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Kultur

Lernen wie im Paradies

Gemeinsames Lernen in der Natur, ohne verfrühten Notendruck und Leistungsstress; der Unterricht fächerübergreifend und die Schüler beflügelt von natürlichem Lerneifer - eine Utopie, die in Wiesbaden Schule machen soll.

Eine Schülerin liest im Grünen.

Natürliches Lernambiente: Auf dem Campus Klarenthal werden neue Wege beschritten.

Am Rande der sanften Taunushügel zwischen Teichen und grünen Wiesen und in einiger Entfernung vom Großstadtlärm Wiesbadens liegt der Campus Klarenthal. Schon am Morgen tönen aus dem Foyer der neu eröffneten Schule beschwingte Klänge eines von Schülerhand gespielten Klaviers begleitet von entspanntem Kinderlachen. Auf dem weiten Schulgrundstück grasen Haflinger-Ponys vor der Kulisse eines alten Klosters - ein Lernambiente, das so gar nicht nach Schulstress aussieht.

Aus dem Schoße von Sambucus und Tilia

Seit Anfang August unternimmt man hier auf Initiative der Reformpädagogin Enja Riegel den Versuch, die Utopie vom lebensnahen Lernen inmitten der Natur Wirklichkeit werden zu lassen. Das Motto lautet: Natur pur. Schulleiterin Erika Wey-Falkenhagen erklärt: "Die Klassen heißen bei uns nicht A oder B, sondern haben Baumnamen. Das hat unser Kindergarten begonnen, da heißen die beiden Gruppen Sambucus, das ist Holunder und Tilia, Linde und wir setzen das fort. Wir haben jetzt eine Alnus-Klasse, das ist die Erle und eine Betula-Klasse, das ist die Birke."

Gruppenarbeit in der Holzwerkstatt

Gruppenarbeit in der Holzwerkstatt: Den Kindern soll das Lernen Spaß machen.

Das Arbeiten mit und in der Natur und die musische Erziehung sind Lernschwerpunkte des Campus Klarenthal. Deswegen werden bis zu 35 Wochenstunden in so genannten Werkstätten unterrichtet. Praktiker vom Fach und auch Künstler bringen den derzeit knapp 50 Schülern der Sekundarstufe I den Umgang mit Pflanzen, Holz und Steinen bei. Aber auch der Umgang mit Computern wird trainiert. In einer speziellen Pferdewerkstatt lernen die Schüler nicht nur Reiten, sondern auch den verantwortungsvollen Umgang mit Tieren.

65.000 Quadratmeter Erlebnisraum

Selbsttätiges Lernen und Forschen gehört zum pädagogischen Konzept, dessen Umsetzung nicht auf herkömmliche Klassenräume, Werkstätten und Musiksäle begrenzt bleibt: Auf einer Fläche von 65.000 Quadratmetern wird der Erlebnisraum Natur mit eingebunden. Das ist für viele der Kinder ein großer Unterschied zu einer herkömmlichen Schule: "Diese Schule bietet vielmehr Platz und hier machen wir auch gute Teamarbeit. An meiner alten Schule war das überhaupt nicht der Fall. Da hat jeder jeden angeschrien, das war blöd“, berichtet der 11-jährige Sahza.

Ein anderes Lernklima geht auch von den bewusst gepflegten Ruhephasen aus, in denen sich Kinder mit einem Buch ungestört an einen Teich oder unter einen Baum zurückziehen können. Lesen, sagt die Reformpädagogin Erika Wey-Falkenhagen, sei die Grundlage für viele andere Lerntechniken wie den eigenständigen Umgang mit Texten oder den Fremdsprachenerwerb.

Wie viele Fußbälle passen ins Foyer?

Schüler löst eine Matheaufgabe im Unterricht.

Sportliche Rechenaufgabe: Leonardo jongliert mit Zahlen und Fußbällen.

Aber natürlich muss Campus Klarenthal wie jede staatlich anerkannte Schule auch traditionelle Lerninhalte vermitteln. Dabei geht man fächerübergreifend und nach einer ganzheitlichen Methode vor. So leitet etwa die Lehramtspraktikantin Christina Zidlicky den 11-jährigen Leonardo bei der Lösung einer selbst gestellten Mathe-Aufgabe an: Wie viele Fußbälle passen in das Foyer der Schule? Leonardo ist stolz auf seinen Lösungsweg: "Also ich habe mit Fußschritten abgemessen wie lang jede Seite ist und dann habe ich abgemessen wie viele Fußbälle in meinen Fußschritt passen und danach habe ich das halt zusammengerechnet."

Allen Schülern am Campus Klarenthal stehen im Unterricht mindestens zwei Lehrkräfte als Ansprechpartner zur Verfügung. Luxus, der seinen Preis hat: Bis zu 875 Euro monatlich zahlen die Eltern an Schulgeld. Ein Studienfonds unterstützt die weniger zahlungskräftigen Familien. Doch für das viele Geld wird auch einiges geboten: Ganztäglicher Unterricht und Betreuung bis 18 Uhr, schuleigene Reitpferde und demnächst auch sogar ein eigenes Theater. "Die Grundidee ist: Gemeinsames Leben und Lernen für ganz unterschiedliche Kinder, für heterogene Lerngruppen und für jedes Kind etwas zu finden, für das es sich interessiert. Grundlage dafür ist aber, dass sich die Kinder hier auf dem Gelände wohl fühlen und in der Gemeinschaft."

Behinderte als Lernpartner

Wohlfühlen sollen sich auch körperlich und geistig behinderte Kinder, die in der Einrichtung, die von der evangelischen Kirche mitgetragen wird, integriert werden. So wie der 12-jährige Toni im Reitunterricht oder Ferdinand, der schon nach wenigen Tagen fast alle seiner neuen Klassenkameraden zu seinen Freunden zählt. Er genießt es ganz besonders, dass er den Schultag unbelastet von Hausaufgaben abschließen kann. Die betreute Lernzeit reicht aus, um das gesamte Pensum während der Schulzeit abzuwickeln. Auch auf Ziffernoten wird an der Reformschule bis zum neunten Schuljahr verzichtet. Stattdessen werden im Schüler-Eltern Gespräch kontinuierlich individuelle und differenzierte Rückmeldungen gegeben.

Am Ende sollen alle Schüler den Campus mit einem staatlich anerkannten Schulabschluss verlassen, ohne dass schon im frühen Kindesalter selektiert werden muss. So meint jedenfalls Schulleiterin Wey-Falkenhagen: "Es gibt ganz viele Wege und Umwege zum richtigen Abschluss und ich denke, dass ist einer der ganz großen Pluspunkte dieser Schule."

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