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Hintergrund

Lesen ist Hören ist Sehen

Selbstbewusster mit neuen Medien umgehen, meint Juergen Boos, Chef der Frankfurter Buchmesse

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Das Interesse an deutscher Sprache und Literatur ist weltweit groß. Damit das so bleibt, brauchen wir mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit neuen Medien, meint Juergen Boos, Chef der Frankfurter Buchmesse.

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Ein Paradox sei vorangestellt: Die Arbeitssprache der Buchmesse ist Englisch – und doch ist die Messe mit ein Grund dafür, dass jährlich rund 7.500 Bücher aus Deutschland in rund 90 Ländern gelesen werden, übersetzt in fast 30 Sprachen. Deutsche Printprodukte im Wert von 2,4 Milliarden Euro wurden 2007 exportiert. Die aktuelle Wirtschaftskrise hat diese Werte zwar sinken lassen, der langfristige Trend ist jedoch positiv. Hinter diesen Zahlen steht etwas ganz Außergewöhnliches: ein starkes Interesse an deutscher Literatur und deutscher Sprache.

Damit klar wird, warum ich das so außergewöhnlich finde, möchte ich einen Blick zurückwerfen: 1949 fand in Frankfurt die erste Buchmesse nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Sie wurde in den Fünfzigerjahren zum Symbol für ein wirtschaftlich erstarktes und kulturell spannendes Deutschland. Schon 1953 stammten mehr als die Hälfte der Aussteller auf der Messe aus dem Ausland. Ein entscheidender Faktor war dabei sicherlich, dass hier in Frankfurt deutsche Emigranten als Verleger wieder in Kontakt mit Deutschland traten. Kurt und Helen Wolff etwa waren 1941 aus Deutschland geflohen, hatten in New York "Pantheon Books" gegründet und publizierten nach 1945 deutsche Autoren wie Günter Grass, Walter Benjamin, Uwe Johnson, Max Frisch oder Jurek Becker. Das Vakuum, welches das Dritte Reich mit seiner Verdrängung der Intellektuellen verursacht hatte, wurde wieder gefüllt, die deutsche Buchbranche lechzte nach Stoffen aus dem Ausland – das lockte natürlich ausländische Verlage nach Frankfurt.

Internationales Interesse am deutschen Buchmarkt

In den vergangenen sechs Jahrzehnten hat sich die Frankfurter Buchmesse zur weltweit größten und wichtigsten Messe für die Buch- und Medienbranche entwickelt. In jedem Jahr treffen sich Verlage, Institutionen und Unternehmen aus rund 100 Ländern in Frankfurt, um hier Geschäfte zu tätigen, Kontakte zu knüpfen und sich über Neuheiten und Trends zu informieren.

Heute gehört die deutsche Verlagsbranche zu den wichtigsten weltweit, und die Frankfurter Buchmesse trägt dazu bei, dass sich entwickelnde Buchmärkte von den deutschen Erfahrungen profitieren. Seit über 30 Jahren beispielsweise kommen im Rahmen des Einladungsprogramms kleinere Verlage aus solchen Buchnationen nach Frankfurt, um sich hier über den deutschen Buchmarkt und die deutsche Verlagslandschaft zu informieren. Das Programm wird vom Auswärtigen Amt mitfinanziert.

Diese Form der Förderung ist einzigartig. Genau das ist neben der Ausrichtung der Frankfurter Buchmesse für uns als Unternehmen die wichtigste Aufgabe: Als Tochtergesellschaft des Börsenvereins des deutschen Buchhandels sind wir das ganze Jahr über aktiv und nehmen eine Vermittlerrolle zwischen der deutschen Verlagsbranche und ihren internationalen Geschäftspartnern ein. Wir vertreten deutsche Verlage auf rund 25 Buchmessen im Ausland, informieren über die neuen Trends in der deutschen Literatur, sind Wissensvermittler und tragen so zum guten Ruf der deutschen Kultur und damit auch der deutschen Sprache weltweit bei.

Übersetzung unterstützen

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Als Direktor der Frankfurter Buchmesse bin ich viel im Ausland unterwegs. Meine Erfahrung ist, dass Deutschland nach wie vor den Ruf einer Nation von Dichtern und Denkern genießt. Die Namen von Goethe und Hölderlin, Kant und Hegel, aber auch Habermas und anderen haben im Ausland große Zugkraft. In vielen Ländern wird Deutsch gelernt, um ihre Werke nicht nur in Übersetzung, sondern auch im Original lesen zu können. Die Frage der finanziellen Förderung deutscher Literatur im Ausland ist jedoch zentral. Verlage scheuen oft vor den Kosten der Übersetzung zurück, gerade geisteswissenschaftliche Werke brauchen hier Unterstützung. Ein Beispiel ist das Projekt "Geisteswissenschaften International", das der Börsenverein des deutschen Buchhandels aufgelegt hat, zusammen mit dem Auswärtigen Amt und der Fritz Thyssen Stiftung. Ausländische Verlage bekommen die Übersetzungskosten für ausgewählte geisteswissenschaftliche Titel erstattet – und die Wissenschaftssprache Deutsch wird so unterstützt.

Die zeitgenössische deutsche Literatur ist im Ausland zunehmend gefragt: Die Werke junger Autoren wie etwa Daniel Kehlmann, Charlotte Roche oder Saša Stanišić haben sich in viele Länder und Sprachen verkauft. Initiativen wie der Deutsche Buchpreis des Deutschen Börsenvereins machen deutlich, wie angesehen deutsche Literatur im Ausland ist: Die ausgezeichneten Werke der vergangenen Jahre, beispielsweise die von Julia Franck oder Uwe Tellkamp, werden weltweit in vielen Sprachen gelesen.

Wie verändern die neuen Medien das Lesen, Denken, Sprechen?

"Lesen" wurde 1949 noch gleichgesetzt mit "Bücher lesen". Heute lesen wir auf Bildschirmen und Displays aller Art, Hören und Sehen ergänzen das Lesen. Die Medienwelt ist einem rasanten Wandel unterworfen. Das Internet und digitale Medien gewinnen bei der Grundbildung, also beim Erwerb grundlegender Kenntnisse wie Schreiben, Lesen und Rechnen, immer stärkere Bedeutung. Medienbildung und Medienkompetenz – also die Fähigkeit, die modernen Informations- und Kommunikationsmittel zu verstehen und sicher zu bedienen – sind im Hinblick auf diesen Wandel essenziell, genauso wie die Fähigkeit, sich auf Deutsch zu artikulieren.

Für Kinder und Jugendliche in Deutschland ist der Umgang mit digitalen Medien selbstverständlich. Der Austausch über Soziale Netzwerke wie SchülerVZ oder Facebook ist so normal wie Telefonieren. Eltern und Lehrer tun sich mit diesen Medien oftmals noch schwer. Die neue Kompetenz unserer Kinder wirft Fragen auf: Wie verändern die neuen Medien unsere Art zu lesen, zu denken, zu sprechen? Sind wir und unsere Kinder wirklich gerüstet für den Umgang mit dem Internet, mit Twitter & Co.? Wie lässt sich erkennen, welche Informationen vertrauenswürdig sind und welche nicht? Die zentrale Aufgabe ist es jetzt, neben der – für unsere Kinder bereits selbstverständlichen – Mediennutzung auch die damit verbundene notwendige Medienkritik zu vermitteln und so Medienkompetenz zu erreichen.

Integration: Eine Frage der Sprachkompetenz

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Seit 2006 stellt die Frankfurter Buchmesse die zunehmende Bedeutung von Bildung im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung mit dem Schwerpunkt "Zukunft Bildung" in den Fokus der Öffentlichkeit. Die ganzjährige, international ausgerichtete Initiative Frankfurt Book Fair Literacy Campaign (LitCam), die wir im Rahmen des Schwerpunkts gemeinsam mit unseren Partnern ins Leben gerufen haben, setzt sich mit den Themen Alphabetisierung sowie Grund- und Medienbildung auseinander. Und nicht zuletzt macht das seit 2007 bestehende ganzjährige LitCam-Projekt "Fußball trifft Kultur" deutlich, wie wichtig die deutsche Sprache für eine erfolgreiche Integration ist.

"Fußball trifft Kultur" wird an Schulen in Frankfurt, Hamburg und Berlin angeboten. Im laufenden Schuljahr erhalten die teilnehmenden Kinder – die meist einen Migrationshintergrund haben – zweimal in der Woche Fußballtraining und Förderunterricht mit einem Fokus auf der deutschen Sprache. Die bisherige Erfahrung zeigt, dass die besseren Deutschkenntnisse für die Kinder eine Bereicherung sind. Sie werden selbstsicherer, können besser miteinander kommunizieren und gehen daher auch besser miteinander um. Für diese Kinder ist ihre Kenntnis der deutschen Sprache ein entscheidender Schritt zur Integration und damit gleichbedeutend mit einer besseren Zukunft.

Die deutsche Sprache verändert sich ständig. Neue Wörter werden integriert, alte sterben aus. Im Zeitalter von Globalisierung ist Flexibilität gefragt. Bildung im neuen Jahrtausend stellt andere Ansprüche an die Lernenden. Um den Anschluss nicht zu verlieren und um sich international sowohl als Nation als auch als Individuum behaupten zu können, brauchen wir Medienkompetenz – und eine moderne deutsche Sprache.

NICHT LÖSCHEN!! Weißzeile für Projekt Sprache von Welt? Streiten über Deutsch

Juergen Boos (Foto: Frankfurter Buchmesse / Emmanuel Raab)

Juergen Boos, Jahrgang 1961, studierte nach seiner Ausbildung zum Verlagsbuchhändler Betriebswirtschaftslehre. Seit 2005 ist er Direktor der Frankfurter Buchmesse.

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