1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Lernen auf Nordkoreanisch in Japan

In Japan gibt es 69 nordkoreanische Schulen. Sie wollen Bollwerke in der japanischen Gesellschaft sein. Politisch. Ideologisch. Kulturell. Die Integration in die japanische Gesellschaft fördern sie jedoch nicht.

Schüler der nordkoreanischen Schule in Tokio (Foto: DW)

Schüler der nordkoreanischen Schule in Tokio

Rund 50 Schülerinnen und Schüler stehen in der Turnhalle in einem Halbkreis zusammen und singen für den ausländischen Gast ihr Schullied. Sie tragen eine dunkelblaue Schuluniform. Um den Hals haben sie ein rotes Halstuch gebunden. Das lässt sie ein wenig wie sozialistische Pioniere aussehen. Das Schulgebäude könnte innen wie außen einen neuen Anstrich vertragen. Den Einrichtungsgegenständen sieht man an, dass sie alt und abgenutzt sind. Die Schule ist finanziell klamm, und das ist kein Wunder, denn sie wird wie 69 weitere Schulen in Japan von Nordkorea finanziert. Unterrichtssprache ist Koreanisch und es kommen vor allem koreanische Kinder hierher, obwohl die Einrichtung offen für alle ist. Ki Sung Shin ist der Direktor der Schule: "In den meisten Fächern orientieren wir uns am japanischen Lehrplan. Aber das Ziel der Schule ist es ja, Koreaner zu erziehen, deswegen unterrichten wir zum Beispiel die nord- und südkoreanische Geschichte. Japans alte Geschichte der Kaiser und Samurais lassen wir eher außen vor."

Unterrichtsfach "Juche"

Rote Fahne mit einem Porträt des Diktators Kim Il-Sung in Pjöngjang (Bild: AP)

Ein Bild des früheren Diktators Kim Il-Sung, wie hier bei einer Veranstaltung in Pjöngjang, soll früher in jedem Klassenzimmer gehangen haben.

Bis in die 60-er Jahre hinein war ein maßgebliches Ziel der Einrichtung, die Schüler auf ihre Rückkehr nach Nordkorea vorzubereiten. Denn zehntausende Koreaner verließen Japan damals in Richtung Pjöngjang. Zu jener Zeit soll in den Klassenzimmern auch ein Foto des nordkoreanischen Staatsgründers Kim Il Sung gehangen haben. Das aber sei vorbei, sagt Shin und versucht, schnell wieder auf ein anderes Thema zu kommen. Trotzdem steht die nordkoreanische Ideologie des "Juche" noch immer auf dem Lehrplan, auch wenn mittlerweile kaum einer mehr freiwillig nach Nordkorea geht. Heute will die Schule den Kindern vielmehr Stolz auf ihre Herkunft vermitteln. Denn in ihrem Alltag in Japan würden viele koreanische Kinder Diskriminierung und Benachteiligung erfahren, sagt Ki Sung Shin. Er räumt aber auch ein: "Was sie hier über ihre Wurzeln lernen, entspricht zum Teil schon gar nicht mehr der Realität in Nord-und Südkorea heute. Denn von Japan aus bekommen wir oft gar nicht mit, wie sich dort Kleinigkeiten ändern. Aber das finden wir nicht so schlimm, weil es letztlich ja vor allem darum geht, dass die Kinder ihre Herkunft kennen lernen und ein Gefühl für die japanische und die koreanische Kultur bekommen. Denn sie verkörpern ja beide."

Stolz darauf, Koreaner zu sein

Nordkoreaner in einem Park in Pjöngjang am 28.4.2003. Vorn ein junger Mann, der eine Zeichnung anfertigt. (Foto: AP)

Vorbereitung auf die Rückkehr: Nordkoreaner in einem Park in Pjöngjang 2003.

Immer wieder käme es vor, dass die Schüler auf dem Schulweg angefeindet würden, dass Japaner ihnen sagten "Geht endlich wieder heim", erzählt Shin. Wie zum Beweis, dass sich die koreanischen Kinder an der Schule davon jedoch nicht beeindrucken lassen, holt Shin zwei Schüler in sein Büro. Ob sie bei dem anschließenden Gespräch wirklich mitteilen, was sie denken, oder ob sie nur das wiedergeben, was der Direktor hören will, bleibt unklar. Als Shin der 15-jährigen Ho Ju He aufmunternd zunickt, sagt sie: "Meine Eltern haben mich ursprünglich an die Schule geschickt, aber jetzt komme ich gerne her, weil ich angefangen habe, mich als Koreanerin zu fühlen. Und jetzt will ich mehr über Korea wissen." Und ihr Klassenkamerad Ho In Gju ergänzt. "Ich mag den Gemeinschaftsgeist hier: Alle für einen, einer für alle. An japanischen Schulen wird man immer gedrängt, besser zu sein als die anderen. Das ist hier anders, hier entwickelt sich dieser Gemeinschaftsgeist, weil alle zusammen lernen."

Wertloser Abschluss

Mit ihrem Abschluss können die koreanischen Schüler in Japan allerdings nicht viel anfangen. Das Erziehungsministerium in Tokio erkennt die Schule nicht an. Deswegen können sich die jungen Koreaner nicht an einer japanischen Hochschule einschreiben. Ihnen bleibt einzig der Besuch der nordkoreanischen Universität in Tokio. Aber auch das hilft ihnen nicht weiter, denn mit einem Zeugnis von dort kommen sie bei japanischen Unternehmen nicht besonders weit.

Autorin: Silke Ballweg
Redaktion: Mathias Bölinger