Kultursekretariat, die die Lesungen mit veranstaltet.

Literatur an ungewöhnlichen Orten

"Die Grundidee war eigentlich, Literatur mal an etwas ungewöhnlicheren Orten anzubieten", so Michels. Jede Stadt habe das Konzept etwas anders umgesetzt: "Das heißt, in einer Stadt wird nicht in Bussen gelesen, sondern in Bahnen, eine Stadt macht die Lesung nicht mehr im Fahren, sondern im Stehen", erklärt Kristiane Michels.

Auf der Rückfahrt lässt sich Markus Orths überreden, während der Fahrt zu lesen – trotz latenter Übelkeit. Seine Stimme dringt etwas scheppernd durch das Mikrofon, die Mitreisenden lehnen sich zurück und lauschen:

"Der Fachleiter war restlos begeistert. So was, sagte er, habe er noch nie erlebt. Das Missgeschick mit dem Bumerang schrieb der Fachleiter der allgemeinen Nervosität zu. 'Kaum der Rede wert', sagte er, man könne sehen, dass der Referendar sich wochenlang auf diesen großen Wurf vorbereitet habe."

Autorin: Sola Hülsewig

Redaktion: Gabriela Schaaf

Markus Orths: Hirngespinste. Roman. Schöffling Verlag. 157 S. 17,90 Euro.